De 1789 à nos jours
2004, Éditions du Seuil, ISBN10: 2020609541
Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 2/2005
Voir ce livre sur Amazon.fr
Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 2/2005
Rezension / Compte rendu:
Die Hydra des Antisemitismus
Michel Winock schildert in seinem neuesten Buch das Verhältnis von Juden und Nichtjuden in Frankreich ab der Revolution, aus der im Jahr 1791 die bürgerliche Emanzipation der Juden folgte. Ihre seit dem vierten Jahrhundert dokumentierte Präsenz, die mittelalterlichen Zentren jüdischer Gelehrsamkeit, die mehrfachen Vertreibungen, die allmähliche Wiederansiedlung und ihre schließliche Duldung klammert er aus. Sein Interesse gilt eindeutig der modernen, aufgeklärten, laizistischen Epoche. Dass die bürgerliche Gleichstellung und die damit einhergehende Akkulturation zu Spannungen innerhalb der jüdischen Gemeinden führte, zu denen auch die unterschiedlichen Interessen der sephardischen Juden ("marchands portugais") in Bordeaux und Umgebung und der orthodox geprägten aschkenasischen Juden im Osten Frankreichs beitrugen, ist für Winock nicht von Bedeutung.
Im Verlauf einer zunehmenden Säkularisierung und Assimilation spitzte sich außerdem die Frage nach der jüdischen Identität weiter zu. An der Schwelle des Aufgehens in der Umgebungsgesellschaft stand für viele die Konversion. Denjenigen, die nicht konvertieren wollten, stellte sich die Frage nach ihrem persönlichen Judentum. Warum sollten sie noch länger Juden bleiben und damit verbundene Nachteile ertragen, wo sie weder Glaube noch Traditionen mehr mit dem Judentum verbanden. Seither "tanzt das Judentum eines jeden Einzelnen", wie Franz Rosenzweig es formuliert hat, "auf der Nadelspitze eines 'Warum?'."
Diese religiösen, kulturellen Umbrüche innerhalb des Judentums stehen nicht im Blickfeld Winocks. Genau sowenig scheinen ihn die Einflüsse der deutschsprachigen Haskilim, der jüdischen Aufklärer wie Moses Mendelssohn, Naphtali Wessely, David Friedländer oder Lazarus Bendavid, auf diesen Prozess zu interessieren. Als Parteigänger des Laizismus begrüßt Winock säkulare Tendenzen, auch wenn sie den Verlust von weitgehender Autonomie, eigener Gerichtsbarkeit und Schulen bedeuteten.
Wann immer es aber um das Verhältnis von Juden und Nichtjuden geht, taucht das "Gespenst des Antisemitismus" auf. Folglich handelt Winocks Buch vor allem davon. Denn selbst der Weg in die totale Assimilation, sei sie mit einer Konversion verbunden oder nicht, brachte nicht immer die gewünschte "Normalisierung". Der mittelalterliche christliche Antijudaismus ebbte zwar im 19. Jahrhundert langsam ab, was an der schrittweisen Säkularisierung der europäischen Gesellschaften lag, doch verfestigte sich stattdessen die Ansicht, dass das Verhalten der Juden nur durch unveränderliche Rassemerkmale erklärbar sei. An die Stelle der Forderung nach Assimilation und Konversion zum Christentum setzte der rassische Antisemitismus das Verdikt genetischer Determiniertheit. Die sozialen Verlierer der Modernisierung - die traditionellen Eliten und vorindustriell geprägte Wirtschaftszweige - fanden in den Juden eine willkommene Zielscheibe ihrer Unzufriedenheit. Da die Juden von den Veränderungen profitierten, die das traditionelle Leben unterminierten, erschien es vielen plausibel, dass sie für eben jene Veränderungen verantwortlich waren. Antisemiten witterten in der Anpassung der Juden eine Tücke, die Gesellschaft zu unterwandern. Den Mythos von der heimlichen Invasion der Juden nährte der Journalist Édouard Drumont mit seinem Buch "La France juive" (1886), das sehr schnell zu einem Bestseller avancierte.
In der Affäre um den wegen Spionage angeklagten Hauptmann Alfred Dreyfus, die sich 1894-1906 abspielte, kulminierten dann antisemitische Ausbrüche. Als die Unschuld Dreyfus' erwiesen werden konnte, feierten die Republikaner die Affäre als "Sieg der Wahrheit", der die selbstreinigenden Kräfte der Republik zeige ("...et fera l'éternel honneur de la France"). Sehr verhalten hingegen reagierten die jüdischen Organe. Wohl weil man daraus keine "jüdische Affäre" machen wollte. Dennoch ließ sich das antisemitische Blatt "La Libre Parole" nicht abhalten, den Ausgang des Prozesses als "Triumph der Juden" zu bezeichnen. Im geistigen Umfeld dieser Zeitschrift plädierte man nun für einen "antisémitisme de raison", der mit wissenschaftlichen Mitteln die Gefahr einer "jüdischen Weltverschwörung" bannen sollte.
Obwohl 1835 in Frankreich von 300 Geldhändlern nur 45-50 Juden waren, wurden Bankiers und Juden gerne gleichgesetzt. Ohne Rücksicht auf logische Folgerichtigkeit wurde das alte Negativklischee des Wucherjuden (in seiner modernen Version des geldgierigen Kapitalisten) mit dem neuen Bild des subversiven "jüdischen Bolschewisten" verknüpft, dessen Ziel es war, Privateigentum und Kapitalismus zu zerstören. Als Reaktion fand 1929 die Gründung der Ligue Internationale Contre l'Antisémitisme (LICA) statt, deren Schwäche immer blieb, dass ihr hauptsächlich Juden angehörten, wodurch sie dem Vorwurf ausgesetzt war, eine Interessenvertretung zu sein. Wenig später verbündete sich der Antisemitismus sogar mit dem Pazifismus. Der drohende Zweite Weltkrieg wurde zur "guerre juive" erklärt, weil angeblich nur die Juden ein Interesse haben konnten, Nazi-Deutschland zu bekriegen.
