Originaltitel: La cité des peintres, 1947
2016, Weidle, Bonn, ISBN10: 3938803762
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2016
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Rezension / Compte rendu:
Rückblicke
Französische Literatur in deutscher Übersetzung
Es ist keine Glamourwelt, die Michel Matveev (1892–1969) präsentiert, es entsteht auch kein Flair von ungebundener Bohème – wohin man sieht, es ist eigentlich nur Tristesse auszumachen. In der Pariser Cité Germain-Dubois wohnen bzw. hausen sie: die Maler und Bildhauer, sie werden einmal recht krude, ja schon ein wenig despektierlich als "die Gescheiterten" bezeichnet.
Ein guter Engel zeigt sich dort in Gestalt von Mademoiselle Gigou: sie versorgt die Künstlertruppe mit Suppe, wäscht ihre Sachen. Es sind die frühen 1930er-Jahre, Matveev (ein Pseudonym, hinter dem sich der Maler und Bildhauer Joseph Constant bzw. Constantinovsky verbirgt) beschreibt eine Welt, in der es eigentlich ums nackte Überleben geht, Hunger ist ein ständiger Begleiter. Gewiss, man produziert, man malt, aber man bekommt die Bilder nur selten verkauft, die Kunstgalerien sind wählerisch. An einer Stelle heißt es: "Vierzigtausend Maler in Paris. Wer braucht diese Masse an Faulenzern, Trinkern, Träumern, Verrückten, Schnorrern?" Der in Jaffa geborene, 1923 über viele Zwischenstationen (u. a. Odessa, Kiew, Moskau) nach Paris gelangende Michel Matveev (1892–1969) hat hier einen Text auf erkennbar autobiographischer Grundlage vorgelegt, dem freilich etwas Romanhaftes und im Besonderen auch ein Sound der Vergeblichkeit innewohnt, der an frühe Texte Emmanuel Boves erinnert. Die Misere ist also Programm. Doch dann passiert unversehens etwas, das das Blatt zum Besseren zu wenden scheint: ein Mäzen erkennt das Talent des Erzählers und überreicht ihm großzügig einen Scheck. Als Gegenleistung muss der Maler aufs Land, in die Normandie, um für seinen Gönner bukolische bzw. naturalistische Szenen einzufangen. Womit er dort allerdings über Monate hinweg konfrontiert sein wird, ist ein Konglomerat aus kafkaesken, fast surrealen Zusammenkünften und Begebenheiten. Die Widrigkeiten hören nicht auf. Die Kälte macht ihm zu schaffen, seine Füße muss er sich an einer Kerze wärmen, sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, seine ihm nicht gerade treu ergebene Pariser Freundin Françoise bittet ihn ein ums andere Mal um Geld. Trotz aller Enttäuschung kommt er von ihr nicht los: "Ich werde warten, bis Françoise noch älter ist, bis sie so aussieht, dass sie niemand mehr will, dann kann sie zu mir zurückkommen." Ja, das sind traurige Erwägungen ganz à la Bove. Die Stimmungen zwischen Isolation und Resignation fängt Matveev sehr subtil ein, er liefert einen beinahe phänomenologischen Einblick in das Innenleben eines Künstlers – dem im Übrigen Neid und ähnliche Befindlichkeiten nicht fremd sind: "In diesem Milieu von Eifersucht und Missgunst merkt man, dass der Erfolg eines Kollegen niemandem Freude macht, er verdirbt die Stimmung." Trotz Rückschläge geht er davon aus, dass er fortan nicht mehr zu verhungern droht. Das Schlimmste scheint mithin überstanden, so viel Tröstliches muss sein am Ende.
Thomas Laux



