Über den Gräben

Aus den Tagebüchern 1914-1919

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Rolland, Romain
2015, C.H. Beck, München, ISBN10: 3406683479

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2016 

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Rezension / Compte rendu:
Rückblicke
Französische Literatur in deutscher Übersetzung

Dass der überzeugte Pazifist Romain Rolland zu Anfang des Ersten Weltkriegs nicht in das schrille Hurra-Geschrei auch so manch eines Intellektuellen oder Künstlers mit einfiel (wie es etwa bei Apollinaire der Fall war, bei Musil oder auch bei Thomas Mann, der Rolland in späteren Kriegstagen sogar als "schlimmsten Feind Deutschlands" bezeichnete), versteht sich fast von selbst. Der Ausbruch des Krieges ereilte den seinerzeit 48-Jährigen bei einem Aufenthalt in der Schweiz, Rolland entschied sich kurzerhand, das Land erst gar nicht wieder zu verlassen, tat dies aber nicht, um sich irgendeiner Verantwortung zu entziehen, sondern vielmehr, um dem Internationalen Roten Kreuz seine Hilfe anzudienen. Ein knappes Jahr arbeitete er in der sogenannten Kriegsgefangenenauskunftstelle in Genf und beantwortete von dort aus vor allem Suchanfragen bezüglich gefallener oder verschollener Soldaten.
Von Anfang der Aufzeichnungen an wird deutlich: Rolland ist auf das Schwerste erschüttert, er erkennt sich in seiner Ohnmacht, "dem Bankrott der Zivilisation beizuwohnen" und erspäht "die größte Katastrophe der Geschichte seit Jahrhunderten". Unterschwellig ahnt er die ganze Vergeblichkeit seines Lebenswerks. Seine pazifistische Grundhaltung, die zu relativieren zu keinem Zeitpunkt er auch nur ansatzweise bereit ist, beschert ihm vor allem von Frankreich her abgrundtiefe Ablehnung, ja Hass, er erhält Schmähbriefe, die Buchhandlungen boykottieren sein berühmtes Werk (Jean Christophe ); es gibt gar Morddrohungen. Der damalige Zeitgeist positioniert sich komplett gegen ihn.
Allerdings besitzt er Freunde im Geiste, etwa Stefan Zweig, der zu Besuch kommt, auch Hermann Hesse, dessen Attacken auf die kriegslüsternen oder befürwortenden Schriftstellerkollegen wiederum Rolland zum Anlass nimmt, sich mit ihm, Hesse, solidarisch zu erklären. Zu Rolland gelangt der Elsässer René Schickele, der eine Niederlage Deutschlands von Herzen herbeisehnt, und in dieser Weise gibt es weitere intellektuell inspirierte Kontakte. 1916 erhält Rolland rückwirkend für 1915 den Nobelpreis für Literatur; sogleich beschließt er, das Preisgeld Hilfswerken zukommen zu lassen. Zu keinem Zeitpunkt macht er sich anheischig, sich einer anderen Sache als dem Ideal einer allumfassenden Humanität zu verschreiben.
So untermauert sein fester Wille, keiner der kriegsführenden Parteien auch nur ein Gran an Zustimmung oder gar Sympathie entgegenzubringen, die Aufzeichnungen dieser Zeit; sein Standpunkt ist unverrückbar. Rolland nimmt kein Blatt vor den Mund, geißelt die kriegführenden Parteien sämtlicher Couleur, ist sowohl von Deutschland als auch von Frankreich oder England
enttäuscht, ja regelrecht angewidert. Die Nachrichten über die nicht enden wollenden Gräueltaten auf der einen oder anderen Seite widersprechen fundamental seinem ehedem proeuropäischen Engagement:"Europa hat die Bankrotterklärung seiner Würde abgegeben, nennt mich nicht mehr Europäer!" Wenn er sich mitunter scheinbar auf Nebenschauplätze des Krieges konzentriert, geschieht es nur, um den eigenen Blick zu schärfen: Vermutlich als Einziger in jener Zeit weist er vehement auf die Ausbeutung von Frauen in der Waffenindustrie hin. Der vorliegenden Edition liegt die dreibändige deutsche Ausgabe von 1963 zu Grunde, sie erscheint hier deutlich gekürzt; auch auf die Nennung der damaligen Übersetzerin (Cornelia Lehmann) wurde bei den bibliographischen Angaben verzichtet. Doch selbst in dieser "abgespeckten" Version lesen sich Rollands Notizen mit Gewinn, etwas Überzeitliches bleibt ihnen grundsätzlich eingeschrieben.
Thomas Laux

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Über den Gräben