2005, Éditions Stock, ISBN10: 2012792804
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 5/2005
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Rezension / Compte rendu:
Der Islam als Bewährungsprobe der "laïcité à la française"
Keine Frage scheint einfacher und bündiger zu beantworten zu sein als die nach den Gemeinsamkeiten zwischen Frankreich und dem Iran hinsichtlich der Bedeutung der Religion, insbesondere des Islam für das öffentliche Leben und die Politik: Anhänger wie Gegner der französischen "laïcité", vor allem aber die Verteidiger des Toleranzgedankens würden diesen Vergleich mit Belustigung oder Empörung zurückweisen. In seinem neuesten Buch stellt der renommierte Islamforscher Olivier Roy indes genau diesen Vergleich an und kommt zu einem Ergebnis, das vor allem diejenigen nachdenklich stimmen dürfte, welche in der französischen "laïcité" ein Modell für das vereinte Europa sehen: "C'est le champ politique qui définit la place respective du religieux et du politique et non l'inverse, de l'Iran islamique à la France." (S. 155).
Diese Aussage gegen Ende des Buches ist eines der Ergebnisse interessanter Reflexionen über die Entstehungsbedingungen des (französischen) Laizismus, durch welche der Autor zeigt, worauf dieser beruht, vor allem aber, was aus dem Prinzip der "laïcité" für das französische (und dies heißt immer auch: für das westliche) Selbstverständnis und für die französische Politik gegenüber religiösen (insbesondere islamischen) Bestrebungen folgt beziehungsweise folgen müsste. In vier Kapiteln erläutert Olivier Roy seine Sicht des Verhältnisses zwischen "laïcité" und Islam. Dabei stellen die beiden ersten Kapitel ("I. La laïcité française et l'islam : où est l'exception ?" sowie "II. L'islam et la sécularisation") eher eine historische Analyse dar, während in den beiden folgenden ("III. La crise de l'État laïque et les nouvelles formes de religiosité" sowie "IV. La sécularisation de fait") die aktuellen religiösen Herausforderungen für den laizistischen Staat sowie eine - aus der Sicht des Autors - konstruktive Annahme dieser Herausforderungen durch die säkularisierte Gesellschaft skizziert werden.
Ebenso reich an historischer Analyse wie an kritischer Beleuchtung der aktuellen Auseinandersetzungen mit dem Islam - Kopftuchdebatte, Verdächtigung islamischer Prediger, zum Terror aufzurufen etc. - ist Olivier Roys Buch im 100. Jahr des Gesetzes über die Trennung von katholischer Kirche und französischem Staat vor allem eine Neubesinnung darauf, wie eine säkularisierte Gesellschaft mit dem Phänomen der zunehmenden religiösen Orientierung vieler ihrer Mitglieder umgehen darf und muss. Sicherlich nämlich nicht - dies macht Olivier Roy unmissverständlich deutlich -, indem man sozialen und politischen, gar wirtschaftlichen Fortschritt mit Säkularisierung erklärt und aus dem Maß, in dem eine Gesellschaft säkularisiert ist, eine Überlegenheit dieser (westlichen) Gesellschaften ableitet. Im Gegensatz zur "laïcité", welche staatlicherseits verordnet werde, sei die Säkularisierung ein gesellschaftliches Phänomen, das vor allem in der "Dezentralisierung" des Religiösen bestehe: Weder das konkrete Handeln noch der Sinnbegriff der Menschen verorten sich dann zwangsläufig in der Dimension der Transzendenz, wobei Säkularisierung keineswegs antireligiös oder antiklerikal ausgerichtet sein müsse (vgl. S. 19 ff.). Von diesem Prozess sei jede Gesellschaft betroffen, unabhängig davon, ob und in welchem Maße sie religiös geprägt ist beziehungsweise nach außen ein religiös geprägtes Bild von sich selbst gibt.
Es ist dieser Begriff einer säkularisierten Gesellschaft, welcher die Parallele zwischen westlichen und islamisch geprägten Ländern zu ziehen erlaubt, denn in jeder Gesellschaft - sei sie auch noch so religiös definiert - treten im Laufe der Zeit andere "Sinnangebote" und Lebensentwürfe in Konkurrenz zum religiösen Dogma. Insofern sei es Ausdruck einer völligen Verkennung islamisch geprägter Länder, von einer absoluten gegenseitigen Durchdringung der Sphäre des Politischen und des Religiösen in ihnen auszugehen und dies für den Westen zu negieren; interessant sind in diesem Zusammenhang immer wieder die religionssoziologischen Anmerkungen des Autors zur Rolle der christlichen Rechten in den USA, aber auch zu (zivil)religiösen Vorstellungen in den westlichen Gesellschaften.
