2005, C. H. Beck, ISBN10: 3406522076
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Rezension / Compte rendu:
15 "lieux de mémoire" auf Deutsch
Das ganze Frankreich soll es sein: Mit diesem Anspruch traten seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Historiker an, die integrale Geschichte eines Landes darzustellen, das sowohl durch die Vielzahl politischer Umbrüche als auch dank seiner nationalen Kontinuität fasziniert. Der erste große Wurf stammte von Jules Michelet (1798-1874), der in seiner 17-bändigen "Histoire de France" Frankreich als "eine Seele und eine Person" beschrieb. Auf den Romantiker folgte der Positivist: Ernest Lavisse (1842-1922) unterzog in seiner 27-bändigen "Histoire de France" alle nationalen Traditionen einer wissenschaftlich-kritischen Überprüfung, die in einem patriotischen Hymnus auf die Republik gipfelte: "In drei Jahren hat die Republik mehr für Frankreich getan als François I., Henri IV., Louis XIII. und Louis XIV." Mit solchen Werturteilen räumte die von Marc Bloch und Lucien Febvre gegründete Annales-Schule auf, die mit den interdisziplinären Langzeitstudien Fernand Braudels (1902-1985) Weltruhm erlangte. Geschichte wurde nicht mehr im Stakkato der Ereignisse und entlang der Galerien von großen Persönlichkeiten erzählt, sondern entfaltete sich im langen ruhigen Fluss geographischer, sozialer und mentaler Entwicklungen. "Dass die Menschheit bis zum Hals im Alltäglichen steckt", erfuhr man in Braudels dreibändiger Geschichte Frankreichs, die 1986 posthum erschien.
Zwei Jahre zuvor war bereits der erste Band einer wiederum innovativen Darstellung der Vergangenheit Frankreichs unter dem Titel "Les lieux de mémoire" erschienen. Der Name war Programm. Hatten Generationen von Historikern die Geschichte Frankreichs bislang immer als quasi organische Einheit erfasst, so fokussierte das von Pierre Nora herausgegebene siebenbändigen Werk die Aufmerksamkeit auf die "Kristallisationspunkte unserer kollektiven Erbschaft". Diese umfassten Orte, Symbole, Persönlichkeiten, Traditionen, Besonderheiten und Charakteristika, von denen das "nationale Gedächtnis" lebt. Das, was Frankreich zu Frankreich gemacht hatte und worin sich die Franzosen trotz Globalisierung und multikultureller Gesellschaft bis heute wiedererkennen, nahmen "Les lieux de mémoire" in den Blick. Wenn Nora einerseits die chronologische Darstellung verabschiedete, so knüpfte er andererseits an die ursprüngliche französische Tradition identitätsstiftender Geschichtsschreibung an. So ausladend die Bandbreite der "lieux de mémoire" vom Panthéon bis zur Gastronomie, von Lascaux bis Verdun auch sein mag, ihr roter Faden ist dennoch die Singularität Frankreichs als Prototyp einer Staatsnation.
Obwohl das neue Standardwerk dem alten Topos von der "exception française" starke wissenschaftliche Argumente lieferte, machte es international Schule. Besonders groß war das Echo in Deutschland. Nicht nur wurden den "lieux de mémoire" zahlreiche Besprechungen zuteil (siehe auch DOKUMENTE 3/1993); mit dem dreibändigen Werk "Deutsche Erinnerungsorte" (Verlag C.H. Beck) übertrugen Etienne François und Hagen Schulze 2001 Noras punktuelles Mosaikmodell auf die Geschichte eines Landes, dessen nationale Entwicklung weitaus schleppender verlaufen war. Nun hat sich der nämliche Verlag auf das Original besonnen und eine kleine Auswahl der "lieux de mémoire" auf Deutsch veröffentlicht. Für die hiesige Leserschaft qualifiziert haben sich folgende "Erinnerungsorte Frankreichs": Die revolutionäre Triade "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", die, so Mona Ozouf, als "Emblem des Unmöglichen" noch immer "schöpferische Energie" freizusetzen vermag. Mit der Marseillaise stimmt Michel Vovelle die erste moderne Nationalhymne an, während Henri Loyrette das Symbol Frankreichs, den Eiffelturm, besteigt. Vichy, "die Anti-Republik" wird von Philippe Burrin als Ausnahmeregime in der französischen Geschichte analysiert. Jean Carbonnier liest im Code Civil, Alain Corbin lotet die soziokulturellen Spannungen zwischen Paris und der Provinz aus. Pierre Nora nimmt sich der komplexen Beziehungen zwischen Gaullisten und Kommunisten an. Antoine Prost beschreibt Verdun als Erinnerungsort, an dem der Patriotismus zum über- und unmenschlichen Opfergang wurde. Während Armand Frémont den französischen Boden unter landwirtschaftlichen Aspekten beackert, erzählt Jacques Revel, wie es beim Hof zu Versailles zuging. Michel Winock kämpft mit Jeanne d'Arc, François Azouvi zweifelt mit Descartes. Bevor Maurice Agulhon abschließend Paris von Ost nach West durchquert, tritt Georges Vigarello mit der Tour de France in die Pedale. Doch was wäre diese ganze historiographische große Schleife ohne nicht wenigstens eine literarische Etappe? So begleitet Antoine Compagnon Proust "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".
Die imposante Vielzahl und Vielfalt der ursprünglich 130 "lieux de mémoire" muss bei lediglich 15 Erinnerungsorten zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Kommt hinzu, dass bis zu 20 Jahre alte Aufsätze nicht mehr dem neuesten Forschungsstand entsprechen. Das Verhältnis zwischen Paris und der Provinz hat sich verschoben. Die Tour de France kämpfte in jüngster Zeit nicht nur am Mont Ventoux, sondern auch mit dem Dopingverdacht. Das Erlernen der Marseillaise in der Schule ist wieder Pflicht worden. Eine gewisse Idee von Aktualisierung hätte diesem Frankreichbuch gut angestanden. Statt der alten Einführung von Pierre Nora hätte man gerne gewusst, wie der Spiritus Rector der international so populär gewordenen "lieux de mémoire" heute über sein Modell denkt, das er ehedem mit dem durchaus selbstkritischen Verweis auf die "Tyrannei des Gedächtnisses" ausklingen ließ. Nichtsdestotrotz liest man auch diese ausgewählten "Erinnerungsorte Frankreichs" mit Gewinn und Vergnügen, hält man doch auf 660 Seiten ein erlesenes Stück französischen Selbstverständnisses in Händen.
Medard Ritzenhofen



