Les élites françaises dans les années 1930
2010, Armand Colin, Paris 2010, ISBN10: 2200354916
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2010
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Rezension / Compte rendu:
Das Versagen der französischen Eliten
Der Aktualität des siebzigsten Jahrestages von "débâcle" und "exode" ist offenbar die Wiederauflage eines Titels wie "Le choix de la défaite. Les élites françaises dans les années 1930" geschuldet, in dem eine provokante These zu den Ursachen einer seltsamen Niederlage entwickelt wird. Explizit bezieht sich die Autorin auf Marc Bloch, den Verfasser der Streitschrift "L'étrange défaite" vom September 1940, denn sie versteht ihre voluminöse und durch zahllose Details illustrierte Studie als Antwort auf Blochs im April 1944 kurz vor seinem Tod geäußerte Forderung, die Hintergründe der Selbstaufgabe Frankreichs sowie die Anziehungskraft der Achse Rom-Berlin auf das französische Bürgertum zu erforschen.
Marc Bloch wird allerdings zum Kronzeugen einer gewagten These, die letztlich aus mehreren Gründen nicht überzeugt: Bloch warf, unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse und als persönlich Betroffener, seiner Schicht sowie seiner Generation und seinem sozialen Umfeld (als Historiker gehörte der 1886 in Lyon geborene Bloch zum gebildeten Bürgertum, als Hauptmann zur soeben vernichtend geschlagenen französischen Armee) ein Versagen vor, das darin bestand, die Niederlage resigniert zu akzeptieren; Annie Lacroix-Riz suggeriert hingegen, dass die französischen Eliten in den 1930er-Jahren nichts sehnlicher gewünscht hätten, als sich Hitler zu unterwerfen, und zwar aus purem Gewinnstreben. Und wie um diese scheinbare Eindeutigkeit durch Plausibilität einer monokausalen Erklärung zu bekräftigen, reduziert die Autorin die Beweggründe derer, die in diesen Jahren folgenreiche politische Entscheidungen trafen und ebenso folgenreich die öffentliche Meinung prägten, auf das ökonomische Motiv: Das seit 1933 autoritär geführte Deutschland, in dem die Rechte der Arbeiter sowie der Gewerkschaften systematisch eingeschränkt wurden, sei für das französische Bürgertum nicht nur zum nachahmenswerten Vorbild geworden; vielmehr habe seit der Volksfrontregierung eben dieses Bürgertum, das einen erhofften politischen Wechsel nach italienischem oder deutschem Muster in die Ferne gerückt sah, darauf hingearbeitet, Frankreich dem deutschen Expansionsstreben auszuliefern, um auf diesem Wege den erhofften Politikwechsel auch in Franreich zu ermöglichen.
So plausibel diese These "prima facie" auch scheint - und dieser Eindruck wird durch die reichlich zitierten Quellen verstärkt -, so sehr wird sie doch relativiert durch den völligen Verzicht darauf, andere Motive zu untersuchen als das der wirtschaftlichen Gier, so als ob der im Titel vielversprechend genannte Begriff der Eliten durch nichts anderes als das ökonomische Gewinnstreben um jeden Preis definiert werden könnte.
Bezeichnend ist, wie die Autorin gleich zu Beginn mit Historikern verfährt, deren Arbeiten ihre These relativieren könnten: Zeev Sternhell hat in den Augen der Autorin, die sich zur kommunistischen Partei PCF bekennt, den Kardinalfehler begangen, den Begriff "revolutionär" mit der französischen Rechten in Verbindung zu bringen, und die Arbeiten von Henry Rousso, Jean-Pierre Azéma, Philippe Burrin und Marc-Olivier Baruch eignen sich nicht, die These eines von langer Hand und von der bürgerlichen Rechten zielstrebig verfolgten Komplotts gegen die Republik zu stützen - weshalb die Autorin deren Forschungen bewusst weitgehend ignoriert.
Die sozialen und politischen Entwicklungen der 1930er-Jahre scheinen Annie Lacroix-Riz so eindeutig zu sein wie die Unterscheidung zwischen den Guten und den Bösen in der Geschichte: Mit Hitler gegen die Linke, um das wirtschaftliche Profitstreben von den Fesseln republikanisch-demokratischer Hemmnisse zu befreien - das sei die Marschroute der bürgerlichen Rechten gewesen, und als "rechts" gelten in dieser Sichtweise alle, die sich abwartend oder gar kritisch gegenüber der Sowjetunion verhielten. Selbst für den Hitler-Stalin-Pakt gibt es in diesem Paradigma einen schlüssigen Platz, hätten die (mit "den Eliten" gleichgesetzten) "hommes d'affaires" ihn doch gemeinsam mit London provoziert, um die Kommunisten im Innern bekämpfen zu können, vor allem aber, um Hitler den östlichen Rücken freizuhalten, damit dieser mit der französischen Republik und der Linken einen um so kürzeren Prozess machen konnte.
