Nacht und Nebel

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Lindeperg, Sylvie
2010, Vorwerk 8, Berlin 2010, ISBN10: 3940384240

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2011 

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Rezension / Compte rendu:
Ein Film in der Geschichte

Une étude sur la création et la réception du film d'Alain Resnais « Nuit et brouillard » en 1955, documentaire emblématique du travail de mémoire en France après la Seconde Guerre mondiale.

"Vous n’avez encore rien vu" (2011) heißt der neueste Film des Filmemachers Alain Resnais. So hätte jener Dokumentarfilm betitelt sein können, der zehn Jahre nach Kriegsende entstand und seither einem internationalen Publikum in schonungsloser Nüchternheit vor Augen führt, was sich hinter den Mauern und Zäunen von Auschwitz ereignet hat. Der Titel der filmischen Kollage "Nuit et Brouillard" stellt ebenso vielschichtige Bezüge her wie das verwendete Film- und Bildmaterial: Wagners spielerische Zauberformel "Nacht und Nebel" zur Verwandlung eines Menschen in eine Nebelsäule wurde im Nazijargon zum zynischen Decknamen von Verfolgungsaktionen, die sich gegen Widerstandskämpfer in den besetzten westeuropäischen Gebieten richteten. Einer dieser Widerstandskämpfer war der französische Dichter Jean Cayrol, dem es gelang, in Mauthausen "Poèmes de la nuit et du brouillard" zu schreiben. 1963 machte Jean Ferrat, dessen Vater in Auschwitz umkam, diese inzwischen zur Metapher für Deportation und Vernichtung gewordene Bezeichnung zum Titel eines eindrücklichen Chansons. Auch im Film werden die Zeitebenen unerbittlich kontrastiert: Dem Gras des Vergessens über den Ruinen der Todesfabrik in friedlich farbiger Nachkriegslandschaft werden schwarzweiße Zeugnisse des Grauens entgegengehalten. Der eindringliche Kommentar konfrontiert den Zuschauer mit der Frage nach den Verantwortlichen. "Es ist nahezu unmöglich, über diesen Film in der Sprache der Filmkritik zu reden", befand François Truffaut. Für den Filmkritiker der Cahiers du Cinéma war es 1956 "der Film, und die anderen nur noch belichtetes Zelluloid". Jede Generation sucht seither ihre eigene Sprache für diesen Film. Aber spricht uns Resnais Film heute überhauptnoch an? Haben wir doch unzählige andere Dokumentar- und Spielfilme über die Konzentrationslager gesehen. Einzelne Bilder und Sequenzen aus "Nuit et Brouillard" führen überdies seit langem ein Eigenleben. Sie werden, wie Volker Schlöndorf 2005 in seinem Kommentar in der Reihe Filmkanon feststellte, "inflationär, wahllos zu Illustrationszwecken" als "Bildschnipsel" eingesetzt. Sie dienen – wie jenes Bild eines Jungen mit erhobenen Händen im Warschauer Ghetto – als kanonisierte "Zeichen für Holocaust", obwohl die Verfolgung der Juden in Resnais’ Film gar nicht explizit thematisiert wird. Im deutsch französischen Geschichtsbuch Histoire/Geschichte (2006) steht ein Bild aus "Nuit et Brouillard" wiederum als Symbol für die zögerliche Auseinandersetzung Frankreichs mit dem Vichy-Regime. Das von der Filmzensur beanstandete Foto zeigt das Internierungslager Pithiviers. Ein schwarzer Strich am Bildrand musste im Film die Mütze eines französischen Gendarmen verdecken. Sylvie Lindeperg, Professorin für Filmgeschichte an der Sorbonne, suchte für ihre Studie "Un film dans l’histoire" (Odile Jacob, 2007) einen Zugang jenseits dieser allzu bekannten Betrachtungsmuster. Sie analysiert die Entstehung und Rezeption von "Nuit et Brouillard" als "Mikrogeschichte" eines "tragbaren Erinnerungsortes". Für diese wegweisende Arbeit, die 2010 in einer gelungenen Übersetzung von Stefan Barmann im Berliner Verlag Vorwerk 8 auf Deutsch erschienen ist, erhielt sie 2007 den Preis der französischen Filmkritik. Lindeperg stellt nicht den berühmten Namen Alain Resnais in den Mittelpunkt. Sie umrahmt die Filmbiographie mit einem einfühlsamen Lebensportrait der Historikerin Olga Wormser-Migot, die an der Entstehung des Films maßgeblich war. Durch diese Verknüpfung von Geschichtswissenschaft und Filmgeschichte wird erkennbar, was diesen Film so einzigartig macht: "Nuit et Brouillard" markierte "gleichzeitigden Entwurf und die erste