Vom Leben und Überleben eines "Luxusfachs"

Die Anfangsjahre der Romanistik in der DDR

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Seidel, Gerdi
2005, Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, ISBN10: 3935025793

Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 4/2006 

Voir ce livre sur Amazon.fr
Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 4/2006 

Rezension / Compte rendu:
Klemperer, Krauss und die Romanistik in der frühen DDR 

Die wissenschaftshistorische und ideologiekritische Erforschung der Geisteswissenschaften im Dritten Reich hat in den letzten Jahren Konjunktur. Insbesondere der Geschichte der Romanistik im Nationalsozialismus widmeten sich zahlreiche neuere Veröffentlichungen, zum Beispiel untersuchte Thomas Bräutigam 1997 die Hispanistik im Dritten Reich, und der Freiburger Romanist Frank-Rutger Hausmann legte 2000 eine umfangreiche Studie über die Geschichte der deutschen Romanistik im Nationalsozialismus vor. Über zwei Romanisten, die im Dritten Reich zu Opfern der verbrecherischen NS-Ideologie wurden, Victor Klemperer und Werner Krauss, erschienen in den letzten Jahren gleich mehrere Monographien, wobei das Interesse an Klemperer nach der auf dem Buchmarkt kommerziell ausgesprochen erfolgreichen Veröffentlichung seiner Tagebücher 1933-1945 weit über das romanistische Fachpublikum hinaus geht. Verhältnismäßig überschaubar sind im Gegensatz zu den wissenschaftshistorischen Untersuchungen zur Geisteswissenschaft im Dritten Reich hingegen Studien zur Geschichte der kulturwissenschaftlichen Disziplinen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der Deutschen Demokratischen Republik. Vor allem die einen Zeitraum von über 40 Jahren umfassende Geschichte der DDR-Romanistik ist bislang unzureichend erforscht und steckt noch in den Anfängen. 
Über die Anfangsjahre der Romanistik in der DDR informiert nun ausgiebig die 2005 beim Synchron Verlag erschienene Studie "Vom Leben und Überleben eines 'Luxusfachs'", mit der die Romanistin Gerdi Seidel 2003 in Freiburg beiihrem akademischen Lehrer und Doktorvater Frank-Rutger Hausmann promovierte. Im Mittelpunkt der über 300 Seiten umfassenden Untersuchung stehen der im Dritten Reich aus "rassischen Gründen" 1935 seines Amtes enthobene Victor Klemperer (1881-1960), der bis dahin Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden unterrichtete, und der bis zu seiner Verhaftung als Widerstandskämpfer (1942) in Marburg lehrende Romanist Werner Krauss (1900-1976). Bis zu Klemperers Tod 1960 waren er und Krauss die wichtigsten und einflussreichsten Vertreter der Romanistik in Osten Deutschlands und bestimmten das Profil des in der SBZ und der DDR immer wieder in seiner Existenz bedrohten "Orchideenfachs", das in Deutschland zwar auf eine ruhmreiche Tradition zurückblicken konnte, in der DDR aber unter einem erheblichen Rechtfertigungsdruck stand und zeitweise landesweit nur wenige Dutzend Studenten vorweisen konnte. Französisch (und erst recht die anderen romanischen Sprachen) wurden an den Schulen der frühen DDR kaum beziehungsweise gar nicht unterrichtet. Entsprechend gering waren die Fremdsprachenkenntnisse der wenigen Studenten, die überhaupt mit dem Romanistik-Studium begannen. Frankreich, Italien und die übrigen romanischen Länder galten in der DDR der 1950er Jahre als böses kapitalistisches Ausland, das Spanien Francos und das Portugal Salazars als profaschistische Staaten. Kein leichtes Feld also, das die Romanisten nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR zu bestellen hatten.