Überwogen in der Wirklichkeit nicht die Grautöne? Natürlich gehört zu diesen das Versagen der Eliten; allerdings bestand dieses Versagen nicht ausschließlich - und wahrscheinlich sogar in den seltensten Fällen - in einer vorsätzlichen Unterwerfung unter das nationalsozialistische Deutschland. Was in den Eliten überwog, war der "déclinisme", der die Geschichte der Dritten Republik als Verfallsgeschichte deutete und entmutigt war von ihrem vermeintlichen moralischen Niedergang: André Gide vertraute am 26. Juni 1940 seinem Tagebuch Gedanken über die "décomposition de la France" an, welche der vorausgegangenen "liberté excessive" und einem "triste règne de l'indulgence" geschuldet sei - und spricht stellvertretend für viele Angehörige des französischen Bürgertums. Und was während der Dreißigerjahre immer noch die politisch-sozialen Auseinandersetzungen der Eliten prägte und im Sommer 1940 in der Zustimmung zu Pétain kulminierte, war der seit der Dreyfus-Affäre durch die französische Gesellschaft gehende Riss, der jetzt um die Frage des Pazifismus klaffte und an dessen Rändern Antigermanismus und Antisemitismus gediehen. Diese Konstellation innerhalb der französischen Eliten war wesentlich gefährlicher - und führte zu dem von Simon Epstein kürzlich analysierten "paradoxe français" - als die vermeintliche Verschwörung der Reichen gegen die Republik.
So deutlich der von der Autorin mehrfach - und zuletzt in einem Beitrag für "France Culture" (9. Mai 2010) unter dem Titel "Vichy et l'assassinat de la République" - genannte Kronzeuge Marc Bloch Antisemitismus und Nationalismus beim Namen zu nennen verstand, so wenig eignet sich sein klarer Blick auf die seltsame Niederlage von 1940 als Referenz für deren monokausale Erklärung. Annie Lacroix-Riz ignoriert den von Bloch evozierten uralten Antagonismus der französischen Gesellschaft : "Il est deux catégories de Français qui ne comprendront jamais l'histoire de France, ceux qui refusent de vibrer au souvenir du sacre de Reims ; ceux qui lisent sans émotion le récit de la fête de la Fédération."
Ihr dem historischen Materialismus verpflichtetes Buch ist in der Tat (das erklärt wohl die Neuauflage in diesem Jahr 2010) eine Hommage an das Jahr 1940, allerdings eine unfreiwillige, denn sie würdigt nicht die (oft aus der geschmähten Bourgeoisie kommenden) Träger eines Widerstands der ersten Stunde ( "Résistance de la première heure"), sondern ist letztlich dem umstrittenen und erst "ex post" formulierten "Aufruf des 10. Juli" verpflichtet, in dem Maurice Thorez und Jacques Duclos die französische Bourgeoisie sowie die englische Plutokratie als die alleinigen Verursacher der débâcle geißelten.
"Le choix de la défaite" ist zweifellos ein Buch, das die abseitigsten Details der Dreißigerjahre aus dem Dunkel des Vergessens reißt und im Licht einer scharf konturierenden These deutet, vor allem aber ist es ein Symptom der langen Schatten einer durch Ideologie verengten Sicht auf eine dramatische Phase der französischen Zeitgeschichte.
Clemens Klünemann
Peu convaincant
Le livre d'Annie Lacroix-Riz se veut une réponse à la requête formulée en avril 1944 par Marc Bloch peu de temps avant sa mort pour que soient étudiées les raisons de la défaite de 1940.
Clemens Klünemann relève que l'auteur préfère rendre hommage à l'Appel du 10 juillet 1940 (lancé par les communistes) plutôt qu'aux résistants de la première heure. La thèse développée dans l'ouvrage, qui aurait conduit le « déclinisme » des élites françaises (et des hommes d'affaires) à la débâcle, reste cependant peu convaincante.
Réd.



