1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter.

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Matz, Wolfgang
2007, S. Fischer Verlag, ISBN10: 3100489209

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Rezension / Compte rendu:
Flaubert, Baudelaire, Stifter und deren Meisterjahr 1857

War es die Französische Revolution, die 1789 dem Ancien Régime das Genick brach? War es 1907, das Jahr, in dem Picasso mit seinen "Demoiselles d’Avignon" die Kunstwelt verstörte, oder doch die erste Überquerung des Atlantiks von Charles Lindbergh 1927, mit der das 20. Jahrhundert ins Luftzeitalter abhob? Obwohl sich die Frage, wann und wo die Moderne ihren Ursprung hat, unmöglich an einem Ereignis festmachen lässt, wird sie immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Die Debatte wird nun bereichert durch einen über 400 Seiten starken Beitrag von Wolfgang Matz, der schreibt: "1857 ist das Jahr der Moderne, das Jahr der modernen Literatur." Der bereits mit dem Paul Celan-Preis und dem Petrarca-Übersetzer Preis ausgezeichnete Autor kann, über die diesjährige Rundung des Datums hinaus, ein nicht unbedingt geläufiges Faktum für seine These ins Feld führen. Vor 150 Jahren erschienen drei Bücher, deren "epochale Neuheit" Literaturgeschichte schrieb: "Madame Bovary" von Gustave Flaubert, Charles Baudelaires "Les Fleurs du Mal" sowie "Der Nachsommer" aus der Feder des Österreichers Adalbert Stifter.
Ein handlungspraller Roman mit dem Untertitel "Moeurs de Province", eine Sammlung von unmoralisch-morbiden Gedichten mit Pariser Flair, ein gepflegt langweiliger Bildungsroman, den sein Autor "eine Erzählung" nennt; zwei französische Werke und ein deutschsprachiges, verfasst von einem Großstadtautor par excellence (Baudelaire) sowie zwei Schriftstellern, die das Schreiben in provinzieller Abgeschiedenheit bevorzugten. Was verbindet diese drei so singulären Bücher eigentlich außer dem gemeinsamen Erscheinungsjahr? Der Beantwortung dieser zentralen Frage weicht Wolfgang Matz zunächst aus, indem er jedes dieser Meisterwerke gedankenreich vorstellt und luzide analysiert. Dabei fallen zunächst die jeweiligen Besonderheiten ins Auge. Flaubert betreibt am Beispiel seiner auf der ganzen Lebenslinie kläglich scheiternden Protagonistin "die definitive Demontage der romantischen Liebe" in der Literatur. Indem er die "prosaische, kleinliche Gesellschaft der modernen Welt" entzaubert, etabliert sich Flaubert zugleich als "der bürgerliche Schriftsteller". Ganz anders der im selben Jahr wie Flaubert, nämlich 1821, geborene Baudelaire, der sich in Paris in die Rolle des literarischen Dandys hinein stilisiert. Während Flaubert einen distanzierten Realismus entwickelt, hinter dem der Autor verschwindet, feiert Baudelaire sein "poetisches Ideal der unreinen Liebe". Doch auch in ihren wüsten Varianten ist dessen erotische Lyrik ein Spiel mit Formen der klassischen Vorbilder wie Dante und Petrarca. Mit seiner perversen Sexualität schockierte Baudelaire seine Zeitgenossen als "poète maudit". Doch niemand anderes als Flaubert erkannte bereits "den künstlichen, ja eigentümlich keuschen Charakter" der lyrischen Ausschweifungen, mit denen Baudelaire, anders als er selbst, die Romantik auf ihren ultimativen Höhepunkt trieb.
Und Stifter? Läuft nicht dessen kurioser literarischer Sonderweg weit abseits von den beiden anderen Epochenromanen? Stifter ist das glatte Gegenteil von Baudelaire, vermeidet er doch gewissenhaft jede erotische Anwandlung. Den Reiz des Weiblichen bändigt er durch ostentativen Familiensinn. Flaubert kutschiert mit "Emma Bovary" Ehe und Familie in den Abgrund. Baudelaire hat mit dieser Thematik überhaupt nichts am Hut. Stifter dagegen konzentriert das individuelle Glück in der familiären Intimität. Der Ich-Erzählers seines "Nachsommers" Heinrich ist "der unromantische Held schlechthin". Und so scheinen trotz der evidenten Verschiedenheit der drei Werke doch einige Parallelen auf. Wie Flaubert arbeitet auch Stifter an "der großen Liquidierung der Romantik". Die Ehebrecherin Emma scheitert an ihren übersteigerten Lebens- und Liebeserwartungen. Der angehende Mustergatte Heinrich findet seine Erfüllung in der Anpassung an biedere Konvention. In einer subtilen Interpretation macht Matz jedoch deutlich, dass Stifter keineswegs nur rückwärts gewandt war. Schrieb er doch "den ersten großen ganz und gar artifiziellen Roman seines Jahrhunderts", womit er bereits einen Vorgeschmack auf den "nouveau roman" des 20. Jahrhunderts gab.
