De Gaulle et les Allemands 1963-1969
2007, PUF, ISBN10: 2130560385
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 1/2008
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Rezension / Compte rendu:
Kritische Blicke
Benedikt Schoenborn vom Institut universitaire des Hautes études internationales in Genf lässt die Jahre 1963 bis 1969, also von der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages bis zum Rücktritt General de Gaulles, Revue passieren. Schoenborn spricht in seinem Band von "gezähmten Unstimmigkeiten" in einem Europa, das vom Kalten Krieg umgetrieben wird, und in einem Deutschland, das unter dem Druck der Vereinigten Staaten steht. Das Buch liefert wertvolle Informationen zu den verborgenen Gedanken der politischen Führer in Bonn und Paris, enthüllt Misstrauen und Neid, Missverständnisse und Zweideutigkeiten, Streit und Wutausbrüche - trotz der intensiven persönlichen Beziehungen zwischen de Gaulle und Adenauer. Der Autor geht detailliert auf die Unterzeichnung des Elysée-Vertrages sowie auf die Wirren und Vorbehalte ein, die das Ereignis umgaben, vor allem angesichts des kategorischen Nein, das de Gaulle dem Beitritt Großbritanniens zu Europa entgegenschleuderte. Bei der Beschreibung des Bruderkusses, mit dem General de Gaulle am 22. Januar 1963 Konrad Adenauer zutiefst überraschte, wird deutlich, wie sehr jenseits von politischen Reden und Initiativen manche französische Gesten die deutschen Gesprächspartner aus der Fassung bringen können (so übrigens auch Jacques Chiracs Handkuss bei der Begrüßung Angela Merkels im Jahre 2005).
Die Auseinandersetzung zum Elysée-Vertrag im Ministerrat in Bonn, die der Autor ausführlich wiedergibt, zeichnet ein vielsagendes Bild von dieser "Krise der Freundschaft" zwischen Frankreich und Deutschland; Außenminister Gerhard Schröder forderte den Wirtschaftsminister (und künftigen Kanzler) Ludwig Erhard, der den Vertrag ablehnte, mit folgenden Worten auf, sich zu beruhigen: "Der Vertrag wird unterzeichnet, aber nicht angewendet." Die Reaktionen in Paris sind bekannt. Trotz allem stimmen die Zeitzeugen, die in dem Werk ausführlich zu Wort kommen, darin überein, dass eine große Kluft zwischen öffentlichen Reden und Äußerungen in kleinerem Kreis bestand, bis hin zu jenem allseits bekannten Wortwechsel zwischen de Gaulle und Adenauer, in dem ersterer erklärte: "Verträge sind wie junge Mädchen und Rosen, sie halten sich, so lange sie sich halten", woraufhin der zweite, passionierter Rosenzüchter, antwortete: "Unser Vertrag ist ein Rosengarten, der sich unendlich halten wird, wenn man sich die Mühe macht, ihn zu pflegen". Weder der eine noch der andere wird jemals wieder auf das Schicksal junger Mädchen zu sprechen kommen.
Die Fortsetzung lässt sich mit wenigen Kapitelüberschriften zusammenfassen: bis Oktober 1963 das Paar de Gaulle-Adenauer, bis 1966 das ungleiche Tandem de Gaulle-Erhard, und zwischen 1966 und 1969 die Suche nach Kooperation von de Gaulle und Kiesinger / Brandt. Der erste deutsche Kanzler der Nachkriegszeit teilte nicht alle Schwerpunkte, die der Elysée-Palast im Kontext der historischen Versöhnung setzen wollte, doch sollte die "Altersgenossenschaft" über Divergenzen hinweghelfen. Ludwig Erhard erklärte, das Versöhnungswerk seines Vorgängers fortsetzen zu wollen, kritisierte aber offen das französische Wirtschaftsmodell, um so seine eigene Philosophie einer freien Marktwirtschaft besser in den Vordergrund rücken zu können. Die Uneinigkeit zwischen den beiden Männern spiegelt den Antagonismus zwischen Atlantikern und Gaullisten wider - die deutsch-französische Zusammenarbeit wurde zu einer "herzlichen Virtualität". Der großen Koalition von 1966 mit Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt als Außenminister gelang es nicht, eine gewisse Desillusionierung zu beenden, auch wenn Bonn jegliche antifranzösische Stimmung zu verhindern versuchte. Nach den Ereignissen des Mai 1968 war de Gaulle verbittert und frustriert, er warf den Deutschen ihre Haltung angesichts des Prager Frühlings vor. Im Juni 1969 wurde Georges Pompidou Staatspräsident, im September Willy Brandt Bundeskanzler, und er merkte an, es scheine, als ob Paris künftig "exemplarische Beziehungen" und nicht "privilegierte Beziehungen" pflegen wolle. Mit dem Autor ist festzuhalten, dass die "intensive Phase von 1963 bis 1969 in eine doppelte Absicht einmündet, und zwar auf französischer wie auf deutscher Seite, die Errungenschaften des Elysée-Vertrages zu wahren, aber auch das Konzept allzu exklusiver Beziehungen zwischen Paris und Bonn aufzugeben". - Dieses Vokabular wird man in den Äußerungen von Nicolas Sarkozy und Angela Merkel 2007 erneut finden.
Jérôme Pascal, Übersetzung: Erika Mursa



