Die Ironie

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Jankélévitch, Vladimir
2012, Suhrkamp, Berlin, ISBN10: 3518585886

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2013 

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Rezension / Compte rendu:
"Ich weiß, dass ich nichts weiß!"

Ironie ist die Fähigkeit, eine Sache so auszudrücken, wie sie nicht ist, sie in ihr Gegenteil zu verkehren, um gleichzeitig versteckt zu kritisieren, wie sie ist. Wenn es offensichtlich stinkt und jemand sagt, "Hier riecht es aber gut", dann ist das ironisch gemeint. Besteht zwischen Sender und Empfänger allerdings kein gemeinsames Wissen oder eine "lange Leitung", dann bleibt die Ironie unverstanden (so übrigens auch von Kindern). Auf dem schmalen Grad zwischen humorvollem Blickwinkel und verletzender Stichelei kann sie im Übrigen schnell ins Straucheln geraten.
Der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch (1903–1985) lehrte viele Jahre an der Sorbonne in Paris, seine Bücher erscheinen in Deutschland verspätet, z. B. Das Verzeihen und Der Tod; nun wurde seine Studie von 1964 über das Wesen der Ironie ins Deutsche übersetzt. Das Wort leitet sich vom griechischen eironeia ab, das so viel wie Vortäuschung oder Verstellung bedeutet. Ironie ist ein sprachliches Mittel der Gestaltung und Verfremdung gedanklicher Inhalte.
In drei Kapiteln (Die Bewegung des ironischen Bewusstseins, Die ironische Pseudologie und über die Finte, Über die Fallen der Ironie), die jeweils in weitere differenzierende Abschnitte unterteilt sind, wird der Leser an die Feinheiten dieser Art von Reflexion und Formulierungskunst herangeführt. Zunächst ist Ironie von Hohn, Spötterei und Zynismus zu unterscheiden, desweiteren von anderen Formen des "Falschredens", von Lüge und Täuschung. Denn der Ironiker will gerade nicht täuschen, sondern er will besser verstanden werden: "Was gibt es Bedauerlicheres als eine Ironie, die nicht verstanden wird, weil es keine hinreichend feinen Ohren gibt, um sie zu erfassen?" Im besten Falle erweckt Ironie nämlich „ein brüderliches, verständnisvolles, intelligentes Echo“ beim Dialogpartner. Im Gespräch lässt sich Ironie natürlich besser vermitteln als in der Schrift, da mehr Ironie-Signale (Mimik, Gestik) zur Verfügung stehen.
Im Vorwort des Buches wird dem Leser ein Meilenstein in der Geschichte der Ironie nahegebracht, nämlich das Todesurteil gegen Sokrates, der u. a. der Wortverdreherei beschuldigt wurde. Sokrates sagt man nach, er habe geäußert "ich weiß, dass ich nichts weiß"; er tat dies in der Absicht, seine jeweiligen Gesprächspartner zu reizen und dann eine Position zu beziehen, die er – aus der Opposition vorgeblichen Nichtwissens – widerlegen konnte.
Vladimir Jankélévitch zeigt in seinem Buch von Sokrates über die Romantik und bis zu Kierkegaard zentrale philosophische und literarische Sichtweisen der Ironie auf; er kennt seine Materie und greift auch immer wieder auf Literatur und Musik zurück, etwa auf den Ironiker Erik Satie, auch auf Debussy, Ravel und Fauré. Nicht zuletzt unterscheidet er Ironie von Zynismus oder Albernheit und fasst sie als einen freudvoll spielerischen Bewusstseinszustand auf. Dieser kann sich nur dann einstellen, wenn die "urgence vitale" (vitale Dringlichkeit) überwunden ist, also jede Art von Triebzwang, Leiden oder Krankheit, die Distanz verhindernd wirken könnten. Ironie ist für Jankélévitch eine Form der Erkenntnis und der Muße, die sich vom Ernst des Lebens nicht mehr beeindrucken lässt; wie Kunst und Komik wird Ironie da möglich, wo man sie – mit Ernst! – anstrebt. Davon könnte die Welt noch viel gebrauchen.
Cornelia Frenkel-Le Chuiton

L'ironie
Le livre du philosophe Vladimir Jankélévitch (1903-1985) sur l'ironie, paru en 1964, vient seulement d’être publié en allemand – une réflexion sur ce sujet de Socrate à Kierkegaard, mais aussi de Debussy à Ravel.
Réd.

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