L'âge d'or du tableau noir

Anthologie

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Krumb, Christian (Hg.)
2004, Les Belles Lettres, ISBN10: 2251442685

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Rezension / Compte rendu:
Französische Schriftsteller plaudern aus der Schule

"Wir waren beim Studium, als der Direktor eintrat, gefolgt von einem bürgerlich gekleideten Neuen und einem Schuldiener, der ein großes Pult trug. Die, die geschlafen hatten, wurden wach, und alle fuhren auf, als seien sie beim Arbeiten überrascht worden. Der Direktor bedeutete uns mit einem Wink, wir sollten uns wieder hinsetzen, dann wandte er sich zum Lehrer: 'Monsieur Roger', sagte er halblaut zu ihm, 'diesen Schüler empfehle ich Ihrer besonderen Aufmerksamkeit, er tritt in die fünfte Klasse ein. Wenn seine Arbeit und sein Betragen es verdienen, wechselt er zu den Großen, wo er seinem Alter nach hingehört.'"
Es ist seine lachhafte Mütze, die den neuen Schüler umgehend zum Gespött der Klasse macht, worauf dieser, gänzlich aus der Fassung gebracht, auf die Frage des Lehrers nach seinem Namen nur ein gestammeltes "Charbovari" hervorbringt. "Der Heidenlärm, der sogleich losbrach, stieg, von schrillen Stimmen durchsetzt, im Crescendo auf (wir heulten, wir bellten, wir trampelten, wir brüllten: Charbovari! Charbovari!), schlingerte dann in einzelnen Tönen weiter, legte sich nur mit Mühe, flackerte manchmal wieder auf in einer Bankreihe, wo da und dort noch, wie schlecht gelöschtes Feuerwerk, ein ersticktes Lachen aufsprang. Unter einem Hagel von Strafarbeiten jedoch kehrte in der Klasse wieder Ordnung ein, und der Lehrer, dem es gelungen war, den Namen Charles Bovary zu verstehen, nachdem er ihn sich diktieren, buchstabieren und wiederholen lassen hatte, verwies den armen Teufel unverzüglich auf die Eselsbank vor dem Katheder.
"Mit dieser exquisiten Szene in einem Klassenzimmer hebt ein "Sittenbild der Provinz" an, dessen Realismus in der Romanliteratur selbst Schule machen sollte. Gustave Flaubert zieht den Leser der "Madame Bovary" von der ersten Seite an in den Bann seines souverän ungerührten Erzählstils. Die Eröffnung des weltberühmten 1857 erschienenen Romans ist ein literarisches Kabinettstück, das einen Vorgeschmack auf die scharfe Feder gibt, mit der der Autor die "mœurs de province" (so der bezeichnende Untertitel) aufzuspießen gedachte. Auch wenn Flauberts meisterliche Ouvertüre in einem beliebigen Klassenzimmer nur kurz ist und für den weiteren Verlauf des Romans keine Konsequenzen hat, nimmt sie unter den Prosastücken zur französischen Schule gewissermaßen einen Ehrenplatz ein.
Wenn auch Alain-Fournier ("Le Grand Meaulnes"), Maupassant ("Clair de lune") und Proust ("Jean Santeuil") mit Romanauszügen zu Wort kommen, so dominieren in der von Christian Krumb herausgegebenen Anthologie "L'âge d'or du tableau noir" jene Texte, in denen sich französische Schriftsteller an ihre eigene Schulzeit erinnern. Den zeitlichen Rahmen bildet dabei das lange 19. Jahrhundert, in dem sich Frankreich anschickte, die 1789 erkämpfte Emanzipation von klerikaler Vormundschaft auch im Bildungswesen durchzusetzen. Die Konfrontationen zwischen Republikanern und Katholiken sollten erst mit dem Laizitätsgesetz von 1905 eine definitive Lösung finden. Die von François Guizot 1833 gesetzlich verankerte "communale", die jede Gemeinde zu einer eigenen Grundschule verpflichtete, war ein entscheidender Schritt zur Demokratisierung des Unterrichts.
