2017, Diaphanes, Zürich, ISBN10: 3037344385
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Rezension / Compte rendu:
Die Schandtaten der Eltern
Hervé Guibert starb im Dezember 1991, gerade 36 Jahre alt geworden, an den Folgen eines Selbstmordversuchs. In mehreren Büchern, die teilweise auch auf Deutsch erschienen waren, hatte er seine Aids-Erkrankung, deren Hoffnungslosigkeit ihn zu diesem letalen Schritt bewog, einem breiteren Publikum nahegebracht. Es waren schonungslose Berichte, dem Leser wurde einiges zugemutet. Was damals aber weit weniger bekannt war: Guibert vielschichtiges Prosawerk, das er bis dahin konsequent aufgebaut hatte. Meine Eltern von 1986 begreift sich, leicht erkennbar schon am Titel, als ein Porträt der eigenen Familie, setzt aber zugleich einen deutlich autobiographischen Schwerpunkt. Ambivalenz charakterisiert das Verhältnis zu Mutter und Vater von Anfang an, permanent spürt man den Pendelschlag zwischen Liebe und Hass, Verständnis und Ekel. Als Jugendlicher lehnt Hervé das kleinbürgerliche Leben seiner Eltern ab, das ist altersbedingt normal, aber man hat auch den Eindruck, dass er ihre seltsamen Grillen, Ausraster und Unsicherheiten vergleichsweise gelassen registriert – wenngleich er sie auch nicht zu entschuldigen sucht. Tatsächlich gibt es da krasse Auffälligkeiten: Seine Mutter wäscht ihn, bis er 13 ist; gleichzeitig erfährt man, dass sie ihn, ihr zweites Kind, nie gewollt hatte; hochschwanger versuchte sie sogar, eine Totgeburt herbeizuführen, indem sie sich auf der heimischen Treppe fallen ließ; sein Vater, von Beruf Veterinär, entfernt sich selbst die Mandeln und verpasst der Familie auch eigenhändig Spritzen, um den Gang zu einem Facharzt zu(er-)sparen. Gewalt ist ebenfalls eine Option: Hervé fängt sich unversehens eine Ohrfeige ein, die ihm den Kiefer ausrenkt. Über das latent brisante Thema hier, Hervés aufscheinende Homosexualität, wird in der Familie der Deckmantel des Schweigens gebreitet. Aus Guiberts Teilautobiographie lassen sich auch keine Indikatoren für seine spätere Aids -Erkrankung herauslesen. Seine erste Verliebtheiten sind genau das: Schwärmereien, Heimlichkeiten, baisers volés. Bemerkenswert ist sein besonderes (gutes) Verhältnis zu den hochbetagten Großtanten Louise und Suzanne, beide liefern ihm nicht un bedingt schmeichelnde Informationen über seine Eltern. Glaubt man ihren Aussagen, so wurden beide Frauen von Hervés Eltern hintergangen, Geld, Gold, Diamanten wurden ihnen entwendet, Suzanne hat belast endes Material. Obendrein erfährt man: Die Mutter hatte einst eine "Schandtat" begangen, als der örtliche Pfarrer sie schwängerte, brisanterweise kurz bevor sie ihren Mann, Hervés Vater, heiratete ; insinuiert ist damit, dass Hervés ältere Schwester Dominique außerehelich gezeugt wurde – ein familiäres Tabu. Man wird hier, in der pointierten Markierung bürgerlicher Perfidien, an gewisse literarische Werke des 19 . Jahrhunderts erinnert. Es hat den Eindruck, Guibert habe sich die kleinen oder größeren Niederträchtigkeiten seines direkten Umfelds von der Seele schreiben, einen Druck abbauen müssen, um eine hygienische Säuberung in die Wege zu leiten.
Thomas Laux
Souvenirs d'enfance
Hervé Guibert livre avec Mes parents un récit qui reconstitue des souvenirs repris de son journal intime et complété par des épisodes qu'il n'avait pas jadis évoqués. L’auteur laisse libre cours à ses fantasmes. Il apprend en 1988 qu'il est atteint du sida. Il décède trois ans plus tard (il a alors 36 ans), deux semaines après une tentative de suicide.
Réd.



