Starkes Frankreich - instabiles Deutschland

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Liebold, Sebastian
2008, LIT Verlag, ISBN10: 3825810305

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Rezension / Compte rendu:
Weimar in der Rezeption

Die Verfassung der Weimarer Republik war bereits Gegenstand zahlreicher Debatten unter den Intellektuellen, die Frankreich nicht allein als Siegermacht des Ersten Weltkrieges sahen. Verglichen mit einem starken Frankreich (durch den Versailler Vertrag, der dem Besiegten auferlegt wurde), erschien Deutschland instabil - eine Konstellation, die den Titel des vorliegenden Bandes erklärt, bei dem es sich um die leicht bearbeitete Fassung einer Magisterarbeit an der Technischen Universität Chemnitz aus dem Jahr 2007 handelt. Der Autor konzentriert sich bei seinem Vergleich auf die Schriften des französischen Germanisten Edmond Vermeil (vor allem "L'Allemagne contemporaine" von 1925) und auf das 1930 erschienene Buch von Ernst Robert Curtius und Arnold Bergstraesser ("Frankreich"). Sebastian Liebold präsentiert also ein vergleichendes Porträt beider Länder nach dem ersten weltweiten Konflikt.
Ernst Robert Curtius (1886-1956), Veteran des Ersten Weltkrieges und einer der führenden Romanisten der Weimarer Republik, veröffentlichte 1930 seine Einführung in die französische Kultur, ein wahres Standardwerk, das unter dem Titel "Essai sur la France" von Jean Benoist-Méchin übersetzt wurde. Curtius sollte sich nach dem Zweiten Weltkrieg gleichwohl von Frankreich abwenden, um sich dem Einfluss des lateinischen Mittelalters auf die europäische Literatur zu widmen und so den Zusammenhang zwischen der römischen Antike und dem christlichen Mittelalter herzustellen.
Arnold Bergstraesser (1896-1964), auch er ein Veteran von 1914-1918, engagierte sich während seines Studiums in Heidelberg in der Politik, wurde jedoch 1935 wegen einer jüdischen Großmutter von der Universität ausgeschlossen. Nach dem Exil in den Vereinigten Staaten kehrte er nach Deutschland zurück, um Politikwissenschaften in Freiburg zu lehren. Sein Werk über "Staat und Wirtschaft Frankreichs" (1928), das als Band II des gemeinsamen Frankreich-Buches von Ernst Robert Curtius und Arnold Bergstraesser veröffentlicht wurde, ist auch eine Reflexion über das gegenseitige Verständnis zwischen Frankreich und Deutschland, und allgemeiner zwischen den Nationen. Im Gegensatz zu den Texten von Curtius sind die Schriften von Bergstraesser über die französische Kultur nicht übersetzt worden. Das Wirtschaftssystem des Handwerks und der kleinen Unternehmen - stabil, konservativ und antirevolutionär - wird hier im Kontrast zur Dynamik des deutschen Industriekapitalismus dargestellt. Ein Modell?
Sebastian Liebold geht in seiner Magisterarbeit von der Annahme aus, dass Bergstraesser sich von Edmond Vermeil (1878-1964) inspirieren ließ, der 1923 schrieb: "Es ist nicht gesagt, dass Frankreich seinen Nachbarn nicht auf den richtigen Weg bringen und ihm den Weg aufzeigen könnte, dem es zu folgen gilt."
Edmond Vermeil gehörte zu den französischen Germanisten der 1920er Jahre, die versuchten, das "Rätsel" zu lösen, das Deutschland zu der Zeit für Frankreich darstellte. Professor für deutsche Kulturgeschichte an der Universität Straßburg seit 1920, dann ab 1933 an der Sorbonne und später Widerstandskämpfer in London, wurde er nach dem Krieg Direktor des "Institut d'Etudes germaniques" und leitete die Kommission zur Umerziehung des deutschen Volkes. Sein Band mit dem Titel "Allemagne contemporaine" ist in großen Teilen der Weimarer Verfassung gewidmet, und betont die "Notwendigkeit der Mühen, die wir bereitwillig aufbringen müssen, um Frankreich von seinen Wunden zu heilen, um es unversehrt und stark zu halten angesichts eines Deutschlands, das ebenso unbeständig wie gefährlich ist." Sebastian Liebold beendet sein Buch mit einer Frage: Warum wurde Deutschland zwischen Versailles und Hitler von französischer Seite so stark kritisiert, wenn doch die Verfassung der V. Republik von 1958 eine Kopie der Weimarer Verfassung war?
F.T., Übersetzung: Silke Stammer

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