Allemagne – chronique d’une mort annoncée

Allemagne - chronique d'une mort annoncée

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Laulan, Yves-Marie
2004, Éditions François-Xavier de Guibert, ISBN10: 2868399592

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 3/2005 

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Rezension / Compte rendu:
Deutschlands Untergang

In jüngster Zeit mangelt es nicht an Büchern, die den mehr oder weniger unaufhaltbaren wirtschaftlichen und auch kulturellen Niedergang Frankreichs ankündigen. Es erscheint daher durchaus lobenswert, wenn ein Autor sich berufen fühlt, gegen den Strom zu schwimmen, und versucht, den in weiten Kreisen seines Landes lange verwurzelt gewesenen Glauben an die deutsche Überlegenheit infrage zu stellen. Offen bleibt aber, ob er in diesem publizistischen Unterfangen bis zur Ankündigung des unabwendbaren Todes der deutschen Nation gehen musste. Er lässt sich jedenfalls von einer tiefen Überzeugung leiten, denn in einem knappen Vorwort versichert er dem Leser, dass die nach Niederschrift seines Manuskriptes eingeleitete Reformpolitik der Regierung Schröder den deutschen Niedergang nicht mehr aufzuhalten vermag.
Für den deutschen Leser ist es vielleicht beruhigend, dass die Dekadenz, die Ankündigung des nationalen Niedergangs, zu den beliebtesten Themen der französischen Intellektuellen aller Schattierungen gehört. Es begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Dekadenz gewissermaßen zum Spiegelbild der "Belle Époque" hochstilisiert wurde. Die Lage zwischen den beiden Weltkriegen rechtfertigte den schlimmsten Pessimismus, als die Industrie ihre Aktionäre pflegte und ihre Modernisierung vergaß, während die Geburtenzahl einen beängstigenden Tiefstand erreichte. Das Blatt wendete sich mit dem französischen Wirtschaftswunder des schnellen Wiederaufbaus nach dem Zusammenbruch des Zweiten Weltkrieges und mit dem bemerkenswert dynamischen Übergang vom Agrar- zum Industriestaat. Die Unheilsauguren verlagerten daher ihre düsteren Prognosen nach Amerika, das angeblich rettungslos den Anschluss an die modernen Technologien verlor, seine Industrie einer als verächtlich gekennzeichneten Dienstleistungsgesellschaft opferte und endgültig von Japan überholt wurde. Nach dem klaren amerikanischen Dementi erhielten nicht zuletzt unter dem psychologischen Druck der hohen Arbeitslosigkeit in der französischen Buch- und Zeitungswelt erneut die Zweifel an dereigenen nationalen Überlebensfähigkeit das Übergewicht, wobei sich der gleichzeitig bewundernde und angsterfüllte Blick auf das kurz zuvor fast totgesagte Amerika richtete, sowie - noch visionär - auf China. Und jetzt sind in umgekehrter Richtung die Deutschen an der Reihe.
Nach diesen grundsätzlichen Erwägungen verdient Yves-Marie Laulan, hoher französischer und internationaler Beamter sowie anerkannter Wirtschaftsexperte, die uneingeschränkte Zustimmung des Lesers, wenn er den "demographischen Schiffbruch" Deutschlands an die Spitze seines Buches stellt. Die bisherige deutsche Sorglosigkeit in diesem Bereich stößt schon seit einiger Zeit in weiten französischen Kreisen auf ernstes Erstaunen. Die jenseits des Rheins nicht selten zu hörende These, wonach eine gut gezielte Einwanderungs- und Integrationspolitik die Geburtenlücke zu schließen vermag, findet in Frankreich kaum ein positives Echo. Dies mag überraschen, denn seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis zum unverhofften Babyboom unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg musste Frankreich seinen massiven Geburtenschwund durch die Einwanderung ausgleichen. Am Anfang kamen dabei nicht kleine Kontingente aus Deutschland - vorwiegend Handwerker -, dann aus Polen und schließlich massiv aus Italien und Spanien. Psychologisch und politisch