2007, Christoph Links Verlag, ISBN10: 3861534304
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 5/2007
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 5/2007
Rezension / Compte rendu:
Spannende Frankreichkunde jenseits der Klischees
Erst wenn man die allerletzte Seite des vorliegenden Bandes erreicht hat, wird deutlich, dass der Untertitel "Eine Nachbarschaftskunde" auch für die Bände über Polen, Tschechien und Schweden aus der selben Reihe verwendet wird. Für Frankreich jedenfalls trifft "Nachbarschaftskunde" den Nagel auf den Kopf (obwohl ja gerade private Nachbarschaft in Frankreich anders funktioniert, wie aus dem Buch zu lernen ist). Aber immer geht es darum, Liebenswertes am Anderen zu entdecken, Respekt vor dem zu zeigen, was ihm "heilig" ist, sowie Toleranz und Verständnis für seine "Macken" zu entwickeln, um mindestens miteinander auszukommen, vielleicht sogar, Freunde zu werden.
Das amüsant geschriebene neue Frankreich- Buch von Günther Liehr liest sich sehr gut und erfüllt exzellent den Anspruch, auf einen Frankreichaufenthalt vorzubereiten, der mehr als nur Strand und Museen im Sinn hat und bei dem man auch mit "Land und Leuten" in Kontakt kommen will. Dass der Autor mit dem französischen Alltag bestens vertraut ist, wird jeder Frankreichkenner bestätigen, und an vielen Stellen ruft man unwillkürlich: genau! So zum Beispiel, wenn vom "chronischen Falschaussprechen und Falschschreiben fremder Namen" (S. 125) die Rede ist (nur so reimt sich bei Alain Souchon die Liedzeile: "comme dans ces nouvelles pour dames de Somerset Maugham"), wenn die Franzosen – ob nun die großstädtischen "Bobos" (bourgeois-bohème) oder die passionierten Freizeitjäger der France profonde – wunderbar zutreffend als "staatsgläubige Privatanarchisten" (S. 161) bezeichnet werden oder wenn das Buch ganz am Ende auf die Konflikte in deutsch-französischen Schlafzimmern zu sprechen kommt, zwischen "Galliern, die es gern mollig warm haben" und "Germaninnen, die es selbst im Winter nach frischer Luft verlangt" (S. 229) und nach offenen Fenstern.
Landeskunde für die Praxis wird auf dem aktuellsten Stand vermittelt, zunächst was die Bewältigung ganz banaler, aber für die gegenseitige Wahrnehmung einfach entscheidender Konventionen angeht: Was antwortet man auf "Ça va?", wann erscheint man frühestens bei einer Einladung zu halb acht, wie schließt man einen Geschäftsbrief, was heißt: "le look des keums que kiffent les meufs" (S. 121)? Die Bedeutung der "Convivialité", die größere Hierarchisierung des Arbeitslebens, die kulturelle Bedeutung von Wein und "bouffe", die "rentrée", als "alljährlicher Big Bang des französischen Lebens" (S. 207) – das alles ist so unverzichtbares wie ungeschriebenes (Über)lebens-Wissen.
Die Nachbarschaftskunde bleibt aber bei weitem nicht bei solchen Tipps stehen. Sehr übersichtlich gegliedert enthält sie vielmehr dichte und trotzdem inhaltlich substanzielle Abrisse über die deutsch-französische Geschichte, Stärken und Schwächen der Republik, Staat und Politik, Hierarchien und Eigensinn in der Gesellschaft und schließlich Kultur und Kommunikation. Hier kennt sich der Autor als Redakteur bei "Radio France Internationale" natürlich besonders gut aus, und die Passagen über die französische Medienszene gehören, bei aller gebotenen Kürze, zu den überzeugendsten, die man kennt.
