2011, Bibliothek Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN10: 351822462X
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2012
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 1/2012
Rezension / Compte rendu:
Trauriger Flaneur in würdeloser Zeit
"Niemand weiß und begreift weniger von der eigenen Zeit als die Zeitgenossen", schrieb der Achtundzwanzigjährige in einem Brief, kurz nachdem er in die Wehrmacht eingezogen worden war. Da hatte Felix Hartlaub gerade sein Studium der Geschichte und Romanistik abgeschlossen, und schon nach wenigen Monaten gelang es ihm, als Zivilist und Mitglied der Archivkommission im Auswärtigen Amt nach Paris versetzt zu werden. "Die Weltgeschichte häuft sich in Form von Fernschreiben vor einem auf dem Tisch", schreibt er über seine dortige Tätigkeit im Frühjahr 1941, und diese Verzerrung erklärt wohl sein Verlangen, selbst hinzuschauen und die fremde Pariser Welt mit eigenen Augen zu entdecken.
Für den Leser seiner Kriegsaufzeichnungen aus Paris wiederum sind diese eine Entdeckung, gibt es doch trotz der überbordenden Paris-Literatur nur wenige Texte, die mit soviel Empathie und gleichzeitig geradezu expressionistischer Verve die Stadt beschreiben: Worte wie "Der bleiche Pont Royal hebt sich steil vom Kai, eine alte milde verlorene Glut, in der Kälte von Mond und Stein" lassen an Gemälde von Ernst-Ludwig Kirchner oder Ludwig Meidner denken, und seine Portraitierung der deutschen Besatzer erinnert an die Karikaturen von George Grosz. Aber so distanziert beobachtend Hartlaubs Pariser Kriegsaufzeichnungen auch sind, so unüberhörbar ist die Teilnahme dieses traurigen Flaneurs am Schicksal einer Stadt, die nur noch Schatten ihrer selbst ist, und am Schicksal ihrer Bewohner, deren Schweigen gegenüber den Besatzern Irène Némirovsky in "Suite française" und Vercors in "Le silence de la mer" zur gleichen Zeit unüberhörbar gemacht haben. Umso obszöner wirken die Okkupanten, die in Hartlaubs Paris wie verirrte Statisten eines absurden Stücks auftreten, egal ob es die lärmenden Landser in den Gassen von Montmartre sind oder die Diplomaten in ihrer distinguierten Arroganz, die beim Eintritt in den Speisesaal des Hôtel d’Orsay "ein mit leichter Verbeugung und Zusammennehmen der Hacken kombiniertes Armheben in eine ferne Ecke senden".
In seinem Nachwort vergleicht Durs Grünbein ihn mit Gottfried Benn, aber liegt es nicht näher, den Kontrast der lakonischen Prosa Felix Hartlaubs zum inszenierten Pathos eines Ernst Jünger zu betonen, der zur gleichen Zeit Paris durchstreifte? Während Jünger Sätze raunte wie "Alles war Schauspiel, war reine, vom Schmerz bejahte und überhöhte Macht", beschrieb Hartlaub das Knirpshafte der realen Machthaber und kontrastierte deren tausendjährige Überheblichkeit mit der scheuen Würde einer uralten Stadt. Hartlaub verschwand in den letzten Kriegstagen unter den Trümmern Berlins und mit ihm eine Sprache, die sich mit leisem Sarkasmus und dem Gespür für Stimmungen gegen die Zumutungen einer würdelosen Zeit behauptete.
Clemens Klünemann
Journal de guerre
Affecté à Paris pendant l’Occupation comme civil auprès de la commission d’archives du ministère des Affaires étrangères, Felix Hartlaub, historien et romaniste de formation, a rédigé depuis le Quai d’Orsay de nombreuses notes personnelles pour décrire la vie parisienne sous l’Occupation et dépeindre la ville comme un véritable tableau.
Il n’aura pas eu le temps de publier de son vivant ses « notes de guerre » – il disparaît en effet dans les ruines de Berlin, quelques jours avant la fin du conflit. Dans sa postface, l’essayiste et traducteur Durs Grünbein le compare à Gottfried Benn.
Réd.



