2012, Hanser, München 2012, ISBN10: 3446238565
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 2/2012
Rezension / Compte rendu:
Meister der narrativen Ökonomie
Mit fünfjähriger Verspätung kommt Patrick Modianos kleiner Roman "Im Café der verlorenen Jugend" in der fabelhaften Übersetzung von Elisabeth Edl endlich auch nach Deutschland. Es ist schon skandalös, wie wenig angemessen dieser mit den bedeutendsten Preisen geehrte französische Romancier hierzulande wahrgenommen wird.
Modiano nimmt uns mit diesem Buch auf eine melancholische Reise in die Vergangenheit, die in das Leben der Pariser Boheme der 1960er Jahre führt. Wie häufig bei Modiano lebt auch diese Geschichte vom plötzlichenVerschwinden einer irgendwie "heimatlosen" jungen Frau (Jacqueline Delanque, die von ihrer Clique nur Louki genannt wird). Jede Straße, jede Metrostation, jeder Platz in Paris haben hier ihre eigene Funktion in einem der Liebe, der Wehmut und der Erinnerung an eine verlorene Zeit gewidmeten Kosmos. Vom Leben im seinerzeit von Künstlern und Studenten viel besuchten "Café Condé" im 9. Arrondissement wird aus der Perspektive von vier Personen erzählt. Da ist zunächst der junge Mann, der ziemlich vage an der "Ecole des Mines" studiert – und im Café die junge Frau Louki beobachtet, die er bemerkenswert findet, weil sie offenbar nicht in dieses Lokal passen will. Louki hat ihren Mann – Jean-Pierre Choureau – verlassen, der einen Privatdetektiv mit der Suche nach ihr beauftragt. Aus dessen Mund erfahren wir den Grund für Loukis Verschwinden. Der Alltag mit ihrem Mann im noblen Pariser Vorort Neuilly "sei nicht das wahre Leben". Nun tritt Louki selbst als Erzählerin in Erscheinung. Sie erzählt von ihrer schweren Kindheit und Jugend und von ihrer Mutter, die im "Moulin Rouge" als Platzanweiserin gearbeitet hat. Mehrfach reißt die Tochter aus, wird aber immer wieder von der Polizei zurückgebracht. Bei ihren nächtlichen "Ausflügen" schließt sie auf der Straße Freundschaft mit einem etwas älteren Mädchen, durch das sie Alkohol und Rauschgift kennenlernt. Schließlich meldet sich Roland, ein junger Schriftsteller, zu Wort, der Loukis Liebhaber wird, sie aber auch nicht festhalten kann. Louki springt vom Balkon. Ihre Freundin versucht vergeblich, sie zu retten. Loukis letzte Worte – gesprochen zu sich selbst: "Es ist soweit. Lass dich fallen."
Wir kennen Patrick Modiano als einen sparsamen Schriftsteller, der lieber die Töne nur leise anspielt, ohne sie ganz auszuführen. Auch verzichtet er auf eine ausdrückliche Problembeschreibung. Dieser Sohn eines alexandrinischen Juden und einer belgischen Tänzerin ist ein Meister der narrativen Ökonomie. Technik und Stil werden von ihm einfach in die Verinnerlichung zurückgenommen. Eben das, was der Autor nicht sagt, aber zwischen den Worten und Zeilen lagert, erzeugt die Eindringlichkeit, auch die Atmosphäre dieser Spurensuche nach dem Früheren, der Jugend. Aus den Erinnerungen formt sich das Bild einer jungen Frau (Louki), die ihre Umgebung auf so merkwürdige wie auch abweisende Art fasziniert hat. Statt Pathos die Melancholie über denVerlust des einst so Vertrauten. Das Erlebnis von Freundschaft und Liebe gehört der Vergangenheit an. Und wiederum ist Modiano ein ganz uneitles, leichtes Stück literarischer Poesie gelungen. Der Schmerz des Vergeblichen und die Trauer über den Verlust der Jugend – das große Thema dieses Autors, nicht zuletzt aufgrund persönlicher Erfahrung.
Wolf Scheller
A retardement
Le roman de Patrick Modiano, « Dans le café de la jeunesse perdue », est enfin publié en allemand, cinq ans seulement après sa parution en France, retard que l’auteur du compte rendu regrette amèrement.
Réd.