Trotz des Engagements insbesondere von Werner Krauss, der sich ausdrücklich als marxistischer Philologe definierte und mit seinem 1950 in der Zeitschrift "Sinn und Form" publizierten umfangreichen Aufsatz "Literaturgeschichte als geschichtlicher Auftrag" seine literaturhistorische Programmschrift vorlegte, und von Victor Klemperer, der als Verfolgter des Dritten Reiches, überzeugter Antifaschist und Holocaust-Überlebender in der DDR die bessere Alternative zur BRD sah, wurde das Fach Romanistik schon wenige Jahre nach Kriegsende Opfer einer dezidiert antiwestlichen und antibürgerlichen Bildungs- und Kulturpolitik. Die Romanistik als Universitätsdisziplin wurde in der DDR zunehmend an den Rand gedrängt und mehr und mehr in ihrer Existenz bedroht. Hinzu kam das teils freiwillige, teils von staatlicher Seite vorgeschriebene Abschotten von der Romanistik außerhalb der DDR. Einem "innerdeutschen Austausch" zwischen BRD- und DDR-Romanistik wurden in der Zeit des Kalten Krieges von den Bürokratien beider deutscher Staaten Knüppel zwischen die Beine geworfen. International galt die DDR-Romanistik bis in die 1960er Jahre hinein, als Werner Krauss mit seiner interdisziplinär und sozialgeschichtlich ausgerichteten Aufklärungsforschung zu einem der methodischen Vorreiter der Romanistik wurde, als wissenschaftlich zweitrangig.
Gerdi Seidel hat ihr Buch in acht Kapitel gegliedert. Nach einer Einleitung widmet sie sich zunächst in einem Überblickskapitel den Personen und Institutionen, die in dem von ihr untersuchten Zeitraum 1945 bis 1960 für die Entwicklung der Romanistik in der SBZ und der DDR von Belang waren. Im Mittelpunkt stehen hierbei - neben als "Altlasten aus der NS-Zeit" in der frühen DDR noch lehrenden Romanisten wie Fritz Neubert, Walther von Wartburg, Eduard von Jahn und Arthur Franz - Victor Klemperer, der (teilweise zeitgleich) in Halle, Greifswald und Berlin lehrte und 1947 mit seinem (von Gerdi Seidel unverständlicherweise ignorierten) Buch "LTI - Notizbuch eines Philologen" sein wohl wichtigstes und originellstes Werk vorlegte, und Werner Krauss, der 1947 von Marburg nach Leipzig wechselte, dort sowie in Berlin unterrichtete und schließlich an der Akademie der Wissenschaften ein Institut für Aufklärungsforschung etablieren konnte. Danach wendet sich die Autorin den spezifischen Schwierigkeiten des Schulfaches Französisch und des Studienfaches Romanistik in der DDR zu, um sich schließlich ausgiebig mit den Studieninhalten und der Organisation der DDR-Romanistik auseinanderzusetzen. Weitere Kapitel beschäftigen sich zum einen mit der Romanistik an der Akademie der Wissenschaften, wobei das romanistische Institut dort ein steter Zankapfel zwischen Klemperer und Krauss gewesen ist, zum anderen mit der DDR-Romanistik im innerdeutschen und im internationalen Kontext und schließlich mit der DDR-Fachzeitschrift "Beiträge zur Romanischen Philologie".
Als Schülerin von Frank-Rutger Hausmann stützt sich Gerdi Seidel bei ihrer Untersuchung nicht nur auf eine profunde Kenntnis der vorhandenen Forschungsliteratur und der veröffentlichten Quellen, sondern wertet auch zahlreiche bereits veröffentlichte und auch bislang unpublizierte Briefwechsel, Akten und Nachlässe aus. Außerdem hat sie für ihre Untersuchung zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt, insbesondere mit Schülern von Klemperer und Krauss sowie mit noch lebenden Protagonisten der DDR-Romanistik der 1950er Jahre, zum Beispiel Rita Schober, die sowohl als Wissenschaftsbürokratin als auch als Philologin die Geschichte der DDR-Romanistik seit den 1950er Jahren mitbestimmte.Die Anfangsjahre des "Luxusfachs" Romanistik in der DDR sind mit Gerdi Seidels gleichermaßen informativer wie durchaus fesselnd geschriebener Studie nun vorerst wohl hinreichend erforscht. Eine Untersuchung über die Romanistik in der DDR von den 1960er Jahren bis zur Wiedervereinigung 1990 sollte nicht allzu lange auf sich warten lassen. Vielleicht ist hierzu aber auch die nötige Distanz noch nicht groß genug.
Horst Schmidt

Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Voir ce livre sur Amazon.fr
Vom Leben und Überleben eines "Luxusfachs"