2006, Ammann, ISBN10: 325010485X
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 4/2006
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 4/2006
Rezension / Compte rendu:
Pariser Allerlei - gewogen und zu leicht befunden
Es mangelt ja nicht an Versuchen, Paris neu zu erfinden. Und auf den ersten Blick interessiert das Buch des Verlegers und Kunstkenners Eric Hazan, ungeheuer, scheint es sich doch unter die Reihe der Großen gesellen zu können. Da ist zunächst ein unglaublicher Faktenreichtum, eine erstaunliche Belesenheit und eine genaue Kenntnis der Stadt. Da ist weiter ein gut lesbarer, durchaus eigenwilliger Stil und dennoch auch eine große wissenschaftliche Genauigkeit. Und da ist schließlich eine Konzeption, die sich ganz auf das stadträumliche Sichtbarmachen von Entwicklungen konzentriert. Das lädt zum Lesen ein.
Der erste und größte Teil des Bandes umfasst drei Abschnitte, die zugleich drei historische Entwicklungsstufen abbilden: Zunächst wird das "Alte Paris" und seine Stadtviertel beschrieben; dann das "Neue Paris", die "faubourgs" vor allem und schließlich noch einmal das "Neue Paris", die eingemeindeten Dörfer nämlich (wie Clignancourt, Vaugirard oder Charonne).
Der zweite Teil heißt dann "Das rote Paris", dort geht es ganz überwiegend (und, was das Jahr 1848 angeht, auch sehr berechtigt) um die Barrikaden von Paris. Und im dritten Teil unter der Überschrift "Im wimmelden Gemälde von Paris" kommt schließlich der Kunstkenner Hazan zu Wort. Das Kapitel beginnt mit einer Beschreibung der bekannten Flaneure und beschäftigt sich dann mit den Paris-Bildern und der Paris-Fotografie.
Warum aber macht einen das Buch auch so ärgerlich? Nun, je länger man in diesem dicken Buch liest, desto mehr stört einen die ungeheure Beliebigkeit, mit der da ein Intellektueller sein Wissen ausbreitet. Studienräte mag es ja interessieren mit welcher Parkbank auf dem Boulevard Henri IV. Flaubert seinen Roman "Bouvard und Pécuchet" beginnen lässt, wenn aber das ganze Buch von solchen Aufzählungen wimmelt, wird es einfach öde und unübersichtlich.
Und weiter: Die Konzentration nur auf die Stadträume des Departements Paris stellt sich gleich in mehrfacher Hinsicht als kontraproduktiv heraus. Wie kann man über das "rote Paris" schreiben und die Vororte dermaßen außen vor lassen? Der politisch-mentale Stadtraum bleibt in Hazans Buch völlig außer Acht. Wie kann man überhaupt über die Erfindung von Paris reden, und im Grunde nur die Raumentwicklung schildern? Wie kann man die Entwicklung der Stadträume zum Schwerpunkt nehmen und diese nur mit ein paar hingestrichelten Zeichnungen begleiten? Von einer kultur- oder sozialgeschichtlichen Einordnung (wie in manchen Ankündigungen des Buches in Aussicht gestellt wird) kann also hier nicht die Rede sein.
So erstaunt es nicht, das beim näheren Hinschauen die gängigen Klischees einen nur so anspringen: Paris die Flaneur-Stadt, die Stadt des Widerstandes gegen die Faschisten, Paris die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts usw. Die Mystifikationen bei der Erfindung der Stadt werden vom Kunstkenner kaum aufgearbeitet (und die Kunst hat weiß Gott eine herausragende mystifizierende Rolle gespielt). Die sozialen Gewichtungen werden galant übersprungen, die mentale Welt der Stadt ist nur literarisch andeutungsweise erfasst, anstatt Zusammenhänge zu erhellen, wird mit Zitaten um sich geschmissen - nein, Hazan hat sich jedwede kritische Aufarbeitung erspart, und das ist schade.
So möchte man dem Mann zurufen: Schuster, bleib bei deinen Verleger-Leisten, denn so trägst du nur ein Stück zur Vernebelung, zur stadthistorischen und politischen Unübersichtlichkeit bei.
Klaus Schüle



