Goethe und Napoleon

Eine historische Begegnung

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Seibt, Gustav
2008, Verlag C.H. Beck, ISBN10: 3406577482

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 2/2009 

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Rezension / Compte rendu:
Von Genie zu Genie

Am Rande des Fürstentages zu Erfurt kamen der 59-jährige Goethe und der 20 Jahre jüngere Napoleon zusammen. An der Begegnung dieser Ausnahmenaturen entzündeten sich seit jeher Spekulationen. Aus der Not der mageren Quellenlage hat Gustav Seibt eine Tugend minutiöser Recherche gemacht. Die "historische Begegnung", die kaum eine Stunde gedauert haben dürfte, verarbeitet er zu einer epochalen Beziehungsgeschichte. Diese reicht von Goethes Teilnahme am Frankreichfeldzug, namentlich der Kanonade von Valmy 1792, in der der Dichter einen Neubeginn der Weltgeschichte erblickte bis zu der beinah kindlichen Begeisterung des alten Olympiers über einen Parfumflakon mit einem Verschluss in Gestalt Napoleons.
Über reiches Anekdotenkolorit hinaus macht Seibt anschaulich, wie prägend das Treffen mit Napoleon für Goethes Denken und Schreiben gewesen ist. In den Karlsbader Stanzen, die Goethe 1812 zu Ehren der französischen Kaiserin Marie Luise verfasste, heißt es über Napoleon: "Was Tausende verwirrten, löst der Eine." Die letzte Zeile dieses hymnischen Versepos war freilich frommes Wunschdenken: "Der alles wollen kann, will auch den Frieden." Marschierte "der Eine" doch zur selben Zeit gegen Moskau. Dennoch sah der Andere in dem Feldherrn, der nicht weniger als 64 Schlachten schlug, den Garanten einer Friedensordnung für Europa. Dass er diese Einschätzung auch nach dem militärischen Fiasko in Russland nicht grundsätzlich korrigierte, belegt der zynisch-trotzige Kommentar Goethes: "Daß Moskau verbrannt ist, tut mir gar nichts. Die Weltgeschichte will künftig auch was zu erzählen haben." Deren zeitweiligen Lenker hatte Goethe für eine kurze Stunde seines Lebens persönlich kennen gelernt. Im Erfurter Statthalterpalast, in dem Napoleon während des Fürstentages residierte, war er Zeuge geworden, wie der Imperator die Geschicke ganzer Völker entschied, mit einem Kommando, mit einer Handbewegung. Napoleon blieb für Goethe zeitlebens ein Faszinosum. Anders als die überwiegende Mehrheit seiner Landsleute bewahrte er dem Kaiser eine Art von Solidarität, auch als dessen Stern längst im Sinken begriffen war. Während die Deutschen in ihrer Erhebung gegen das napoleonische Frankreich sich als Nation entdeckten, reflektierte deren Nationaldichter über seine Studienzeit in Straßburg, wo er erwogen hatte, sich zum französischen Beamten ausbilden zu lassen. Die allgemeine Begeisterung über die Niederlage Napoleons bei der Völkerschlacht von Leipzig kommentierte Goethe kühl: "Wir haben uns seit einer langen Zeit gewöhnt, unseren Blick nur nach Westen zu richten und alle Gefahr nur von dorther zu erwarten, aber die Erde dehnt sich auch weiterhin nach Morgen."
Mit diesen Worten, gerichtet an den jungen Historiker Heinrich Luden, warnt Goethe gewissermaßen vor einer deutsch-französischen Erbfeindschaft, die Deutschland den Weg nach Westen sehr lang machen sollte. So unpolitisch wie er häufig gescholten wird, war Deutschlands größter Dichter nicht. Das belegt "Goethes Bonapartismus" (Seibt), der noch in seiner Formulierung von "meinem Kaiser" widerhallt. Anders als die meisten Europäer dachte gerade der alte Goethe übernational. Weniger der Franzose als der "Weltgeist" (Hegel), der die Revolution gebändigt und fundamental neue Ideen vom bürgerlichen Gesetzbuch bis zum literarischen Urheberrecht international durchgesetzt hatte, machte Napoleon in seinen Augen zur "höchsten Erscheinung in der Geschichte". Dass es dabei von Genie zu Genie ging, belegt auch jene Formulierung Goethes, mit der er sich nach 20 Jahren für seinen kaiserlichen Ritterschlag ("Vous êtes un homme!") auf eine Weise revanchierte, die völlig anders klang als deutsche Revanchegelüste: "Da war Napoleon ein Kerl!"
Die Napoleonverehrung mutet weniger sonderbar an, wenn man bedenkt, dass Goethe zu dieser Zeit am "Faust, der Tragödie zweiter Teil", arbeitete. Schon Nietzsche war davon ausgegangen, dass Napoleon Goethe zu seinem dramatischen Hauptwerk inspiriert habe. Eine dünne Spur dazu legte Goethe selbst, indem er sich schon im Sommer 1815 vernehmen ließ: "Faust bringt mich dazu, wie ich von Napoleon denke und gedacht habe." So drängt sich auch Gustav Seibt die Frage auf: "Wie viel Napoleon steckt im 'Faust'?". Doch bleibt der Autor in seiner ansonsten überaus materialreichen Studie bei der Antwort oberflächlich. Dabei ist gerade dieser Aspekt von größtem Interesse. Verführt er doch zu einer noch kühneren Überlegung: Lässt sich das berühmteste Theaterstück deutscher Sprache als Ehrenrettung eines verfemten französischen Despoten lesen? So wie zu guter letzt dem ebenso ruhe- wie skrupellosen Faust die Gnade des Himmels zuteil wird, begann auch das Bild des nimmermüden Kriegsherrn in immer helleren Farben zu leuchten, bis er uns in heutigen Film- und Fernsehproduktionen tatsächlich als jener "Halbgott" entgegentritt, von dem Goethe einst geschwärmt hatte.
Vor dem Hintergrund dieser ausgreifenden Interpretation wird die Erfurter Begegnung zu einem wahrhaft faustischen Moment. Doch es gibt noch einen unmittelbaren Gewährsmann für diese erlauchte Partie. Kein Geringerer als Talleyrand war als Zeitzeuge zugegen. Doch schildert der das Tête-à-tête in seinen Memoiren als belanglose Audienz, bei der nichts Weltbewegendes herausgekommen sei. Sachdienliche Klarstellung oder diplomatisches Kalkül des dritten Genies im namhaften Bunde? Sicher ist: Die "historische Begegnung" war entschieden zu kurz, um über sie weit reichende Schlüsse wissenschaftlich zu fundieren. "Hélas", sein übervoller Terminkalender ließ dem Kaiser nur wenig Zeit für den Dichterfürsten.
Medard Ritzenhofen

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Goethe und Napoleon