Frankreich-Lexikon

Schlüsselbegriffe zu Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Geschichte, Kultur, Presse- und Bildungswesen

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Schmidt, Bernhard; Doll, Jürgen; Fekl, Walther; Loewe, Siegfried; Taubert, Fritz
2005, Erich Schmidt Verlag, ISBN10: 3503079912

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Rezension / Compte rendu:
Schlüsselbegriffe des heutigen Frankreich

Mehr als zwei Jahrzehnte nach der ersten erscheint nun die zweite Auflage dieses unentbehrlichen Informations- und Arbeitsmittels für alle diejenigen, deren Interesse sich beruflich oder privat auf Frankreich richtet.
Geblieben ist der ursprüngliche Autorenkreis - ausgewiesene Romanisten mit mehr oder weniger ausgeprägter historisch-politischer Orientierung und im Laufe der vielen Jahre weiter gereifte Experten -, erweitert um Fritz Taubert, der seit 1990 an einer Pariser Universität lehrt. Auch der Ansatz dieses Kreises wurde beibehalten, nämlich den deutsch(sprachig)en Nutzer sachlich zu informieren und darüber hinaus Sensibilität für die Besonderheiten beim westlichen Nachbarn zu schärfen, Neugier zu erhalten und zu wecken sowie weitere Beschäftigung mit den vielfältigen Themen anzuregen. Was 1981 leicht doktrinär klang, als etwa im Vorwort erklärt wurde, aus der Geschichte sei "namentlich jene der Arbeiterbewegung" berücksichtigt worden, haben die Verfasser hinter sich gelassen. Der damals schon unzutreffende Eindruck, der sich aufdrängen konnte, das Frankreich-Lexikon wolle ein linkes Kampfinstrument sein, weicht endgültig der Wahrnehmung soignierter Lexikon-Neutralität, die allenfalls durch die beanspruchte Moderatorenrolle relativiert wird. Man wolle, heißt es jetzt im Vorwort mild, "auch einen Beitrag zum interkulturellen Lernen und Verstehen leisten. "Schon die äußere Aufmachung signalisiert Seriosität: großformatiges, repräsentatives Hardcover statt der beiden bescheidenen Paperback-Bände der ersten Auflage. Der Umfang erheischt Respekt: mehr als 1 200 Seiten heute gegenüber den etwa 950 damals. Die kurz gefassten Artikel, welche im Umfang von rund 15 Zeilen bis zu mehreren Seiten variieren, wurden unverändert mit Anschriften, Querverweisen und Literaturangaben angereichert; neu hinzugekommen sind Internetadressen, die auch im Anhang neben Zeittafel und Bibliographie eine eigene Rubrik erhielten. Die bewährten Sachregister, nämlich französische und deutsche Begriffe sowie Personen, finden sich auch in der zweiten Auflage.
Die Neuerscheinung lässt also bei aller Kontinuität die Fortentwicklung eines durchaus akzeptablen Konzeptes erkennen. Von "Académie" bis "Zone Franc" spiegelt der Band das gesamte Spektrum der gegenwärtigen französischen Wirklichkeit wider. Ob "Alcatel" oder "Allocation familiale", "Décolonisation" oder "Église catholique", "France Télécom" oder "Gaullisme", "Liberté- Égalité-Fraternité" oder "Renault", "Tribunal d'instance" oder "Université" - die Register bieten einen schnellen Zugriff zu den sorgfältig erarbeiteten Artikeln beziehungsweise zu Einzelfragen innerhalb eines Artikels. Querverweise laden zur weiteren Information ein.
