Aus dem Französischen von Bettina Bach
2015, Hanser, Berlin, ISBN10: 3446247181
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2015
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 4/2015
Rezension / Compte rendu:
Außergewöhnliche Geschichten
Französische Bücher in deutscher Übersetzung
Hugo Horiot, 1962 geboren, erzählt seine eigene Jugend als Autist.
Enquêtes et souvenirs
Hugo Horiot, né en 1962, auteur de ce livre paru en 2013 aux éditions L’iconoplaste sous le titre L’Empereur, c’est moi, n’est pas seulement écrivain et réalisateur, il milite également en faveur de la dignité des autistes. Lui-même diagnostiqué Asperger dans son enfance, il est sorti de ce syndrome grâce à sa mère, Françoise Lefèvre, qui a écrit en 1993 l’histoire de son fils autiste (Le Petit Prince Cannibale ), guéri par le refus des méthodes psychiatriques en usage.
Réd.
Labyrinth einer Kindheit
Auch dieses Buch des heute 33-jährigen Hugo Horiot verzichtet auf eine Genrebezeichnung, doch wird rasch klar, dass man es hier mit dem autobiografischen Bericht eines ganz außergewöhnlichen Einzelgängers zu tun hat. Es beginnt damit, dass sich Julien (der sich später, um seine vorige Identität abzulegen, Hugo nennt) mit vier Jahren weigert, zu sprechen, denn: "Wenn ich rede, wachse ich." Er möchte – und da denkt man unweigerlich an Oskar Matzerath aus Günter Grass’ Blechtrommel – seinen Wachstumsprozess also gleich ganz einstellen und am liebsten zurück in den mütterlichen Bauch. Im Kindergarten und später auf verschiedenen Schulen soll sich zeigen: Je mehr die Erwachsenen versuchen, ihn zu reglementieren und ihn in eine gesellschaftliche Norm zu pressen, desto mehr beißen sie sich die Zähne an ihm aus. Seine Mitschüler wiederum erkennen in ihm ein dankbares Opfer, bespucken, schlagen ihn, während er nicht gewillt ist, sich kleinkriegen zu lassen: "Keine Träne, keinen Schrei werden sie mir entringen." Hugos Abschottungen – er verweigert sogar den Stuhlgang und muss wegen eines Darmverschlusses ins Krankenhaus – lassen ein pathologisches Muster erkennen. Hugo ist Autist, zwar in einer vergleichsweise milden Form (allgemein als Asperger bekannt), aber dennoch auffällig und mit konventionellen Methoden schwer behandelbar. Statt Empathie werden allerdings schwere Geschütze aufgefahren: Abkühlung des Körpers auf 33 Grad, Elektroschocks, Zwangsjacken, all dies kündet von der Unfähigkeit der Medizin, dem Problem Herr werden zu wollen. Hugos morbide Fantasien, seine Humorlosigkeit, sein Selbsthass, sind omnipräsent, erst viel später in der Oberstufe sieht er sich in der Lage, dies alles zu sublimieren und zu kanalisieren, nämlich ab dem Moment, da er sich einer Theatergruppe anschließt. In der darauffolgenden Schauspielschule erlebt man, wie seine manische Ich-Zentrierung zerfällt, wie die kompensatorischen Möglichkeiten des Theaters anfangen zu greifen, Hugo spricht vom "Lernen, Gefühle zu lesen, zu spielen und gespielt zu werden". Mit seiner Mutter Françoise Lefèvre, die stets an ihn geglaubt und die im Übrigen sein Schicksal zuvor schon zu Papier gebracht hatte (Stummer kleiner Prinz. Die Geschichte meines autistischen Kindes, 1993), gelingt ihm eine kaum für möglich gehaltene Selbstbefreiung, was in aller Betrübnis und bei aller Betroffenheit eine starke Botschaft dieses Buches ist.
Thomas Laux