Die Kirche befand sich zwar in der Erziehung spätestens 1882 mit der Einführung des "enseignement gratuit, laïc et obligatoire" auf dem Rückzug, doch fehlte es einzelnen Nachhutgefechten nicht an intellektueller Schärfe. Einer der aufgeklärtesten Köpfe seiner Zeit, der sich dennoch gegen das laizistische Schulprogramm aussprach, war Ernest Renan (1823-1892). Bekannt geworden durch seinen biographischen Bestseller über den Gottessohn "Vie de Jésus" (1863), veröffentlichte Renan 20 Jahre später seine "Souvenirs d'enfance et de jeunesse". Aus diesen noch immer lesenswerten "Kindheits- und Jugenderinnerungen" hat Christian Krumb für seine Anthologie das glänzende Porträt von Renans Lehrer Mgr Dupanloup ausgewählt. Dieser weltoffene Kirchenmann machte das Pariser Séminaire Saint-Nicolas du Chardonnet zu einer herausragenden Bildungsanstalt, in dem die Söhne wohlhabender Familien gemeinsam mit Hochbegabten niederer Herkunft unterrichtet wurden. Die respektvolle Schilderung des weitsichtigen Lehrmeisters ist umso bemerkenswerter, als es derselbe Dupanloup war, der sich als Mitglied der Académie française der Aufnahme Renans in den illustren Kreis der 40 Unsterblichen heftig, wenn auch vergeblich, widersetzte. Dupanloup konnte nicht ahnen, dass er mit der Aufnahme des jungen Bretonen Ernest in sein Seminar einen späteren Homme de lettres fördern sollte, dessen gegen den Katechismus verfasstes "Leben Jesu" die Gläubigen schockieren sollte. Renan besaß jedoch die Größe, es seinem Lehrer und späteren intellektuellen Widersacher in seinen Memoiren nicht heimzuzahlen, sondern im Gegenteil mit der Hommage an den Pädagogen Dupanloup auch dem "gebildeten und weltgewandten Klerikalismus" ein Denkmal zu setzen.
Die heute in Frankreich wieder viel diskutierte Chancengleichheit zeigt sich exemplarisch nicht nur bei Ernest Renan, der es dank seiner guten schulischen Leistungen vom Collège im bretonischen Tréguier in das Pariser katholische Seminar brachte. Auch Charles Péguy (1873-1914), der seine Kindheit in Orléans verbrachte, stammte aus bescheidenen Vehältnissen. Dank bester Noten kam er als einer der ersten Schüler der III. Republik in den Genuss eines staatlichen Stipendiums, das ihm den Aufstieg bis in die École Normale Supérieure ebnete. So wie der kirchliche Renegat Renan nicht anstand, in seinen Erinnerungen seinem katholischen Lehrer Dank abzustatten, fand der zu glühendem Glaubenseifer zurückgekehrte Péguy in seinem Buch "L'Argent" (1913) höchstes Lob für seine republikanischen Lehrer: "Unsere jungen Lehrmeister waren schön wie schwarze Husaren. Schlank, streng, straff gegürtet. Ernsthaft waren sie und zitterten nur einwenig vor ihrer Frühreife, ihrer plötzlichen Macht. Eine schwarze Hose, mit einer, wenn ich mich recht erinnere, violetten Borte trugen sie. Violett ist nicht nur die Farbe der Bischöfe, sondern auch des Unterrichts in der Grundschule. Eine schwarze Weste und ein langer schwarzer Gehrock, eng geschneidert, mit zwei gekreuzten Palmen am Revers komplettierten ihr Aussehen. Das Emblem wiederholte sich auf der flachen Mütze. Diese zivile Uniform war noch gebieterischer, noch militärischer als ein Waffenrock."Wenn der Schriftsteller Charles Péguy heute kaum noch gelesen wird, so ist seine Formulierung von den "jeunes hussards de la République" immer noch im Umlauf. "'Unsere Lehrer und unsere Pfarrer', das wäre ein guter Titel für einen Roman", schreibt er an anderer Stelle. Péguy, der ein Jahr später, gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges, fiel, hat diesen Roman nicht geschrieben. Doch war die doppelte Prägung durch die Religion und den Republikanismus kennzeichnend für viele französische Lebensläufe, die im "goldenen Zeitalter der schwarzen Tafeln" zu höherem Wissen strebten. In der gleichnamigen Anthologie, in der Schriftsteller aus der Schule plaudern, bekommt man reichlich Anschauungsunterricht auf dem literarischen Silbertablett serviert.
Medard Ritzenhofen

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L'âge d'or du tableau noir