In Bezug auf den Iran und unter Berufung auf einflussreiche islamische Theologen (vgl. S. 81 ff.) stellt Olivier Roy fest, dass der prinzipielle Unterschied zwischen islamisch geprägten und westlichen Gesellschaften nicht im Bild von der Religion, sondern im Staatsverständnis liege ("ce n'est pas l'État qui li-bère le citoyen du religieux, comme dans la tradition laïque française, c'est la religion qui libère le citoyen de l'omnipotence de l'État"; S. 82). Das Phänomen des modernen Staates ist indes ein Erbe der christlich-abendländischen Tradition, das auf dem Wege der Kolonialisierung in andere Kulturkreise exportiert worden ist. Sehr anschaulich wird diese Entwicklung des Staatsbegriffs gerade im zweiten Kapitel des Buches, wo unter Rekurs auf die kirchenrechtlichen Dispute des Hochmittelalters sowie die durch Martin Luther "wiederbelebte" Zwei-Reiche-Lehre die christliche (!) Genese der Autonomie des Politischen nachgezeigt wird, welche freilich mit der "sacralisation de l'État (parce que sanctionné par Dieu)" (S. 72 ff.) einherging. Dabei versäumt Olivier Roy nicht, auf das französische Spezifikum einzugehen, wenn er nämlich unter der Überschrift "La tentation gallicane" die von ihm konstatierte und kritisierte Tendenz erwähnt "d'utiliser la grille de la laïcité pour 'domestiquer' l'islam." (S. 64). Diese Tendenz manifestiere sich darin, dass Vertreter des französischen Staates sich bei ihrer Kritik des Islam in Angelegenheiten des theologisch zu begründenden Dogmas einmischten, wobei doch ihr erklärtes Hauptziel eine Integration der muslimischen Franzosen sei: Wenn Tariq Ramadan erkläre, die körperliche Züchtigung, welche die Scharia vorschreibe ("hudud"), könne prinzipiell nicht abgeschafft, sehr wohl aber ausgesetzt werden, dann sei er mit dem Prinzip des französischen Laizismus eher konform als Nicolas Sarkozy: Dieser mische sich mit seiner Forderung nach Abschaffung des "hudud" in theologisch-dogmatische Angelegenheiten einer Religion ein, was ihm nicht zukomme (vgl. dazu S. 49 ff.). Denn - und dies taucht fast wie ein Glaubensbekenntnis immer wieder bei Olivier Roy auf - der Laizismus sei nicht anderes als eine Orientierung an den "règles du jeu" im Sinne des Funktionierens einer säkularen Gesellschaft. Mit anderen Worten: "Predigt, was ihr wollt! Glaubt, was ihr wollt! Solange ihr Euch an die Mindeststandards des Funktionierens der Gesellschaft haltet, kann, ja muss dies dem Staat egal sein." Auf diese von Olivier Roy skizzierten Essenz der "laïcité à la française" (S. 66) - Neutralität in theologisch-dogmatischen Fragen, Wachen über das Einhalten der "règles du jeu" durch alle gesellschaftlichen Gruppen - gründet sich ein Optimismus ("C'est bien la participation au jeu politique qui amène des croyants peu portés vers la démocratie comme idéal de société à accepter les règles du jeu et à s'en faire souvent de bons défenseurs." (S. 158), der freilich angesichts der Situation in vielen französischen Vorstädten nur schwer nachzuvollziehen ist. Und ebenso wenig ist die Polemik gegen diejenigen zu verstehen, die in der Segregation der französischen Gesellschaft durch die inzwischen rechtsfreien Räume mancher "banlieue" einen Verlust des Konsenses über die vielzitierten republikanischen Werte sehen (vgl. hier besonders S. 58 ff.). Denn wenngleich dem Autor vorbehaltlos zuzustimmen ist, dass das Prinzip des Laizismus positiv definiert werden muss und nicht zur Abwehr dessen missbraucht werden darf, was als fremd angesehen wird ("La défense de la laïcité est plus que jamais la défense d'une identité qui a du mal à se définir positivement", beklagt Olivier Roy (S. 60)), so bleibt er letztlich die Antwort auf die Frage schuldig, wie sich denn eine Gesellschaft definieren soll, deren größter gemeinsamer Nenner in der Ausformulierung von Spielregeln des Zusammenlebens besteht. Indem die Versuche der Reflexion über die philosophischen (oder gar religiösen) Ursprünge dieser so genannten Spielregeln als "exigences idéologiques" (S. 158) denunziert werden, verschließt der Verteidiger der säkularisierten Gesellschaft doch die Augen vor der Frage danach, ob Staat und Gesellschaft sich nicht auf etwas gründen - nämlich der Würde des einzelnen Menschen -, das sie nicht selbst hervorgebracht haben, das zu garantieren indes ihre prominente Aufgabe ist.
Olivier Roys brillante historische Betrachtung des Laizismus sowie seine interessante Analyse der Wege und Irrwege des Laizismus in der aktuellen französischen Gesellschaft leiden also letztlich daran, dass sie - in guter jakobinischer Tradition - die religiöse Orientierung des Einzelnen nicht als fundamentale individuelle Lebensfrage (auf welche die säkularisierte Gesellschaft nur unzureichend antworten kann) betrachtet, sondern als Problem: "Le problème n'est pas l'islam, mais bien le religieux" (S. 172). Der "vrai respect de l'autre" (den der Autor im Anschluss an diese Feststellung einfordert) als Antwort auf die Herausforderung der säkularisierten Gesellschaft besteht jedoch nicht darin, das Denken des anderen als Problem zu erdulden, sondern ihn verstehen zu wollen.
Clemens Klünemann