Überzeugend arbeitet Matz die biographischen Parallelen dreier Künstler heraus, die ihren Status in der bürgerlichen Welt neu erfinden mussten. Flaubert, Baudelaire, Stifter, allen drei Schriftstellern wird das Schreiben zur Obsession. Anders als die schreibenden Abenteurer, Diplomaten, Salonlöwen des Dixhuitième geht ihre Existenz in der Arbeit am Schreibtisch auf. So wundert es nicht, dass alle drei vom nämlichen Lebensüberdruss befallen werden. "Mein Herz ist voll mit einem großen Ennui." (Flaubert) – "So langweile ich mich, und die anderen langweilen mich noch mehr." (Baudelaire) – "Das Herz möchte einem brechen bei Betrachtung gewisser Unmöglichkeiten." (Stifter). Alle drei sehen den Mitte des 19. Jahrhunderts rasant einsetzenden Fortschritt mit tiefer Skepsis. Flaubert verhöhnt den Fortschrittsoptimismus in "Emma Bovary" mit dem Desaster einer an sich banalen, jedoch völlig missglückten Klumpfußoperation. Von einer "großen Barbarei mit Gasbeleuchtung" spricht Baudelaire, der ein Moderner nur insofern war, als er die Moderne ablehnte. Und Stifter schriebt im Nachsommer: "Die Familie ist es, die unseren Zeiten not tut, sie tut mehr not als Kunst und Wissenschaft, als Verkehr, Handel, Aufschwung, Fortschritt …"
Es sind die versteckten Berührungspunkte zwischen drei einzigartigen Werken, die die Lektüre dieses literarhistorischen Tripelporträts höchst aufschlussreich machen. Natürlich war die Wirkung der Bücher so verschieden wie deren Werkgeschichten. "Madame Bovary" wurde schnell zum europäischen Ereignis, "Les Fleurs du Mal" kursierte zunächst als ein europäisches Gerücht, "Der Nachsommer" blieb lange ein Geheimtipp. So muss auch Wolfgang Matz einräumen: "Die Welten, in denen Flaubert, Baudelaire und Stifter ihre Bücher veröffentlichten, vor allem aber die Welten, in denen sie ihre Bücher schrieben, waren so sternenweit voneinander entfernt, dass ihre epochale Gleichzeitigkeit im Blick eines Lesers kaum vorstellbar ist." Doch der Autor hat noch einen Trumpf in der Tasche, den er am Schluss seines Buches in Gestalt eines namhaften Lesers ausspielt, der mit allen drei Werken vertraut war: Friedrich Nietzsche. Der selbsternannte Umwerter aller Werte, der die "fadenscheinige Kultur" des 19. Jahrhundert so wortgewaltig demaskiert hat, wusste die sprachliche Vollkommenheit Flauberts durchaus zu schätzen. Hatte doch dieser, seiner Meinung nach, "das klingende und bunte Französisch auf die Höhe gebracht". In Baudelaire erkannte Nietzsche einen Wahlverwandten, den Künstler "eines vielleicht verdorbenen, aber sehr bestimmten und scharfen, seiner selbst gewissen Geschmacks: Damit tyrannisiert er die Ungewissen von Heute." Den "Nachsommer" schließlich zählte er zu jenen wenigen Büchern, die es verdienen, "wieder und wieder gelesen zu werden". Stifters Hauptwerk nahm er "mit tiefer Gewogenheit" in sich auf und urteilte abschließend: "im Grunde das einzige deutsche Buch nach Goethe, das für mich Zauber hat." So gewinnt das Jahr 1857 dank ausgesprochen anregender Trouvaillen und Querverbindungen nicht zuletzt deutschfranzösische Kontur. 150 Jahre Emma Bovary, Blumen des Bösen, Nachsommer: Man muss die literarischen Feste einfach lesen wie sie fallen.
Medard Ritzenhofen

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1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter.