Deutschland seit dem Mauerfall aus der Sicht französischer, italienischer und spanischer Deutschlandexperten
2010, Logos, Berlin 2010, ISBN10: 3832525262
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2012
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 1/2012
Rezension / Compte rendu:
Historische Dimensionen
Anfang 2011 bekam ich das hier zu rezensierende Buch in die Hand und las dort, dass sich in französischen Veröffentlichungen seit der Wiedervereinigung – vorwiegend aus dem Genre Essai bzw. Populärwissenschaft – bis in die Gegenwart hinein zahlreiche Bezüge "auf ein bedrohliches und gefährliches Nachbarland" finden. Skeptisch legte ich das Buch erst einmal beiseite und fragte mich nach der Repräsentativität solcher germanophober Aussagen für das allgemeine Deutschlandbild in Frankreich angesichts des von französischen Politikern im häufiger beschworenen "modèle allemand". Anfang Dezember 2011 bekam diese Frage jedoch wieder eine neue Aktualität. Die Statements von Arnaud Montebourg und seine Vergleiche von Bismarck und Merkel, der Vergleich von Jean-Marie Le Guen (PS) der Treffen Sarkozy/Merkel mit "Daladier in München" (1938) und die in der französischen Presse regelmäßig anzutreffenden Bemerkungen vom deutschen "Diktat" in Europa weisen auf die Langlebigkeit von Stereotypen hin und bestätigen die These von Hanna Milling, dass Deutschland eine wichtige Größe in der Selbstdefinition der französischen Nation ist und "via Europa ein existentielles Problem für Frankreich darstellt". Die von der Autorin untersuchten Publikationen spiegeln dabei die Sorge um den eigenen Machtverlust und die gerade ab 2005 wieder anwachsenden Ängste vor einem gegenüber Frankreich zu mächtig werdenden Deutschland. Sie untersucht in ihrer Doktorarbeit vorbildlich die Perzeption verschiedener Felder der deutschen Gesellschaft und Kultur, beleuchtet Wesenszuschreibungen und Geschichtskonstruktionen, um im Schlussteil ihrer Arbeit die "Bildner der Bilder" bzw. das "Fremde als Spiegel des Selbst" zu analysieren.
Besonders reizvoll an dieser Arbeit ist der Vergleich zwischen Frankreich, Spanien und Italien, denn er verdeutlicht, dass die Deutschlandbilder in diesen Ländern nicht losgelöst von den eigenen Selbstkonzeptionen bzw. von den inneren Befindlichkeiten bei den Betrachtern gesehen werden können. Sie sind vor allem Projektionsflächen für eigene Ängste und Wünsche. Ganz konkret zeigt der Vergleich, dass Frankreich Deutschland vor allem als außenpolitischen Akteur Europas in direkter Konkurrenz zum eigenen Land wahrnimmt. Gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen bzw. Veränderungen bleiben hingegen weitgehend ausgeblendet, ganz im Gegensatz zu Spanien, wo sich die relativ junge post-francistische Demokratie viel stärker für die demokratischen Strukturen und die innenpolitische Organisation Deutschlands interessiert. In Italien wiederum geraten die Parallelen zwischen der deutschen und italienischen Geschichte, die späte Nationsbildung, der Umgang mit der faschistischen Vergangenheit, die schwierige Frage der eigenen Identität mit dem gemeinsamen Rettungsanker "Europa" in den Fokus.
Die hier nur kurz skizzierten Analysefelder werden von Hanna Milling auf einem hohen Reflexionsniveau und mit beeindruckender wissenschaftlicher Stringenz untersucht. Wer die historischen Dimensionen der aktuellen, unter dem Stichwort "Germanophobie", geführten Debatten in Deutschland und Frankreich verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Es sei dabei nicht nur den Politikern empfohlen, sondern auch den Autoren, deren Werke Hanna Milling untersucht hat.
Ulrich Pfeil
Stéréotypes
L’ouvrage sur l’Allemagne vue par des experts français, italiens et espagnols depuis la chute du Mur de Berlin décrit la peur que suscite de nouveau depuis 2005 la République fédérale dans ces trois pays, en fonction des évolutions nationales. Un livre important pour comprendre les relents de germanophobie constatés ces derniers temps en France.
Réd.



