2011, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2011, ISBN10: 3825356582
Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 2/2012
Voir ce livre sur Amazon.fr
Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 2/2012
Rezension / Compte rendu:
Kreatives kulturelles Potenzial
Über die Ambivalenz von "Gallophilie" und "Gallophobie"
Eine ambivalente Einstellung Frankreich gegenüber lässt sich durchaus konstatieren, und so mancher schwankte zwischen Gallophilie und Gallophobie. Dabei waren Anerkennung und Missbilligung keineswegs isolierte ästhetische Kriterien, sondern, wie die Herausgeber betonen, "meist Ausdruck strategischer Funktionalisierung und Selbstpositionierung". So kam der Ablehnung alles Französischen zugleich eine kompensatorische Funktion zu. Die Aufsätze dieses Sammelbandes, davon zwei Drittel in französischer Sprache (alle mit einem zweisprachigen Resümee), umkreisen dieses Spannungsfeld und tragen aus unterschiedlichen Richtungen Wichtiges bei.
So arbeitet beispielsweise Catherine Julliard in ihrem sehr differenzierten Beitrag die Haltung von Christian Thomasius (1655–1728) heraus, der in seinem schon im Jahr 1687 veröffentlichten "Discours von der Nachahmung der Franzosen" sehr darauf achtete, dass nicht blind alles nachzuahmen sei, was aus Frankreich kommt. Stattdessen nahm er sich hinsichtlich der Theaterstücke vor zu prüfen, "ob denn die Frantzosen hierinnen einen Vorzug für uns haben, dass wir dieselben in diesen Stücken nachzuahmen bedürfftig sind". Er war darauf bedacht, nur das Beste und für die Deutschen Nützliche auszuwählen, wobei die Ausgewogenheit seiner Argumentation ins Auge sticht. Wo eines seiner Vorbilder, der strenge Sprachrichter Dominique Bouhours (1628–1702), beispielsweise den "Esprit" der Frauen dem der Männer als weit unterlegen darstellt, setzt Thomasius "Frauenzimmer und Mannspersonen in eine Classe". Und während er viele kulturelle Errungenschaften Frankreichs ("politesse", "honnêteté" etc.) für geeignet hält, den Deutschen zum Zwecke einer "rénovation culturelle" als Vorbild zu dienen, stößt er sich, laut Catherine Julliard, doch sehr an der "arroganten Tendenz, Lektionen zu erteilen" ("arrogante tendance àdispenser des leçons"), die er den Franzosen nachsagt.
Gilles Darras zeigt in seinem Beitrag "Schiller et la France" die allmähliche Entwicklung der Einstellung des deutschen Stürmers und Drängers von anfänglicher Ablehnung der "doctrine" des klassischen französischen Theaters zu einer Wertschätzung, die vor allem aus seiner Beschäftigung mit Racine und der Übersetzungsarbeit an dessen "Phädra" resultierte und an deren Ende der Versuch stand, das französische Modell mit der antiken Theatertradition und mit Shakespeare zu einer Synthese zu führen.
Georg Christoph Lichtenberg erweist sich, wie man es von einem rationalen aufgeklärten Geist erwartet, als gemäßigt in seinem Urteil über Frankreich und die Franzosen. Allerdings ist auch er nicht ganz frei von populären Stereotypen, wie Jean Mondot anhand verstreuter Bemerkungen im Werk Lichtenbergs nachweist, worin "die Franzosen" pauschal als unzuverlässig, leichtsinnig und oberflächlich charakterisiert werden. Diese Entgleisungen mindern, so Mondot, allerdings nicht die ansonsten zu konstatierende Ausgewogenheit Lichtenbergs. Umso mehr überrascht die Tatsache, dass die Herausgeber diesen Beitrag wie auch den über Schiller unter die Rubrik Gallophobie gesetzt haben.
