La Découverte
2004, Universitätsverlag (UVK), ISBN10: 2707156108
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 2/2005
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 2/2005
Rezension / Compte rendu:
Nützliches Handwerkszeug
Übersichten, Einführungen und Handbücher sind gerade bei den Verlagen sehr im Schwange und die Gründe dafür sind durchsichtig: Man glaubt, das verkauft sich. Und so kommt es, dass man zuweilen bei der Durchsicht von Verlagsprospekten glaubt, es gebe (außer in dicken, allseits finanzierten Kongressberichten und fetten Festschriften) kaum Wissenswertes mehr. Je ganz unterschiedlich belehren uns die beiden vorliegenden "Soziologien", wie heute Wissen aufbereitet werden kann. Die einen (Pinçon / Pinçon-Charlot) durch thematische Übersicht, die anderen (Moebius / Peter) durch eine eindringliche Beschreibung wichtiger Forscherpersönlichkeiten.
Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot sind durch ihre herausragenden Arbeiten zur Bourgeoisie der französischen Metropole und durch ihre eigenwilligen Feldforschungen bekannt geworden. Sie haben sich vorgenommen, den ganz anderen kulturellen Code der französischen Hochbourgeoisie zu knacken, darüber haben sie einige Bücher geschrieben - und dazu mussten sie an einigen "Hetzjagden" teilnehmen. Hier nun legen sie eine thematisch gegliederte Übersicht vor.
Sie fragen zunächst: Wie kann man Paris beschreiben? ("Lire Paris"), und geben dann die grundlegenden sozialstrukturellen Bestimmungen, um in den Folgekapiteln die zentralen Forschungs- und Problembereiche zu behandeln: Die Deproletarisierung und "Gentrification" der Stadt, die politische Entwicklung nach dem Sieg der Linken, die bourgeoise Sonderrolle der Binnenstadt und schließlich die Bedeutung der Region. Das kleine Büchlein enthält zahllose Graphiken und Tabellen, die die historische Entwicklung und den aktuellen Stand beschreiben, eingeschobene beschreibende Kurztexte (etwa zu Erhellung eines Stadtteils) fördern die Anschaulichkeit. Einzige Schwäche des Buches ist die doch sehr starke Binnensicht der Dinge, ein Blick auf andere Metropolen hätte manches vergleichende Urteil ermöglicht.
Ganz anders Stephan Moebius und Lothar Peter: Das wesentlich umfangreichere Buch hat den Anspruch, anhand von Personen die gegenwärtige französische Soziologie darzustellen. Die vielen in dem Bande vertretenen Autoren beschreiben zunächst vier geläufige Großtheorien: kollektives Handeln im Verband (Michel Crozier und Erhard Friedberg), die erklärende Soziologie (Raymond Boudon), den Aktionalismus (Alain Touraine) und die Soziologie als teilnehmende Objektivierung (Pierre Bourdieu). Nach den "Großen" folgen berechtigterweise die "Kleinen", und das heißt die "Grenzgänger" Georges Balandiers und Edgar Morin. Thematische Schwerpunkte in den folgenden drei Großkapiteln sind dann die Soziologie der Individualisierung und Pluralisierung (Jean-Claude Kaufmann und Bernard Lahire), die Postmoderne (unter anderem mit Baudrillard) und schließlich die Soziologie der Exklusion, der Rechtfertigung und der sozialen Frage (mit unter anderem Dominique Schnapper und Robert Castel). Es spricht für den sorgfältig systematisierenden Band, dass die Herausgeber eine ausführliche historische Einleitung geschrieben haben, die den Unkundigen ein wenig an die Hand nimmt. Einwände gegen die Gewichtung und auch gegen manche Interpretation gäbe es sicher hier und da - sie sind indes bei so vielen Autoren ziemlich unerheblich.
Ist das Buch ein Stück weit "Franzosentheorie" im Sinne Lothar Baiers? Wird hier ein Stück "deutsches Denken über Franzosen" vorgeführt? Ganz sicher in dem Sinne, als hier ziemlich laut theoriebezogen gepfiffen wird (ein empirisches Beispiel, ein Beleg aus dem Leben und der Arbeit des Soziologen hätte der Sache gut getan). Um "Franzosentheorie" handelt es sich jedoch noch aus einem anderen Grund: So glatt wie hier getan wird, sind auch in Frankreich die Grenzen zu anderen Fächern nicht gezogen. Dass man als Stadtsoziologe in dem Band kaum etwas über französische Stadtsoziologen findet, das muss man einstecken können, schließlich sind die Großdenker ganz gut erfasst. Weniger einleuchtend indes scheint, dass die Grenzen zu den Historikern und zu den Kulturwissenschaftlern nicht markiert worden sind.
Man sieht, beide Bücher haben Probleme mit der "Umsicht", es fehlt der Blick über die Fachgrenzen hinaus - vielleicht ist das eine Schwäche der allseits grassierenden Einführungen, Überblicke und Rückblicke. Beide Bücher aber bieten für den soziologisch Interessierten ein Stück nützliches Handwerkszeug und darüber hinaus Einblicke in wesentliche Themenbereiche.
Klaus Schüle