Eines der spannendsten Kapitel ist mit "La bataille de la mémoire" überschrieben. Winock beschreibt hier das große Schweigen über die Vergangenheit in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Die nationalsozialistische Judenvernichtung drang noch lange nicht ins allgemeine Bewusstsein. Die Juden galten als "martyrs parmi d'autres", und die Überlebenden wollten nicht über die Zeit in den Lagern sprechen. Die Opferrolle wurde von einigen geradezu als Schandfleck für die jüdische Ehre empfunden. An die Seite der Traumatisierung trat der Wille, eine neue Existenz aufzubauen. Zwischen 1945 und 1957 legten 2 150 Juden ihre als Stigma empfundenen Familiennamen ab. Es irritiert, wenn Winock diesbezüglich von "retour à la norme" spricht und den Namenswechsel mit dem dringenden Wunsch nach Anpassung ("volonté d'indifférenciation") begründet. Ebensogut kann man darin eine resignierte Antwort auf übermäßigen Assimilationsdruck sehen.
Auf nichtjüdischer Seite wollte man ebenfalls, wenn auch aus anderen Motiven, die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen. Präsident Pompidou sah 1972 die Zeit gekommen, die Jahre des Schreckens zu vergessen. Winock schildert, wie die breite Öffentlichkeit 1985 durch den Dokumentarfilm "Shoah" von Claude Lanzmann aufgeschreckt wurde und in den 1990er Jahren durch Holocaust-Leugner und antisemitische Äußerungen Le Pens. Die Diskussion über die eigene französische Beteiligung am Holocaust wurde in Frankreich lange Zeit - auch durch Amnestiegesetze wie das von 1953 - verzögert. Erst in den 1990er Jahren fanden vor dem Hintergrund von Prozessen gegen Vichy-Beamte Debatten statt. Das Ringen um die Vergangenheit und den richtigen Umgang mit ihr ist gerade aus deutscher Leserperspektive hochinteressant.
Während sich in den 1990er Jahren allenthalben eine Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema Antisemitismus abzuzeichnen begann, schockiert die seit Beginn des neuen Jahrtausends steigende Zahl von Attentaten auf jüdische Einrichtungen. Erklärt wird dies damit, dass sich junge maghrebinische Einwanderer mit den von Israel unterdrückten Palästinensern identifizierten und unter der Fahne des Anti-Zionismus gegen Juden in Frankreich vorgehen, die sie mit der israelischen Regierung und den Israelis allgemein gleichsetzen. Manche Franzosen sind daher geneigt, die Übergriffe gewissermaßen als "révolte anticolonialiste" zu rechtfertigen. Kommt der Groll gegen Israel aus den ehemaligen Kolonien, verstummt der Anti-Antisemitismus. Winock sieht darin den Ausdruck eines "postkolonialen Komplexes", der die Franzosen auf die Seite der ehemals Unterdrückten zieht. Aus falschverstandener Solidarität lassen sie sich die unstatthafte Gleichsetzung gefallen, die aber gerade den Kern antisemitischen Gedankengutes ausmacht. Über die Gefahren, die ein solcher Import des Nahost-Konfliktes mit sich bringt, ist man sich in Frankreich - dem europäischen Land mit der größten jüdischen Gemeinschaft (etwa 600 000 Juden) und den meisten Muslimen (circa 5-6 Millionen) - bisher noch nicht ausreichend klar geworden.
Die Stärke von Winocks Darstellung ist die Ausgewogenheit, mit der er seine zahlreichen Quellen auswertet, schicht- und gruppenspezifische Unterschiede herausarbeitet und darstellt. Ohne den Antisemitismus zu bagatellisieren, gelingt es ihm, in konkreten Fällen vermutete antisemitische Motive anhand von Fakten zu zerstreuen. Hier hätte er auch folgendes Vorkommnis erwähnen können, das sich im Juli 2004 in einem der "quartiers de banlieue défavorisés" von Paris zugetragen hat: Eine Frau behauptete, sie sei mit ihrem Baby im RER-D von sechs Männern maghrebinischer Herkunft überfallen und misshandelt worden - man habe sie für eine Jüdin gehalten. Die Geschichte war indes erfunden, und die tagelange öffentliche Empörung über die angebliche Tat schlug in Empörung über die Lüge um. Solche Vorfälle führen zu Irritationen. Eine weitere konnte nur verhindert werden, da die Jüdische Studentenvereinigung (UEJF) von einer im letzten Jahr geplanten provokativen Aktion selbst Abstand nahm, bei der Andachtsbilder, die den gekreuzigten Jesus oder die Muttergottes zeigen, mit "sales juifs" überschrieben werden sollten. Bei aller Dringlichkeit, die Gesellschaft aufzurütteln und etwas gegen den Antisemitismus zu tun, erkannte man, dass solche Aktionen das Klima nur unnötig aufheizen würden.
Gegen den Antisemitismus scheint kein Kraut gewachsen. Winock schließt mit der Forderung, den Antisemitismus zu einem "sakralen Tabu" zu machen. Damit meint er kein generelles Denkverbot. Überlegenswert ist so ein Vorschlag allemal.
Rafael Arnold