Deutsch-französische Bipolarität
Besser passt hierzu der Beitrag von Alain Muzelle über Friedrich Schlegel und dessen Einstellung zu Frankreich in den post-revolutionären Zeiten. Darin zeigt er das anfänglich ambivalente Verhältnis Schlegels, das zwischenzeitlich in einer bizarren "Bündnisphantasie" zur Aussöhnung kommt. Darin wird Frankreich die politische Hegemonie zugestanden, während Deutschland das Land der Dichter und Denker ist. Mit dem Eintritt in habsburgische Dienste, 1808, besiegelte Schlegel allerdings seine politische Ablehnung Frankreichs.
Im Zusammenhang mit der Typenkomödie und dem Lustspiel weist Nina Birkner in ihrem Beitrag "Der ,närrische‘ Franzose" die Verwendung "kulturnationaler Stereotype" nach, deren doppelte Funktionen sie untersucht. Mit Hilfe der antifranzösischen Stereotype konnte nämlich die Kritik an der höfischen Repräsentationskultur auf der einen Seite und die "diskursive Konstruktion einer nationalkulturellen Identität", die aus der Ablehnung des Fremden etwas Eigenes hervorzubringen bestrebt ist, gleichzeitig bewerkstelligt werden. Besonders geht es hierbei, wie die Verfasserin betont, um die Bildung einer bürgerlichen Gruppenidentität in Deutschland, die sich in Opposition zum adeligen Repräsentationskult in Frankreich stellt. Während die Figur des Kauderwelsch sprechenden Chevalier Riccaut de la Marlinière in Lessings "Minna von Barnhelm", die dem ehrenwerten Major von Tellheim gegenübergestellt wird, noch innerhalb dieser deutsch-französischen Bipolarität argumentiert, ist Ifflands Theaterstück "Das Erbtheil des Vaters" (1802) doch viel interessanter, weil darin ein "guter Franzose" gegen einen "eitlen Deutschen" ausgespielt wird. Darin lässt sich die Funktionalität des Stereotyps eindrücklich erkennen, das bei Iffland dazu dient, "äffisches Verhalten" als eine verbreitete menschliche Eigenart anzuprangern, wobei – wie die Autorin Nina Birkner zeigt – die nationale Zuordnung letzten Endes eben keine Rolle spielt.
Populäres Interesse am "Franzosentum"
Mit Friedrich Schiller, Friedrich Schlegel, Georg Christoph Lichtenberg und August Wilhelm Iffland sowie Johann Christoph Gottsched, August Wilhelm Schlegel und Wilhelm von Humboldt, denen ebenfalls Beiträge gewidmet sind, werden allerdings nicht die "populären nationalen Selbst und Fremdbilder" der "bildungsferneren Leserschichten" in den Blick genommen, wie das Vorwort ankündigt, sondern doch eher Vertreter einer "Höhenkammliteratur" – was ja für sich genommen nicht verkehrt ist. Hier zeigt sich aber, dass Titel, bekundete Absicht und Inhalt dieses Sammelbandes nicht passgenau übereinstimmen, und er daher ein Sammelsurium darstellt. Dennoch darf kein Zweifel bezüglich der Qualität der einzelnen Beiträge aufkommen, die mehrheitlich spannende Einblicke gewähren und die Fragestellung nach "Gallomanie" und "Gallophobie" ergiebig behandeln. Besonders diejenigen von Hans-Jürgen Lüsebrink und York-Gothart Mix sollen hervorgehoben werden, zweier ausgewiesener Kenner der bislang wenig beachteten Almanache, deren Entstehungszusammenhang und Publikumswirksamkeit sowie deren herausragende Rolle im interkulturellen Austausch sie sehr einleuchtend illustrieren.