Die Rätsel der auch in Frankreich grassierenden Abkürzungsmanie werden mit Hilfe des Lexikons schnell gelöst. Unter vielen anderen erfährt der Benutzer, dass SMIC für "Salaire minimum interprofessionnel de croissance" steht und den seit 1970 durch Gesetz geregelten Mindestlohn meint, der am 1. Juli 2003 um 5,7 Prozent auf 7,19 Euro pro Stunde angehoben wurde und bei 1 090 Euro im Monat liegt (35-Stunden-Woche). CSG ist die Abkürzung der in Frankreich viel diskutierten Versicherungssteuer "Contribution sociale généralisée", die seit 1991 auf Arbeits- und Kapitaleinkünfte erhoben wird, um das Defizit der Sozialversicherung abzudecken. PACS (= "Pacte civil de solidarité") heißt das 1999 in Kraft getretene Rechtsstatut für Lebensgemeinschaften von zwei erwachsenen, nicht verheirateten Personen. Mit RATP wird jeder Paris-Tourist konfrontiert, wenn er Bus, Métro oder RER benutzt; weiß er auch, dass das eine "Régie autonome des transports parisiens", das andere "Réseau express régional" heißt und wie beide Einrichtungen funktionieren? Und UMP nennt sich abgekürzt die Sammlungspartei "Union pour un mouvement populaire", die 2002 aus einem Wahlbündnis mit derselben Buchstabenfolge, aber anderer Bedeutung ("Union pour la majorité présidentielle") hervorging - übrigens auch eine gelungene Entfaltung des Parteienbegriffs in Frankreich und ein Beispiel für die Aktualität des Lexikons, denn der Artikel reicht bis zum Hinweis auf die Wahl von Nicolas Sarkozy zum Parteivorsitzenden Ende 2004.
Ernst nehmen die Autoren ihre selbst gestellte Aufgabe, Tiefenstrukturen Frankreichs offen zu legen, die jenseits der Grenzen des Hexagons oft kaum bekannt sind. Unter dem Stichwort "Grandes écoles" beispielsweise wird ihr Effekt der Erhaltung der überkommenen Sozialstruktur und des geringen Maßes an sozialer Mobilität betont. Dies gilt auch für den "Premier ministre", der in der V. Republik eine ganz andere Position einnimmt als der Regierungschef in Berlin, der aber in der Verfassungswirklichkeit Frankreichs je nach bestehenden Mehrheitsverhältnissen über vielfältige Ausgestaltungsmöglichkeiten verfügt. Um noch ein weiteres Beispiel zu nennen: Unter "Syndicalisme" wird deutlich gemacht, wie stark die französische Gewerkschaftsbewegung sich mit ihrer traditionell politisch-ideologischen Ausrichtung von der deutschen Einheitsgewerkschaft unterscheidet, aber auch die jüngste Tendenz erwähnt, sich von der Parteienbindung zu lösen.
So werden politische Kräfte und gesellschaftliche Bewegungen, Bildungssystem und Zeitungslandschaft, Epochen der neueren Geschichte und Persönlichkeiten, geistige Strömungen und wirtschaftliche Themen in einer Weise präsentiert, die Frankreich in seiner jüngeren Vergangenheit und unmittelbaren Gegenwart fassbar machen. Dabei ist seine markante Aktualität sowohl ein Trumpf als auch ein Nachteil: Zur Zeit gibt es wohl kein Nachschlagewerk über Frankreich, das so umfassend, unkompliziert und zugleich so zeitnah informiert, doch bald schon wird dies wieder nur noch eingeschränkt gelten. Hier drängt sich erneut die Frage auf, ob das klassische Nachschlagewerk in Buchform auf längere Sicht gegenüber den neuen Medien eine Chance haben wird.
Natürlich setzt sich jedes Lexikon einer spezifischen Kritik aus, die entweder im Fehlen bestimmter Stichwörter oder am Inhalt bestimmter Begriffserläuterungen festgemacht wird. Warum wurde etwa PEL (= "Plan épargne logement"), nicht aber PEA (= "Plan épargne en actions") aufgenommen? Sind die "Grandes écoles" angesichts ganz neuer Herausforderungen, mit denen auch Frankreich konfrontiert ist, wirklich immer noch so unumstrittene Bastionen eines konservativen Gesellschaftsmodells, wie es der entsprechende Lexikon-Artikel unterstellt? Aber solche möglichen Einwände seien hier nur ganz leise angesprochen. Jede massive Kritik müsste als Beckmesserei erscheinen, denn eine solche Reaktion hätte diese vorzügliche Neuauflage nun wirklich nicht verdient.
Dieter Tiemann

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