Aber auch die anderen Kapitel haben es in sich. Wie viel Wesentliches hier auf so wenig Raum und dazu noch überaus unterhaltsam vermittelt wird, ist verblüffend. Der geschichtliche Abriss bietet auf rund 60 Seiten einen Ritt durch die französische Geschichte aus der Warte der deutsch-französischen Wahrnehmung: von der Französischen Revolution, Napoleons Herrschaft in Deutschland, die Kriege 1870/71, 1914–18 und 1939– 45, über die Nachkriegszeit, den Algerienkrieg, bis hin zum Elysée-Vertrag, Mai ‘68, zur Europäischen Integration ("Bändigung durch Einbindung in europäische Strukturen", S. 60) und zum ambivalenten Verhältnis zur deutschen Wiedervereinigung. Und es wird nicht mit Fakten und Daten gewuchert, sondern der für die Fremd- und Eigenwahrnehmung im kollektiven Gedächtnis wirksame "rote Faden" herausgearbeitet.
Das gilt auch für die Betrachtung der französischen Besonderheiten, die ohne Blick auf ihren geschichtlich gewachsenen Kontext so oft zu Missverständnissen und Animositäten führen: das so andere Verhältnis zur Geschichte, die Laizität (ein Begriff, der in Deutschland so schwer zu vermitteln ist, siehe Kopftuchstreit), die sehr viel längere Tradition der Immigration (ein Drittel der französischen Bevölkerung hat eingewanderte Großeltern), die Explosion der Vorstädte. Der Autor macht es sich dabei nie einfach und vermeidet Klischees. So waren die verschrieenen Vorstädte eben nicht immer "Depots für die Verlierer im ökonomischen Prozess [...], Stätten der sozialen Perspektivlosigkeit" (S. 103), sondern bedeuteten zunächst durchaus "anstelle von Slums und Bidonvilles [...] für die unteren Einkommensschichten einen nie zuvor gekannten Komfort: Wohnungen mit Badezimmer und WC, Licht, Luft, Sonne und Grün drumherum" (S. 102). Und "nicht alle Beurs schmoren im eigenen Saft in hoffnungslosen Vorstadtghettos" (S. 104).
Auch der vermeintliche französische Atomkonsens wird von Günther Liehr zu Recht infrage gestellt. Er nimmt wesentliche Lebensbereiche in den Blick und stellt die zentralen Unterschiede zu Deutschland heraus, ohne gleich zu werten. Zum Beispiel das Gesundheitswesen: Wer weiß schon, dass die "Sécu" weltweit durchaus als vorbildlich gilt? Die politische Landschaft: Hier ist es noch oft auf der Straße zu finden, "das Volk, der große Lümmel", von dem Heine sprach, und sowohl Attac wie Le Pen sind französische Produkte. Die Familie: Die Hausfrauenehe ist inzwischen ein Minderheitenmodell wie der "Bund fürs Leben" überhaupt, die Hälfte aller Kinder kommt in anderen Familienformen zur Welt und immer mehr Paare, ob homo- oder heterosexuell, entscheiden sich für den PACS. Schließlich das Schul- und Universitätssystem: Das staatlich-zentralistisch organisierte "Mammut", wie die "Education nationale" auch genannt wird, mit seinem sich durch die Schülerbiographien von Beginn an durchziehenden Leistungsdruck, wartet auf der anderen Seite mit einem integrationsfördernden kostenlosen Kindergarten für alle, dem Anspruch auf zumindest formale Chancengleichheit und einer sehr viel besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf. Ein besonderes Lob sei schließlich der Darstellung der Ausnahmen innerhalb der französischen Ausnahme gezollt: der besonderen Rolle von Paris, von Korsika und des Elsass. So fundiert und gleichzeitig auf so knappem Raum findet man das Wesentliche selten zusammengefasst. Zugleich vermittelt dieser kundige Blick aus deutschen Augen auf die Realitäten des französischen Nachbarn die Einsicht, wie wenig selbstverständlich, bei Lichte betrachtet, das Eigene eigentlich ist.
Insgesamt ist die Lektüre jedem zu empfehlen, der sich für Frankreich interessiert, und deswegen natürlich und insbesondere (!) auch allen Französisch- Studierenden. Und allen, die den dümmlich- deutschen Ausdruck "Grande Nation" (vgl. S. 87) für originell halten.
Helga Bories-Sawala