Unter den Almanachen überraschen besonders die französischsprachigen, die in Deutschland selbst veröffentlicht wurden. Neben der Einfuhr und Rezeption von Druckerzeugnissen aus Frankreich und der Aufführung französischer Theaterstücke, hat sich im 18. Jahrhundert auch eine frankophone Buchproduktion im deutschsprachigen Gebiet etabliert, wo häufig französische Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen, dem Englischen (z. B. Hume, Locke), aber auch dem Griechischen (Xenophon u. a.), gedruckt wurden. Lüsebrink berichtet, dass sechs der 22 in Frankfurt am Main herausgegebenen Zeitschriften auf Französisch erschienen. Außerdem sind noch die Werbeanzeigen für französische Bücher in Betracht zu ziehen, die von einem sehr breiten Publikumsinteresse zeugen. Gerade die Zeitschriften, die nicht nur Informationen, Nachrichten und wissenschaftliche Erkenntnisse enthielten, sondern daneben Auskunft über Moden und Lebensgewohnheiten gaben, spielten eine enorme Rolle bei der Vermittlung kultureller Modelle und Praktiken. Zu den Publikationsorten dieser Periodika und auch der Almanache zählten neben Frankfurt am Main, Berlin und Wien auch Mannheim, Gotha und Neuwied. Die Quellen, aus denen an Frankreich interessierte Leser schöpfen konnten, sprudelten also vielerorts. An diesen Texten lässt sich das populäre Interesse am "Franzosentum" studieren. Allein die Tatsache, dass auf der Leipziger Buchmesse, wie Lüsebrink anführt, der Anteil französischer Bücher zwischen 1700 und 1770 von 1 % auf 13 % stieg, und auch danach nicht abflachte, wie manchmal behauptet wird, sondern gerade in den Jahren der Revolution und in der Napoleonischen Ära neue Höhepunkte erreichte, belegt das Interesse an allem Französischen und die damit verbundene kulturelle Beeinflussung.
In die letzte Epoche fällt aber auch das Erscheinen des von Iffland nach französischen Vorbildern herausgegebenen "L’Almanach de théâtre" (1808–1809), der nicht nur dem Bedürfnis frankophoner und frankophiler Leser entgegenkam, sondern zugleich, wie Lüsebrink betont, eine stolze Form der Selbstrepräsentation darstellt, die auf das deutsche Theatergeschehen aufmerksam machen wollte, und somit ein Zeugnis für die allmähliche kulturelle Emanzipation darstellt. Gerade weil der Ambivalenz von "Gallophilie" und "Gallophobie" durchaus ein kreatives kulturelles Potenzial innewohnt, sind die Beiträge dieses Sammelbandes lesenswert. Ganz besonders diejenigen, in denen vermutete interkulturelle Zusammenhänge stichhaltig im Detail nachgewiesen werden. In der veranschaulichenden Darstellung kultureller Prozesse beweisen sie, was Kulturwissenschaft leisten und zu unserem Selbstverständnis beitragen kann.
Rafael Arnold
Modes et modèles
La domination culturelle de la France au 18e siècle a certes conduit en Allemagne à un intérêt croissant pour tout ce qui était français, mais aussi à un large mouvement de refus – deux attitudes qui ont abouti à alimenter les stéréotypes nationaux.
Dans leur ouvragesur la « gallophilie » et la « gallophobie » dans la littérature et les médias allemands (et italiens), es auteurs (deux tiers sont d’origine française) citent de nombreux exemples qui confirment que la France n’a pas laissé indifférents les intellectuels allemands, et plus généralement les populations allemandes et italiennes, curieuses de connaître les modes et les modèles de France. On apprend par exemple dans ce livre que la part des ouvrages français présentés au Salon du Livre de Leipzig est passée de 1 à 13 % entre 1700 et 1770 et que cet engouement ne s’est pas arrêté pendant les années de la Révolution française et sous Napoléon.
Les almanachs (de langue française, mais publiés en Allemagne), les pièces de théâtre et autres publications originaires de France sont parvenus à s’établir en terres germanophones, y compris les traductions proposées en français d’oeuvres étrangères écrites initialement en anglais ou en grec. De même, les publicités pour des ouvrages français dans des périodiques allemands montrent bien l’influence de ces écrits sur la vie culturelle en Allemagne.
Réd.



