Die französischen Intellektuellen und die deutsch-französische Verständigung 1944-1950
2004, Peter Lang Verlag, ISBN10: 3631521952
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Rezension / Compte rendu:
Französische Mittler nach dem Zweiten Weltkrieg
Das vorliegende Buch ist die erweiterte und überarbeitete Fassung einer Dissertation, die Martin Strickmann an der Universität Köln unter der Betreuung von Professor Jost Dülffer angefertigt hat. Strickmann recherchierte für seine Dissertation im Forscherteam des Pariser Deutschen Historischen Instituts. Und so ist das Hauptverdienst der Arbeit über die französischen Intellektuellen im deutsch-französischen Verständigungsprozess von 1944 bis 1950 in der Auswertung und Bewertung einer umfangreichen Materialsammlung von Primär- und Sekundärquellen zu suchen, die auf sinnvolle Weise durch Interviews mit den Akteuren und zahlreichen französischen und deutschen Forschem ergänzt werden.
Strickmann beginnt mit einer kurzen Skizzierung des historisch-politischen Umfeldes, in dem die Anfänge einer deutsch-französischen Annäherung stattfinden, sowie mit einem vergleichenden Überblick über die Intellektuellengeschichte in Deutschland und Frankreich. Dabei spielen das traumatische Erlebnis der demütigenden Niederlage der "Grande Nation" nach dem nur wenige Wochen andauernden Blitzkrieg im Juni 1940 sowie die bedingungslose Kapitulation des Dritten Reiches eine entscheidende Rolle. Während der deutschen Besatzungszeit (1940-1944) spalten sich die französischen Intellektuellen in eine Minderheit faschistischer Vichy-Kollaborateure (Brasillach, Drieu La Rochelle), vorwiegend aus dem Umkreis der "Action Française" (Charles Maurras), und einer Mehrheit von Widerstandskämpfern sowohl gaullistischer wie kommunistischer oder linkskatholischer Provenienz (Raymond Aron mit de Gaulle im Londoner Exil, Albert Camus, Claude Bourdet, Vercors, die Germanisten Edmond Vermeil, Robert Minder, Robert d'Harcourt, der Begründer Zeitschrift "Esprit" Emmanuel Mounier, um nur einige wenige zu nennen). Strickmann widmet ihnen in der Regel eine biographische Notiz, so dass der Leser sich schnell und zuverlässig in der Vielfalt der Mittlerpersönlichkeiten zurechtfinden kann. Im Mittelpunkt stehen zwei Doppelbiographien: Sartre und Aron, genannt "le Sartron", sowie Grosser und Rovan, die einige in Analogie "le Grosvan" nannten. Sie alle haben eine entscheidende Rolle im Verständigungsprozess der ersten Nachkriegsjahre gespielt. Was "le Grosvan" angeht, so hat Joseph Rovan bis zu seinem letzten Lebenstag an einer französischen Geschichte für Deutsche geschrieben, und Alfred Grosser, dessen 80. Geburtstag soeben mit zwei wissenschaftlichen Kolloquien gebührend gewürdigt und gefeiert wurde, ist weiterhin mit großer kritischer Kompetenz als deutsch-französischer Mittler tätig. Strickmann beschreibt ihren Lebensweg und ihr Engagement mit bewundernder Sympathie, indem er zugleich die gemeinsame Zielsetzung und die unterschiedlichen, sich aber ergänzenden Strategien herausarbeitet. So gelungen die schriftlichen Porträts sind, so wenig überzeugend erscheinen die Umschlag-Zeichnungen der vier Persönlichkeiten, vor allem die von Grosser und Rovan.
Das nicht immer konfliktfreie Zusammenspiel zwischen den Initiativen der Vertreter der Zivilgesellschaft und der offiziellen Kulturpolitik in der französischen Besatzungzone wird zutreffend analysiert. Der Verfasser weist zu Recht darauf hin, dass diese Interaktion in vielen Fällen durch die Personalunion zwischen den Mittlerpersönlichkeiten und den Behördenvertretern erleichtert wurde. So waren etwa der Germanist Raymond Schmittlein als Leiter der Kulturabteilung in Baden-Baden, die meisten Kulturoffiziere in der Zone sowie die Direktoren der französischen Institute Universitätsangehörige. Auch Rovan selbst ist ein gutes Beispiel für diese Mobilität: Als Spezialist und Präsident der privaten Einrichtung für Volksbildung (Peuple et Culture) wurde er Leiter der Abteilung für Volksbildung in der Kulturverwaltung unter Schmittlein in Baden-Baden. In dieser Funktion hat er unter anderem die von den Nazis geschlossenen deutschen Volkshochschulen wieder aufgebaut.
