Das Gras

Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Simon, Claude
2005, , ISBN10: 3832179089

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 5/2005 

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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 5/2005 

Rezension / Compte rendu:
Geschichte machen heißt, sie zu ertragen

"Niemand macht die Geschichte, man sieht sie nicht, sowenig wie man das Gras wachsen sieht." In Boris Pasternaks Roman "Doktor Schiwago" ist es Jurij Andrejitsch, also Schiwago selbst, der diesen Gedanken äußert. Nur wenige Jahre später griff der französische Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Claude Simon diesen Satz auf und stellte ihn als Motto seinem Roman "L'Herbe" ("Das Gras") voran. Damit hatte - 1958 erschien der Roman bei den Éditions de Minuit - Simon sein Thema skizziert: Geschichte als dunkle und machtvolle Bewegung, die nicht vom Menschen gestaltet wird, sondern durch ihn hindurch geschieht, Existenz mithin als Synonym für die Vereinzelung des Individuums im Wirrwarr eines konfusen Raumes. Diese Geschichtsauffassung war auch das Credo jener merkwürdigen französischen Literaturrichtung des "nouveau roman", zu dessen bekanntesten Vertretern neben Simon Autoren wie Nathalie Sarraute und Michel Butor gehörten.
Simons früher Roman "Das Gras" wurde 1970 von Erika und Elmar Tophoven erstmals ins Deutsche übersetzt. Das Buch kam bei Luchterhand heraus und wurde - man muss dies wohl sagen - eine Art Ladenhüter. Ein größeres Publikum nämlich hat Simon bis heute nicht in Deutschland gefunden. Er gilt als schwierig, man muss sich auf ihn einlassen. Von Luchterhand wanderte Simon zu Piper und Rowohlt, und jetzt legt DuMont eine überaus geschmeidige und elegante Neuübertragung von Eva Moldenhauer vor.
Worum geht es in "Das Gras"? Der Roman erzählt vom langsamen, mühevollen Dahinsiechen einer alten Frau, die im oberen Stockwerk eines heruntergekommenen Landsitzes im Bett liegt. Während die 80-jährige Marie im Halbdunkel ihres Schlafzimmers dem Tod entgegen dämmert, besinnt sich Louise, die Frau ihres Neffen, auf all' das, was bis zu diesem Zeitpunkt geschehen ist: In ihren Reflexionen wird das Leben einer ganzen Familie beschrieben. Simon hat ihre Mitglieder ohne viel Umstände aus der Ahnengalerie genommen, aus dem Bilderrahmen gelöst und als handelnde und sprechende Bezugspunkte in die zutiefst melancholische Erzählung eingefügt. "Das Gras" ist Prosa aus der Nähe des Todes. Agonie, Verfall und Zersetzung sind die bestimmenden Elemente des Geschehens. Oft sind es kleine, kaum merkbare Einzelheiten, die assoziativ Sinneswahrnehmungen hervorrufen, sie wieder vertreiben und neue entstehen lassen. Es war die Eigenart des heute über 90-jährigen Romanciers, Bilder als Bauelemente oder Modelle für die Schilderung bestimmter Situationen zu verwenden. Dazu gehörte auch, dass Simon die Hauptperson, die im Gras träumende Louise, lediglich als Organisationsprinzip bemüht, das die Lücken und Brüche zwischen mehreren Bild- und Geschehniskomplexen auf verschiedenen Ebenen zu einem verwirrenden, gleichwohl aber logischen Puzzle zusammenfügt. Die neue Ausgabe von "Das Gras" gewinnt nicht nur durch die bibliophile Eleganz der Aufmachung. Auch der Übersetzerin muss man ein Kompliment für die Stimmigkeit ihrer einfühlsamen Sprachhaltung machen.
Wolf Scheller

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