Synthese einer im Werden begriffenen Geschichte". Welches "Wagnis des Blicks" dieser Film in seiner Zeit darstellte, kann nur ermessen, wer sich vergegenwärtigt, dass dem Filmteam die Auswahl des Bildmaterials aus den Archiven wie eine zweite Selektion vorkam und es bei den Dreharbeiten mit Kameraschienen arbeitete, die parallel zu jenen Gleisen lagen, die zur Rampe von Auschwitz führten. Mit kundigem Blick eröffnet Lindeperg dem Leser Einblick in die Werkstatt des Filmemachers. Sie nimmt behutsam die miteinander verschmolzenen Einzelbilder auseinander und rekonstruiert, welche Bilder aus der NS-Zeit und welche nachder Befreiung der Lager entstanden waren. Das Filmteam hatte beide Bildgenerationen nach ihrem Symbolwert ausgesucht und zu einem Bedeutungsamalgam zusammengesetzt. Die Tatsache, dass wir heute mehr über die Todeslager wissen und anders mit Archivmaterial umgehen, wirft in Lindepergs Lesart keinen Schatten auf Resnais’ Film. Einfühlsam rekapituliert sie auch die Entstehung des Filmkommentars. Die poetische, zugleich sachlich abwägende Sprache war für den Schriftsteller Jean Cayrol eine Möglichkeit, in der dritten Person von den im KZ Mauthausen durchlittenen Leiden zu sprechen. Der Komponist Hanns Eisler hatte schließlich, auf besonderen Wunsch des Regisseurs, dem Film eine musikalische "deutsche Stimme" als "dramaturgischen Kontrapunkt" hinzugefügt. Eine weitere ästhetische Anverwandlung erlebte der Film mit der deutschen Übersetzung des Kommentars durch den Lyriker Paul Celan, der die poetische Kraft des Originals noch steigerte und zudem den "Genozid als Subtext" in den Film einführte. Die Rezeption von "Nuit et Brouillard" wurde innerhalb und außerhalb Frankreichs zum Spiegel des jeweiligen Umgangs mit der Vergangenheit. Allein die Etappen der Auseinandersetzung und Aneignung des Films im geteilten Deutschland lassen sich nicht verstehen, ohne den Kontext der deutsch-deutsch-französischen Beziehungen einzubeziehen. Sylvie Lindeperg durchleuchtet zunächst das "Wirrwarr" auf dem Filmfestival von Cannes 1956. Die ablehnende Intervention der deutschen Botschaft gegen den Film, das Entgegenkommen der französischen Bürokratie, sowie die öffentlichen Proteste gegen das "deutsche Diktat" werden im Licht der damaligen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Frankreich verständlicher. Die Übernahme und Rezeption des Films in Westdeutschland lässt sich indes nicht auf politische Entscheidungen wie das Entfernen einer musikalischen Passage, der Eislerschen Variation des Lieds der Deutschen, reduzieren. Lindeperg entwirft ein spannendes Panorama der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft im Umgang mit Resnais’ Film. Die Analyse der ostdeutschen Rezeptionsgeschichte überrascht Alleinvertretungsanspruch der DDR-Kulturpolitik dagegen schon in der kriegerischen Wortwahl. Was als "Übersetzungsgefechte" und "Waffengänge" beschrieben wird, war dem sicherlich bornierten im Umgang mit antifaschistischen Themen geschuldet. Zweifellos wurde mit der Entscheidung, eine ostdeutsche Übersetzungsversion anzufertigen, die Chance zur künstlerischen und politischen Offenheit vertan. Auch lässt sich der Schriftsteller und Übersetzer Henryk Keisch, der in Frankreich in der Résistance gewesen war, nicht mit Paul Celan vergleichen. Zur Wirkung des Films in der DDR wäre allerdings mehr zu sagen, als nur dass er auf Sondervorführungen beschränkt blieb, bis ihn eine veränderte Fernsehfassung in der Reihe der Filme contra Faschismus (1974) einem breiteren Publikum zugänglich machte. In der DDR traf Resnais Film auf einen vorbereiteten Boden zum Thema "Faschismus und Krieg"; Erwartungen und Interpretationsmuster der Zuschauer waren bereits von früheren Filmen geprägt. Die deutsch-deutsche Rezeption von "Nuit et Brouillard" ließe sich zu einer noch vielschichtigeren Analyse vertiefen. Es spricht für die Qualität von Sylvie Lindepergs Studie, die abschließend auch die Rezeption des Films in den USA und in Israel vergegenwärtigt, dass sie dazu anregt, die Spuren des "Films in der Geschichte" weiterzuverfolgen.
Sandra Schmidt

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