Eine Winterreise
2011, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011, ISBN10: 3863540127
Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2012
Voir ce livre sur Amazon.fr
Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 1/2012
Rezension / Compte rendu:
Winterreise nach Bordeaux
Hölderlin war nach Frankreich aufgebrochen, um sich eine Existenz aufzubauen, die ihm in Deutschland unmöglich war; in Bordeaux fand er sich zunächst gut aufgenommen. Doch nach wenigen Monaten ist er zurück in Stuttgart: "abgemagert, von hohlem wildem Auge und gekleidet wie ein Bettler", kaum wiederzuerkennen. 1803 schreibt G. W. Hegel an F. Schelling: "Der traurigste Anblick war der von Hölderlin. Seit seiner Reise nach Frankreich, seit dieser fatalen Reise ist er am Geist ganz zerrüttet." Hölderlin selbst teilt im November 1803 seinem Freund Böhlendorff mit: "Ich habe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen sind. Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels und die Stille der Menschen (...) hat mich beständig ergriffen, und wie man Helden nach spricht, kann ich wohl sagen, dass mich Apollo geschlagen." Hölderlin bleibt kryptisch – hier wie in den folgenden Leidensjahren.
Anfang Dezember 2007 beginnt Thomas Knubben Hölderlins damaliger Route zu folgen, von Nürtingen über die Alb, den Schwarzwald, Straßburg, Lyon und die Auvergne nach Bordeaux – mehr als zwei Monate lang. In einem entsprechenden Tagebuch, das auch aufgrund von Beobachtungen zum heutigen Frankreich aufschlussreich ist, rekonstruiert er die historischen Fakten und Leerstellen zu Hölderlins Winterreise. Vieles kann man sich nun endlich besser vorstellen, etwa Hölderlins damaliges Milieu in Bordeaux, seinen Arbeitgeber Daniel C. Meyer, Kaufmann und deutscher Generalkonsul, dessen Aktivität die Handelsstadt am Atlantik mit den Häfen an der Nord- und Ostsee sowie den Wirtschaftszentren Frankfurt und Magdeburg verband.
Über das gesamte Buch hinweg werden dem Leser Hölderlin-Verse in Erinnerung gerufen, die teils im Gehen verfasst und beim Wandern für Thomas Knubben lebendig wurden. Auch andere Winterreisen werden gestreift; an diesen zeigt sich, dass die Welterfahrung zu Fuß ein mit Leidenschaft aufgeladenes Projekt war und es auch bleibt. Doch welche Gründe für Hölderlins abrupte Rückkehr aus Bordeaux lassen sich eruieren? Hat ihn seine Stellung als Hauslehrer enttäuscht, wurde er überfallen? Bedeutender scheint, dass er vermutlich wusste, Susette Gontard, die geliebte Diotima, von der er einige Jahre vorher unfreiwillig getrennt wurde, lag auf dem Krankenbett – am 22. Juni 1802 starb sie. Hat er sie zuvor in Frankfurt aufgesucht? Möglich wäre es, denn bereits am 7. Juni erhielt er in Straßburg sein Ausreisevisum und traf erst Ende Juni in Stuttgart ein. Unerheblich, dass letzte Beweise fehlen – ungestillte Sehnsucht kennzeichnet stetig Hölderlins Leben, in dem sich überdies bedrängende Familienverhältnisse und gescheiterte bürgerliche Existenz wie zum gordischen Knoten verdichten. Thomas Knubbens Buch vermag all dies mit Vorsicht darzulegen und so unser Bild von Hölderlin zu aktualisieren.
Cornelia Frenkel-Le Chuiton
Un voyage reconstitué
Un écrivain prend la route en 2007 pour refaire le chemin parcouru en décembre 1801 par Friedrich Hölderlin de Nürtingen à Bordeaux. Peu d’archives existent sur ce séjour qui s’achèvera en juin 1802. Mais sur la base d’informations avérées, de lettres et de rares témoignages, Thomas Knubben parvient à mieux reconstruire ce chapitre peu connu de la vie d’Hölderlin.
Réd.



