Bretonisch und Französisch im Süd-Finistère

Ein facettenreicher Sprachkonflikt

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Köhler, Wolfgang
2009, Libertas, ISBN10: 3937642099

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Rezension / Compte rendu:
Sprachpolitik in Europa

Dass sich die Regionalsprachen, vor allem in Frankreich, in einer recht prekären Lage befinden, ist längst bekannt, obwohl Paris 1999 die sieben Jahre zuvor formulierte Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen unterzeichnet hat. Die Charta wurde zwar 1998 von den Abgeordneten der Nationalversammlung in der Verfassung aufgenommen - doch ratifiziert ist sie bis heute nicht. Wolfgang Köhler hat an der Neuphilologischen Fakultät der Universität Heidelberg im Fach Romanistik eine originelle Dissertation geschrieben und veröffentlicht. Es geht um eine einzige Regionalsprache in Frankreich, um das Bretonische, und dies nur im Süd-Finistère, also im südlichen Teil einer der fünf bretonischen Départements rund um die Stadt Quimper. Das Forschungsgebiet (455 km2) zählt ca. 105 000 Einwohner, davon fast 64 000 allein in Quimper.

Bewegtes Schicksal
Die Geschichte dieser Sprache, so der Autor, lässt auf ein bewegtes Schicksal zurückblicken: "Von der vollständigen Stigmatisierung als patois bis zur ideologischen Überhöhung einiger militanten Gruppierungen heutiger Zeit hat die Sprache alle Facetten positiver wie negativer Bewertung durchlebt." Bis auf wenige Ausnahmen trugen viele bisherige Aufsätze zu diesem Thema die Züge einer militanten Kampfschrift. Untersuchungen aus dem Ausland, vor allem auch aus Deutschland, befassen sich mit den Sprachattitüden der Bretonischsprecher. Durch Befragungen von 22 Personen, die entweder Bretonisch als Muttersprache oder als neu erlernte Sprache betreiben, kommt Wolfgang Köhler zu Ergebnissen, die auf einen sehr vielschichtigen Sprachkonflikt deuten, zwischen Stolz und Ablehnung. Die (befragten) Bretonen wenden ihre Sprache lediglich bei Verwandten, Freunden und Nachbarn an, die ebenfalls Bretonisch selbst als Muttersprache erlernt haben und sie an ihre Kinder weitergeben wollen, stoßen aber auf sehr wenig Unterstützung durch deren Großeltern.
Bretonisch wird heute nur noch von bestimmten Bevölkerungsgruppen im westlichen Teil der Bretagne gesprochen. Der Autor situiert die ursprüngliche Sprachgrenze zum Romanischen im 9. Jahrhundert vom Mont Saint-Michel (heute in der Normandie) bis an die Loire-Mündung, östlich von Saint-Nazaire. Von einer Sprachgrenze kann heute nicht die Rede sein, denn überall wird nun überwiegend Französisch gesprochen: "Man kann davon ausgehen, dass mittlerweile die letzten monoglotten Bretonischsprecher verstorben sind." Und die Zahl der Personen, die zweisprachig sind, befindet sich im Rückgang - bereits seit dem 10. Jahrhundert, als die Herzöge der Bretagne wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Normannen ins französische Exil fliehen mussten.

Dominanz des Französischen
Die Vereinigung der Provinz mit Frankreich im Jahre 1532, dann die Französische Revolution von 1789 führten zur Dominanz der französischen Sprache als Zeichen der nationalen Einheit. Was übrig blieb, waren Dialekte ("patois"), fünf an der Zahl, die vom Zentralstaat immer stärker bekämpft wurden. Der Autor erinnert daran, dass die Schulgesetze von Jules Ferry 1882 zur Alphabetisierung der gesamten Bevölkerung dienten, natürlich zu Lasten der Regionalsprachen, die sogar aus dem Unterricht verbannt wurden. Bretonisch befindet sich heute auf der Liste ("Rotes Buch") der gefährdeten Sprachen, die die Unesco erstellt hat.
Trotzdem ist eine gewisse, wenn auch bescheidene Wiederbelebung der bretonischen Sprache in den letzten Jahren festzustellen: Sprachkurse, Publikationen, Radiosendungen, Kulturinstitute, zweisprachige Ortsschilder sollen von einer Renaissance des Bretonischen zeugen, doch bleiben viele Aktivitäten umstritten, wie etwa die Erschaffung von fachspezifischem Vokabular.
Übrigens: Sprachforscher haben herausgefunden, dass etwa zwei Fünftel des bretonischen Wortschatzes aus dem Französischen stammen, während "die Entlehnungen aus dem Bretonischen ins Standardfranzösisch von kaum nennenswerter Anzahl" sind. Der Autor, der heute als Lektor bei einem Verlag in Augsburg arbeitet, nennt zwei Beispiele mit pejorativer bzw. folkloristischer Konnotation: "baragouiner" (radebrechen) und "plouc" (der Bauer).
Zum Schluss erläutert Wolfgang Köhler die Art und Weise, wie er zu den Bretonisch sprechenden Informanten kam, die er für seine Studie interviewt hat. Wenn er in einer Gemeindeverwaltung anfragte, wurden ihm nur Namen von Dichtern und Kabarettisten mit folkloristischen Umtrieben genannt ...
J. P.

Bretonischer Einfluss
"Menhir" (langer Stein) und "Dolmen" (Tisch aus Stein) sind wahrscheinlich Erfindungen von Archäologen.
"Bijou" (von biz, Finger und bizou, Ring) bedeutet Juwel, Schmuck.
"Plouc" (eigentlich aus dem Lateinischen ples, Volk) ist in der Umgangssprache der Bauer.
In der östlichen Bretagne wurde früher vor allem das "Gallo" (oder "Gallot") gesprochen. Das bretonische Wort bedeutete französisch bzw. alles, was nicht bretonisch war. In dieser Region wird noch von "Galette" (mit Buchweizenmehl) gesprochen, wo sonst von der typischen bretonischen "Crêpe" (mit Weizenmehl) die Rede ist.
1999 wurde ein Amt für die bretonische Sprache und Kultur ("Ofis ar Brezhoneg") gegründet. Am 17. Dezember 2004 hat der Regionalrat ("Conseil régional") einstimmig das Bretonische und das "Gallo" als Sprachen der Bretagne neben dem Französischen anerkannt. Die Region sieht die Ausbildung von 150 Lehrern pro Jahr vor.

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Bretonisch und Französisch im Süd-Finistère