ist es wohl für die öffentliche Meinung nicht das Gleiche, ob eine Bevölkerungslücke durch Europäer geschlossen wird oder durch Asiaten und Afrikaner. Wie dem auch sei, der Autor weist mit Recht auf die Gefahren einer zu großen deutschen Gleichgültigkeit gegenüber dem Bevölkerungsproblem hin. Er sollte aber nicht vergessen, dass auf diesem Gebiet Überraschungen zur Regel gehören. Niemand hatte in Frankreich den Babyboom vorausgesehen, und bis heute vermag niemand zu erklären, weshalb er bereits 1943 einsetzte, noch mitten im Krieg. Noch ungeklärt ist ferner der zwar nicht ausreichende, aber deutliche Anstieg der französischen Geburtenquote während der letzten drei Jahre. Eine ähnliche Tendenz ist in Schweden zu beobachten, während die Lage in Russland inzwischen weit katastrophaler geworden ist als in Deutschland.
Besonders enttäuschend ist jedoch das Urteil eines internationalen Experten wie Yves-Marie Laulan über die deutsche Wirtschaft. Es gipfelt in der kategorischen Feststellung, dass sich das Wirtschaftswunder in ein Trugbild verwandelte ("miracle" in "mirage"). Auch auf diesem Gebiet ist für ihn der Niedergang unaufhaltbar. Er kritisiert zwar scharf die wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen der Wiedervereinigung, denkt aber nicht darüber nach, ob es zu ihrer Verkraftung nicht einer gewissen Frist bedarf. Auf erstaunlich geringes Verständnis stößt bei ihm andererseits die soziale Marktwirtschaft des Nachbarn. Überraschend identifiziert er sie mit der Sozialdemokratie. Es zwingt sich der Verdacht auf, dass er sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Nachkriegsdeutschlands etwas zu oberflächlich befasst hat. Dafür spricht auch seine knappe Bibliographie, die sich mit Ausnahme des Bevölkerungsproblems fast nur auf Zeitschriftenartikel stützt.
Besonders schwer folgen kann man Laulan, wenn er sich auf das Gefilde der Völkerpsychologie begibt. Man stößt auf eine Reihe antideutscher Klischees der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts mit Anspielungen auf den verwurzelten deutschen Nationalismus, bevor sich der Autor zu der Vermutung versteigt, der Hang zum Selbstmord der Nation liege in den deutschen Genen. Kronzeugen für diese These sind für ihn nicht nur Nietzsche und Spengler, sondern sonderbarerweise auch der lebensfreudige Goethe - wegen seines Faust-Mythos.
In Anbetracht aller dieser negativen Elemente gibt es nach Meinung des Autors für den deutschen Nachbarn keine Bremse mehr auf dem Weg zum Untergang. Zwangsläufig endet hiermit auch die deutsch-französische Zusammenarbeit in einer Sackgasse der Geschichte, und man geht kaum fehl in der Annahme, dass Yves-Marie Laulan die Zukunftsaussichten der Europäischen Union ebenfalls skeptisch einschätzt.
Irgendwie scheint er sich jedoch mit seinem extremen Pessimismus nicht ganz wohl zu fühlen. In einem kurzen Nachwort empfiehlt er nämlich, nicht alle Hoffnung aufzugeben, und zitiert den Dichter Verlaine: "Die Hoffnung leuchtet wie ein Strohhalm im Stall." Der rettende Strohhalm ist seiner Ansicht nach für die Deutschen eine kraftvolle Familienpolitik, die ihnen die Lust auf Kinder und die Mittel hierzu zurückgibt. Hoffnungsträchtig versöhnend ist ferner ein dem pessimistischen Text des Buches vorangestelltes Zitat des bekannten französischen Historikers des 19. Jahrhunderts Jules Michelet - man möchte fast sagen als Dementi der Grundeinstellung Laulans: "Wenn keine Seele vergeht, wie könnten sich dann die großen Seelen der Nationen auslöschen, mit ihrem lebhaften Genius, ihrer an Märtyrern reichen Geschichte, ihrer Vielzahl heroischer Opfer und voll Unsterblichkeit? Wenn eine von ihnen für einen Augenblick verschwindet, ist die ganze Welt in allen ihren Nationen krank."
Alfred Frisch

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