2009, Julliard, ISBN10: 226001772X
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 3-4/2009
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Rezension / Compte rendu:
Anti-preußische Gefühle
Erbfeindschaft - das Wort ist in dem jüngsten Roman von Jean Teulé nicht zu finden. Erbfeindschaft ist ja nicht nur ein Wort, es war einmal eine Stimmung. Der französische Erfolgsautor hat aus alten Zeitungen und lokalen Erzählungen eine Geschichte - "einen faits-divers" - gefunden, womit er den damaligen Hass der Franzosen gegen die Preußen illustriert. In diesem historischen Roman ist alles wahr. Unglaublich, aber wahr. Es geht um einen sympathischen, jungen Mann aus dem Périgord, Alain de Monéys, während des deutsch-französischen Krieges von 1870. Er ist immer hilfsbereit und dadurch allseits beliebt, er ist einstimmig zum Beigeordneten im Gemeinderat gewählt worden, er ist auch ein Patriot, der bald trotz einer leichten Gehbehinderung in der französischen Armee gegen die preußischen Soldaten Bismarcks in Lothringen kämpfen wird. Nun will jemand während eines Dorffestes in dem kleinen Nachbarort Hautefaye, wo eigentlich jeder Alain kennt, gehört haben, wie sein Cousin "es lebe Bismarck" gerufen haben soll.
Alain kommt zur Hilfe. Der Verdacht, so meint er, sei so irrsinnig, als hätte er selber Frankreich den Tod gewünscht. Viele haben es jetzt also deutlich gehört: Alain hat den Tod Frankreichs gewünscht, und alle sind nun der festen Überzeugung, ein Preuße habe - so weit weg von Lothringen - das Dorf erreicht. Der arme Alain wird geschlagen, gefesselt, gefoltert - er ist nicht mehr Alain, sondern der Preuße schlechthin. Nicht mehr der Freund von neben an, sondern der Feind. Mehr noch: das Feindbild. Die meisten Dorfbewohner sind Analphabeten, nur wenige können die Zeitung lesen, aber alle wissen, wenn auch nur unbewusst, dass Napoleon III. gegen die Preußen keine Chancen mehr hat. Tatsächlich wird die französische Nation einige Wochen später in Sedan kapitulieren. Die Republik wird dem Kaiser folgen. Alain muss für diese Entwicklung büßen: Er wird öffentlich verbrannt, Dorfbewohner werden aus blinder Wut sogar zu Kannibalen (daher der Titel des Romans "Essen Sie ihn, wenn Sie wollen"). Wenn die Gendarmerie endlich eingreift, versteht keiner mehr, was da eigentlich passiert ist. Vier, von etwa 600 Einwohnern, werden zum Tode durch die Guillotine verurteilt, andere werden lebenslänglich in Arbeitslager geschickt, nicht wenige schlagen vor, das Dorf nach dieser grausamen Geschichte dem Erdboden gleich zu machen.
1970 haben sich die Nachfahren des Opfers und der Dorfbewohner Seite an Seite an diese unglaubliche, aber wahre Geschichte erinnert. Wissenschaftliche Bücher zu diesem Thema gibt es mittlerweile auch. Keiner konnte bisher diese Massenhysterie erklären, die Jean Teulé in seinem historischen Roman so eindrucksvoll dargestellt hat. Durch dieses Buch wird deutlich, wie zwischenstaatlich notwendig und zwischenmenschlich wichtig das historische Versöhnungswerk von 1963 gewesen ist. Denn Erbfeindschaft war nicht nur ein Wort.
François Talcy
L'auteur à succès reconstitue dans les moindres détails l'histoire de l'hystérie qui a envahi tout un village du Périgord, quelques semaines seulement avant la défaite de Napoléon III face aux soldats prussiens de Bismarck. Ce roman montre la nécessité d'une réconciliation historique pour mettre fin à cette folie guidée par la haine des ennemis héréditaires à la fin du XIXe siècle. Nul n'est àl'abri de l'abominable. Nous sommes tous capables dupire.



