Kultur und Politik. Deutsche Geschichten.

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Lepenies, Wolf
2006, Carl Hanser Verlag, ISBN10: 3446208070

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 5/2006 

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Rezension / Compte rendu:
Friedenspreis für einen Frankophilen

Mit Wolf Lepenies geht der im Oktober verliehene Friedenspreis des deutschen Buchhandels in diesem Jahr an einen Soziologen und Historiker, der am Collège de France gelehrt hat und Ehrendoktor der Sorbonne ist. Wolf Lepenies bemüht sich wie nur wenige deutsche Wissenschaftler beständig um den deutsch-französischen Brückenschlag. In seiner 1997 veröffentlichten Biographie von Sainte-Beuve beließ er es nicht bei dem Lebensbild des einflussreichsten Literaturkritikers im Frankreich des 19. Jahrhunderts, sondern entwarf das bestechende Panaroma einer Metropole und einer Epoche kreuz und quer durch die intellektuellen Milieus und die Geheimnisse von Paris. Auch in seinem jetzt vorgelegten Buch zum deutschen Verhältnis von "Kultur und Politik" sind die Bezüge und Verweise zu Frankreich allgegenwärtig. Dass die beiden Nachbarn am Rhein die längste Zeit ganz unterschiedliche Auffassungen von Kultur pflegten, ist hinreichend bekannt. Lepenies kann jedoch mit zahlreichen Trouvaillen aufwarten, um den Gegensatz von französischer Zivilisation und der politikfernen deutschen Liebe zu den schönen Künsten zu illustrieren. Bezeichnend erscheint ihm Goethes Blickwinkel auf Frankreich im Sommer 1830. Während dieser den gewaltsamen Sturz der Bourbonen völlig ignoriert, nimmt er regen Anteil an einem zeitgleichen Methodenstreit zweier Pariser Gelehrter. Eine akademische Debatte erschien dem Weimarer Genius allemal interessanter als die politische Zeitenwende.
Dass es nicht Samuel Huntington war, der der politischen Analyse mit dem "clash of civilizations" ein neues Paradigma gab, belegt Lepenies mit Julien Benda. Dessen fulminante Intellektuellenschelte "La Trahision des Clercs" aus dem Jahr 1927 skizziert Preußens von Dichtern und Denkern flankierten Kampf gegen Napoleon als ersten Kulturkrieg. Auch für Wolf Lepenies bildeten "Kulturkriege" stets den Kern deutsch-französischer Konflikte. "Geistige Mobilmachungen bereiteten die militärische Aufrüstung vor und begleiteten sie." Daneben verweist der Autor aber auch auf erstaunliche Beispiele gegenseitiger Ignoranz. So verlor der Begründer der französischen Soziologie Emile Durkheim kein Wort über seinen nicht minder berühmten deutschen Kollegen und Zeitgenossen Max Weber in seinem Werk. Auch Julien Benda und Karl Mannheim, wiewohl beide sich intensiv mit der Lage der Intellektuellen beschäftigten, nahmen keinerlei Notiz voneinander und gaben damit ein beredtes Beispiel für die "Fremdheit der jeweils anderen Wissenskultur". Raymond Aron war im Grunde der erste französische Soziologe, der dank seiner Studien in Berlin eine vertiefte Kenntnis von Deutschland besaß. Aron stand als Intellektueller freilich lange im Schatten des auch in Deutschland hoch geschätzten Sartres, dessen Denken von Martin Heidegger beeinflusst war, von dem man wiederum in der Bundesrepublik lange Zeit nichts wissen wollte.
Über solche deutsch-französischen Asymmetrien im intellektuellen Diskurs weiß Wolf Lepenies mit ebenso frappierender Detailkenntnis zu berichten wie über geistige Wahlverwandtschaften der beiden Nationen. Dabei offenbart sich eine Eigenschaft, die der Autor vor Jahren bei Saint-Beuve festgestellt hatte: "Die freie Lust an der Literatur lässt sich überall spüren. In seiner Kritik steckt ein Pathos des Alles-Sagen-Wollens." Angesichts der Mischung aus profundem Wissen und erhellenden Anekdoten ließe sich auf Lepenies Bücher auch jene Formulierung beziehen, die Goethe einst für Frankreich verwandte: "wo Geist und Süßigkeiten niemals ausgehen". Auf jeden Fall ist der Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2006 nicht zuletzt eine Hommage an einen Homme de Lettres, dessen fachkundige Frankophilie Maßstäbe setzt.
Medard Ritzenhofen

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