Die Schönheit des Kreisverkehrs

Aus dem Französischen von Lis Künzli

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Paravel, Dominique
2017, Nagel & Kimche, München, ISBN10: 3312010160

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Rezension / Compte rendu:
Odyssee durch die Provinz

Über 40000 Kreisverkehre gibt es angeblich in Frankreich, und das leuchtet einem sofort ein, denn jeder, der mal auf einer der zahllosen Départementales durchs Land gefahren ist, glaubt sie allesamt zu kennen. Noch an den unmöglichsten Stellen taucht einer auf, gleichsam wie aus dem Nichts – und mündet garantiert in einen anderen.
Joaquin Reyes heißt der Mann, der in der vorliegenden Geschichte für diese verkehrstaktische Entschleunigung mitverantwortlich ist, denn er ist einer ihrer Architekten, versteht sich aber als Ästhet und macht sich auch richtig Gedanken um formale Gestaltung und Linienformung. Zusammen mit einer Beraterin, Vivienne, muss er nun zu einem Provinztermin, soll auf einer Bügermeisterei sein neues Projekt präsentieren. Joaquin hat allerdings ein handfestes Problem – er ist Diabetiker und sucht es tunlichst zu verheimlichen. Auf der langen Autofahrt von Paris nach La Virote gibt es deshalb zahllose Zwischenstopps, Momente, in denen er auf der Raststättentoilette gegen seine Unterzuckerung die überlebenswichtigen Spritzen setzt, wenn es ganz schlimm kommt, finden sich gar immer noch ein paar Stück Würfelzucker in seiner Jackentasche.
Die gesamte Fahrt ist ein einziger retardierender Moment, eine Art En attendant Godot des Straßenverkehrs, ein paradox anmutender Roadtrip, bei dem auch Vivienne offenbar kein Interesse hat, pünktlich zum vereinbarten Termin in La Virote aufzuschlagen. Statt Autobahn werden die Nationalstraßen benutzt, gemächlich gleiten die beiden durch eine eher trostlose Provinz, man bekommt quasi nebenbei die berühmt-berüchtigte France profonde vor Augen geführt, "Quadratkilometer organisierter Trostlosigkeit" entlang der riesigen Super- oder Baumärkte der einzelnen Agglomerationen.
Und so geht es weiter: Ständig muss Joaquin die Bürgermeisterin in La Virote anrufen und vertrösten, Vivienne fährt derweil unsinnige Umwege, stoppt, um bei einer Flasche Wein auf ihren Geburtstag anzustoßen. Dann platzt ein Reifen, eine Werkstatt muss her. Auf subtile, kaum merkliche Art kommen sich die beiden sehr unterschiedlich konzipierten Figuren näher, man weiß nicht genau, wohin es führt. Als beide endlich im Rathaus ankommen, ist die Sitzung voll im Gange, und stante pede entsteht ein Eindruck galoppierenden Irrsinns, man wird Zeuge einer Posse: Der ganze bürokratische Wahn zeigt sich in den breit diskutierten Bestandsaufnahmen angedachter Projekte, auch Joaquins Entwurf wird kritisch hinterfragt – um schließlich abgelehnt zu werden. Dominique Paravel macht sich erkennbar lustig über die im bürokratischen Alltag verorteten Untiefen, über erstarrte Abläufe, denen mit subtiler Sabotage, auch mit einem Schuss nötiger Renitenz begegnet wird. Joaquins Zustände ausufernder Unterzuckerung, sein traumhaftes Weggleiten, produzieren schöne surreale Momente und, zumindest ein Stück weit, auch ein belebend-frisches Stück Anarchie.
Thomas Laux

Autour d'un giratoire
A mi-chemin entre comédie et drame, Dominique Paravel a écrit un roman cocasse sur les différences de caractères, à l'exemple de deux personnages, que tout divise, chargés de concevoir la décoration d'un giratoire (titre original de son ouvrage en français) sur une départementale de la Drôme.
Réd.

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Die Schönheit des Kreisverkehrs