2006, Perrin, ISBN10: 2262025762
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Rezension / Compte rendu:
Krisen als Modernisierungsschub
Alexandre Dumas wird die auf den ersten Blick banale Beobachtung zugeschrieben, dass erst die Fronde den noch nicht gekrönten Louis XIX. zu dem gemacht habe, was er dann geworden ist. Dass soziale Spannungen, ja bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen wie die in der Mitte des 17. Jahrhunderts das Symptom schlechthin der französischen Geschichte im Blickwinkel der "longue durée" seien, ist die These des Historikers Jacques Marseille: Im vorliegenden Band analysiert er die großen Konflikte unter der Fragestellung, in welcher Form sie einen Modernisierungsschub für Frankreich bedeutet haben.
Dabei geht er über die in Michel Winocks Buch "Fièvre hexagonale" genannten "Sollbruchstellen" der französischen Gesellschaft zwischen Pariser Commune und Mai '68 hinaus, indem er eine Linie von den Anfängen des Absolutismus unter Charles V. im 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart zieht. "Et si la guerre civile, larvée ou débridée, était en fait le réel moteur de notre histoire longue?", fragt sich Jacques Marseille und versucht, an acht konkreten Beispielen diese Vermutung zu bestätigen: Neben der Entmachtung des Feudaladels unter Charles V. und der Beendigung der Religionskriege durch Henri IV. sowie der bereits erwähnten Fronde gegen den jungen Louis XIV. nennt Marseille die Beendigung der Revolution durch Napoleon und die Gründung des zweiten Kaiserreichs durch dessen Neffen sowie die beiden mit "Charles de Gaulle Ier" und "Charles de Gaulle II." betitelten Schnittstellen des 20. Jahrhunderts, und zuletzt die aktuellen sozialen Konflikte in den Banlieues.
Die sechste dieser acht "transformations majeures" zieht die größte Aufmerksamkeit auf sich, und dies aus zwei Gründen: Zum einen, weil die Periode der "années noires" zwischen 1940 und 1944 bis zum heutigen Tag einen Stachel im Fleische derer bedeutet, die der Kontinuität französischer Geschichte das Wort reden. Zum anderen wegen des hier entwickelten Begriffs des "accommodement", der dem Autor zum Schlüssel der Deutung wird, welcher er am Ende des Buches das Frankreich des Wahljahres 2007 unterzieht. Indem Marseille den Begriff "collaboration" durch denjenigen des "accommodement" ersetzt, insinuiert er eine lange Vorgeschichte des Sündenfalls der III. Republik vom Sommer 1940: Diese sei eine "République de compromis" gewesen, und dies seit der Semaine sanglante vom Mai 1871; ihre tragische Schwäche habe darin bestanden, aus dem sozialen Status quo ein politisches Ideal gemacht zu haben, was zur Folge gehabt habe, dass im Bewusstsein der Bevölkerung das "accommodement'" zur "raison d'être" der Republik geworden sei.
Auffällig ist die Tatsache, dass sich Marseilles' Analyse der großen bürgerkriegsähnlichen Krisen immer mit dem Namen eines großen Mannes verbindet, im Fall der "années noires" sogar mit zwei Namen, nämlich denen der beiden Protagonisten Pétain und de Gaulle - außer natürlich im letzten Kapitel über die " 'guerre des deux France' qui se déroule sous nos yeux", das als unabgeschlossen zu gelten hat. Hier zeigt sich indes, dass Marseilles' wenige Monate vor den Wahlen des vergangenen Jahres erschienenes Buch nicht nur das Werk eines Historikers der "longue durée" ist, sondern ebenso dasjenige eines luziden Beobachters zeitgenössischer Politik: Die "rupture", ein Schlüsselbegriff aus dem Wahlkampf des jetzigen Präsidenten, ist der Gegenbegriff zu jeglichem "accommodement", das Marseille charakterisiert als den Versuch "d'ériger en modèle une société bloquée, de chanter comme refrain 'plus ça change, plus c'est la même chose', d'imaginer que la tradition peut s'opposer au marché et que l'harmonie peut se substituer à la concurrence". Die "rupture" wird vor dem Hintergrund der positiven Bewertung gesellschaftlicher Umbrüche zum Kriterium schlechthin, an dem sich die Erneuerung des Landes zu messen hat. Marseille unterscheidet indes zwischen der "ruptureélan" ("bousculer la France 'abritée' pour mieux servir la France 'exposée'") und der "rupturetrahison" ("jouer le rassemblement au risque assumé de renier sans vergogne et dans les meilleurs délais les engagements initiaux") - noch ist nicht ausgemacht, wie die jüngste Krise der französischen Republik gelöst und vor allem, wie diese Lösung zu bewerten sein wird.
Clemens Klünemann



