2010, Hanser Verlag, München 2010, ISBN10: 3446234195
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Rezension / Compte rendu:
Das Glück im Konjunktiv
Eine "Ursituation des Widerstands" machte Hugo Friedrich in seiner Studie über die drei Klassiker des französischen Romans aus, als er auf Stendhal zu sprechen kam. Und in der Tat ist Julien Sorel, der Held aus "Le Rouge et le Noir", der Typus dessen, der sich der engen Welt der Provinz widersetzt; es liegt nahe, in Julien Sorel die literarische Verkörperung seines Schöpfers zu sehen, dieses Henri Beyle, der wenige Jahre vor der Französischen Revolution fern von Paris, nämlich in Grenoble, geboren wird - aber dass dies ein Kurzschluss ist, zeigt Johannes Willms überzeugend. Es gelingt ihm, hinter den Protagonisten seiner Romane und hinter den Pseudonymen, von denen "Stendhal" nur eines unter vielen ist, einen zeigen, der alles andere ist als zynisch und berechnend, so sehr die opportunistische Verstellung und das geschmeidige Anpassen an die in diesen Jahren zwischen "Ancien Régime" und Julimonarchie häufig wechselnden Umstände auch dem Schöpfer des Julien Sorel nicht fremd waren. Aber nicht Widerstand ist das Leitmotiv dieses Lebens, das zwischen der Sentimentalität der Rousseau'schen Bekenntnisse und der Sinnlichkeit der Liaisons dangereuses geführt wird, sondern Flucht: Flucht nämlich aus der Enge der Provinzstadt Grenoble, die Stendhal in seinen letzten Lebensjahren als Konsul in das ihm ebenso verhasste Civitavecchia führen sollte, bevor er bei seinem letzten Paris-Aufenthalt im März 1842 starb.
Flucht erklärt aber nicht nur die rastlosen Reisen Stendhals; geflohen ist er auch vor den Blicken der anderen, in denen er meistens Spott und Abfälligkeit zu entdecken glaubte. Anschaulich erzählt Willms die Höhen und Tiefen eines Lebens, dem Wünsche zum Elixier wurden - vor allem der Wunsch, geliebt zu werden und selbst zu lieben. Stendhal, den Willms bisweilen als "unseren Helden" tituliert und so seiner Biographie selbst romaneske Züge gibt, versteht sein Leben als Rollenspiel. Oder sollte man nicht besser sagen: missversteht? Denn Missverständnisse prägen die niemals ganz zweckfreien Freundschaften Stendhals, und Missverständnisse prägen ebenso seine zahllosen Beziehungen zu Frauen, denen Stendhal wie ein Minnesänger huldigt und denen gegenüber er in Leidenschaft verglüht, bis sie ihn erhören - um als eine Eroberung unter vielen in den Tagebüchern zu verschwinden, in denen der Eroberer geradezu buchhalterisch die schlüpfrigen Details der Liebesnacht vermerkt, bevor er zum nächsten Beutezug aufbricht. Eroberung ist das Leitmotiv dieses unruhigen Lebens, das bis zum dreißigsten Jahr im Rhythmus der Revolution und der napoleonischen Kriege geführt wurde.
Frei von jedem Voyeurismus erzählt Willms die Geschichte eines unglücklichen Don Juan, der die Leidenschaftlichkeit braucht, um nicht am "ennui", der Krankheit des anbrechenden Jahrhunderts, zugrunde zu gehen. Und in akribischer Auswertung der Briefe und Tagebuchaufzeichnungen zeichnet er den Weg auf den Gipfel des literarischen Ruhms nach, den Stendhal mit "La Chartreuse de Parme" endlich erreicht hat. Wie sehr aber auch der Erfolg für Stendhal nichts anderes ist als ein Trugbild, beschreibt dieser in einem Brief an seine Schwester: "Jetzt sitze ich an einem reich gedeckten Tisch, habe aber nicht den geringsten Appetit. Wie viele glückliche Momente gab es in diesem unglücklichen Leben." Johannes Willms' Stendhal-Biographie entlässt den Leser dieses im wahrsten Sinne spannenden Buches mit dem Blick auf einen Menschen, der sich auch durch seine zahllosen Rollen und Masken nicht vor der Einsicht zu bewahren wusste, dass das Glück selbst womöglich ein Trugbild ist.
Clemens Klünemann



