Originaltitel: Les désorientés
2014, Arche, Zürich und Hamburg, ISBN10: 3716027022
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2014
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 3/2014
Rezension / Compte rendu:
Verlorene Illusionen
Es soll kein Treffen der üblichen Art sein: nachdem Adam erfährt, dass sein ehemaliger Freund Murad im Sterben liegt, reist er zu ihm, doch als er eintrifft, ist es bereits zu spät. Seinen Tod nimmt er zum Anlass, die frühere gemeinsame Clique zu reaktivieren, er nimmt Kontakt auf zu einer kleinen Gruppe von Männern und Frauen, die sich trotz ihrer heterogenen Ansichten zu Religion, Moral, Politik und Geschichte einst sehr nahe standen. Insbesondere Adam sieht sich da zunächst unter Rechtfertigungsdruck, hatte er doch sein Heimatland (das bezeichnenderweise nicht genannt wird, es wird nur allgemein von der Levante gesprochen) verlassen, als es in einen nicht näher bezeichneten Krieg gezogen wurde. Bevor dieses "Klassentreffen" aber wirklich Gestalt annimmt, gibt es allerlei Schriftkram, denn Adam verfasst nicht nur eine Art Tagebuch, wo er fast jeden seiner Schritte und Gedanken festhält, sondern schreibt auch etliche Briefe (die man sich lieber paraphrasiert vorgestellt hätte), nebst zahllosen E-Mails und SMS; ständig hinterfragt er die Qualität seiner ehemaligen Beziehungen, frei nach dem Motto: Wie kommt es, dass wir so wurden, wie wir sind. Amin Maalouf, Prix-Goncourt-Preisträger von 1993, ist ursprünglich Libanese und lebt seit Mitte der 1970er-Jahre in Frankreich, der arabischen Welt hat er sich thematisch immer wieder angenommen. Sein Blick gilt dabei weniger der aktuellen Politik als vielmehr den Veränderungen im Schnittpunkt von objektiver Geschichte und individueller Wahl, ihn interessieren die versteckten Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten seiner Figuren. Seine hier gezogene Bilanz am Ende wirkt freilich recht desillusionierend. Trotz einiger zum Teil gut gelungener Porträts, die vor allem die Zerrissenheit der Protagonisten schlüssig belegen, geht dem Roman – aufgrund seiner ungezügelten Weitschweifigkeit, der zahllosen Nebengeschichten – mit der Zeit die Puste aus. Das in seiner Tragik zugespitzt wirkende Ende der Geschichte vermag daran nichts zu ändern.
Thomas Laux



