Identifikationsmuster in Deutschland, Frankreich und Großbritannien nach 1950
2008, Nomos Verlagsgesellschaft, ISBN10: 3832932917
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Rezension / Compte rendu:
Europäisches Bewusstsein
Identität ist einer der meist diskutierten Begriffe der historischen und sozialwissenschaftlichen Forschung zum europäischen Integrationsprozess. Für die von Maximilian Müller-Härlin dem Frankreichzentrum der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2006/07 vorgelegten Dissertation ist der Ausgangspunkt eine Kritik an der Überbewertung von kollektiver Identität im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenhaltens. In der ständig anwachsenden Literatur über eine europäische Identität bleibe zumeist offen, wie ausgeprägt das Bewusstsein und das Gefühl der Zusammengehörigkeit in Europa tatsächlich seien. Deswegen fragt Müller-Härlin nicht nach dem Bestand von europäischem Bewusstsein, sondern danach, wie gemeinsames europäisches Bewusstsein konzipiert wird. Im Mittelpunkt seiner Untersuchung steht somit nicht eine europäische Identität, sondern wie Formen nationaler und europäischer Identifikation im Verlaufe des Integrationsprozesses konstruiert werden und wie sie sich verändern. Die Präzision der Erforschung eines europäischen Bewusstseins wird dadurch erhöht.
Der große Vorteil dieses Ansatzes liegt jedoch darin, dass die viel gestellte Frage, wie viel Nation und wie viel Europa in der Europäischen Integration stecken, beantwortet werden kann. Anhand von Schlüsseldebatten zur westeuropäischen Integration im deutschen Bundestag, in der französischen "Assemblée Nationale" und im britischen "House of Commons" analysiert Müller-Härlin, wie nationale und europäische Identifikationsangebote und Identifikationsmuster von Politikern formuliert werden. Da nationale Parlamente als zentrale Arenen der politischen Auseinandersetzung für die Definition und Legitimation nationaler und europäischer Politik sowie für das Verhältnis von Nation und Europa gelten können, ist die Quellenauswahl gut gerechtfertigt. Am Beispiel der Debatten zum Schuman-Plan und zur Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in den frühen 1950er sowie den Debatten zu den Verträgen von Maastricht in den frühen 1990er Jahren wird dargestellt, in welcher Form und in welcher Intensität vom eigenen Land, von anderen Ländern sowie von der westeuropäischen Integration und Europa gesprochen wird. Um dies anschaulich aufzuarbeiten, nimmt Müller-Härlin sowohl für die beiden wichtigen Momente des europäischen Einigungsprozesses als auch zu den jeweiligen politischen Situationen in den drei Ländern umfassende historische Kontextualisierungen vor.
Die Antwort auf die Eingangsfrage schließlich ist deutlich: In der überwiegenden Mehrzahl der Debatten in den drei Parlamenten sei primär jeweils vom eigenen Land die Rede. Erst sekundär werden Formen der Integration formuliert und diskutiert, die zu einer Einheit Europas führen sollen. In den bundesdeutschen Debatten der frühen 1950er Jahren werde beispielsweise trotz einer großen Europa-Euphorie vorrangig über das geteilte Deutschland, den Platz der Bundesrepublik im Westen und über die Deutung der jüngeren Vergangenheit gesprochen. Dies ist jedoch ein wenig überraschendes Ergebnis, da die junge Bundesrepublik sich kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges tief in der Selbstfindungsphase befand. Erstaunlich ist vielmehr, dass die Debatten der frühen 1990er Jahre - nach etwa 40 Jahren Integrationsprozess - sich in allen drei Parlamenten immer noch sehr nationalstaatsfixiert zeigen. Die weitere Übertragung von Kompetenzen auf die europäische Ebene, so Müller-Härlin, löse in Frankreich Diskussionen über die eigene Verfassungstradition aus. In Großbritannien handele es sich in erster Linie um Debatten zum Verhältnis des Landes zu Europa und zur ökonomischen Abhängigkeit. Und in Deutschland sei die Maastricht-Debatte eher vom latenten Stolz auf die Stabilität der deutschen Währung geprägt als von Europa-Euphorie. Außerdem stehe in allen drei Parlamenten die Wahrung nationaler politischer Handlungsfreiheit in den Grenzen der auf die europäische Ebene verlagerten Kompetenzen völlig außer Frage.
So lautet das Ergebnis dieser anspruchsvollen Untersuchung, dass in den französischen, deutschen und britischen parlamentarischen Debatten zur Europäischen Integration eine starke Fixierung auf den Nationalstaat stecke, aber nur wenige Bemühungen zur Stärkung europäischer Identifikationsangebote. Darin liegt vermutlich auch der Grund, warum die Studie - einziger Wermutstropfen - nur vereinzelt europäische Identifikationsmuster eingehender erläutert.
Christian Salm