Die Verflechtung privater und staatlicher Initiativen findet ihren Niederschlag in der zentralen Rolle, die privatrechtlich organisierte, aber mit öffentlichen Mitteln subventionierte Institutionen in der unmittelbaren Nachkriegszeit gespielt haben. Der Verfasser beschreibt ausführlich ihre Gründung, Zusammensetzung und Funktionsweise: so das Grosser-Mounier-Comité (Comité français d'échanges avec l'Allemagne nouvelle), gegründet 1948, und die deutsche Partnerorganisation das "Deutsch-Französische Institut", von Carlo Schmid 1948 in Ludwigsburg ins Leben gerufen. Der Jesuitenpater Jean du Rivau gründete bereits im August 1945 als Privatinitiative die beiden bis heute bestehenden Zeitschriften DOCUMENTS und DOKUMENTE und etwas später B.I.L.D. (Bureau international de liaison et de documentation) und sein deutsches Pendant, die Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (GÜZ). Für die Kooperation mit der DDR gründete der soeben verstorbene Gilbert Badia, Mitglied der kommunistischen Partei, den Cercle Heinrich Heine, der 1956 in die bis heute bestehende Vereinigung "Échanges franco-allemands" umbenannt wurde. Die von diesen Institutionen initiierten zahlreichen Veranstaltungen - Treffen von Intellektuellen und Literaten, Jugendaustausch, Vorträge (an der Sorbonne), Theateraufführungen, Ausstellungen, Bücherschenkungen, Zeitschriftenartikel (vornehmlich in "Esprit' und den "Frankfurter Heften) - , sowie die vielen Gründungen im Kultur- und Universitätsbereich und schließlich die Initiativen der protestantischen und katholischen Kirche finden in Strickmanns Studie reichlich Erwähnung. Er lässt kein Zweifel daran, dass die Kulturpolitik im Mittelpunkt der französischen Umerziehungs- und Demokratisierungspolitik der faschistisch infizierten Deutschen stand.
Kritische Wissenschaftler mögen auch auf Fehler und Unstimmigkeiten aufmerksam machen. So wird in der Bibliographie unter dem Datum 2000 ein Buch von Hans Manfred Bock ("Versöhnung oder Subversion") aufgeführt, das es noch gar nicht gibt. Joseph Rovan wird die Gründung der Verwaltungshochschule in Speyer nach dem Vorbild der ENA zugeschrieben. Dies ist schon aus chronologischen Gründen nicht möglich, da Rovan erst 1948 in die Kulturverwaltung der französischen Zone kam, die Hochschule in Speyer jedoch bereits 1945 von Schmittlein geplant und gegründet wurde. Auch kann man seine Zweifel hegen, ob eine Klassifizierung der französischen Intellektuellen in vier Gruppen je nach ihrer Haltung gegenüber Deutschland sinnvoll ist, so wie bei dem Blümchenorakel: liebt die Deutschen, gar nicht, ein wenig, viel, über alle Maßen. Aber Strickmann selbst relativiert diese Etikettierung, indem er ihr lediglich die Bedeutung einer ersten Orientierung zuschreibt.Bei einer so breit angelegten Arbeit sind kleine Unstimmigkeiten wohl als lässliche Sünden zu bewerten. Allerdings hat man den Eindruck, dass der Verfasser unter Zeitdruck stand und dass gewisse Nachlässigkeiten bei sorgfältiger Überarbeitung hatten vermieden werden können. Aber aufs Ganze gesehen bleibt zweifellos ein positiver Gesamteindruck: Die Arbeit hat einen enormen Informationswert, sie macht einem breiten Leserpublikum einen komplexen und vielschichtigen Sachverhalt in klarer und ansprechender Form zugänglich. Dabei ist das Engagement und die Sympathie des Verfassers für seinen Gegenstand, die deutsch-französische Verständigung, und deren Akteure, die französischen Intellektuellen, unverkennbar.
Hansgerd Schulte



