Jenseits des Stroms. Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers.

Aus dem Französischen von Manfred Flügge

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Radvanyi, Pierre
2005, Aufbau Verlag, ISBN10: 3351025939

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 4/2005 

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Rezension / Compte rendu:
Anna Seghers: Exil in Frankreich und zurück

Ein persönlicher Bericht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und darf auf letzte Urteile verzichten. Gerade dies macht "Jenseits des Stroms - Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers" zu einem lesenswerten Buch. Der Autor Pierre (Peter) Radvanyi wurde 1926 in Berlin geboren, 1933 emigriert die Familie nach Frankreich: Anna Seghers, mit bürgerlichem Namen Netty Radvanyi, ihr Mann Laszlo, die Kinder Ruth und Peter. 1941 geht die Flucht nach Mexiko weiter. 1947 siedeln die Eltern in die DDR über, während der Sohn 1945 zurück nach Frankreich geht, wo er bis heute lebt.
Erstaunlich, wie man sich 1933 zunächst in einem Pariser Vorort einzurichten vermag. Seghers schreibt in dieser Zeit im Exil an ihrem Roman "Das siebte Kreuz". Die Kinder besuchen die Schule, lernen Französisch, verbringen sogar Ferien am Meer - "Jahre einer glücklichen Kindheit" -, die Großeltern aus Mainz schicken regelmäßig Pakete. Doch rasch wendet sich das Blatt: Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt im August 1939 verwirrt die Emigranten. Dann wird der Vater, im Zuge der Verhaftung "feindlicher Ausländer" ab April 1940, in das Lager Le Vernet am Fuße der Pyrenäen verbracht. Der Rest der Familie sucht den deutschen Truppen zu entkommen und findet sich im Strom der "Unerwünschten" auf Landstraßen und Bahnhöfen wieder. Mit Hilfe der "Liga Amerikanischer Schriftsteller" gelangt die vereinte Familie endlich auf ein Schiff nach Amerika. An Bord waren auch Alfred Kantorowicz, Victor Serge, André Breton und Claude Lévi-Strauss.
Im mexikanischen Exil trifft Seghers alte Bekannte, etwa Bertolt Brecht, Helene Weigel, Egon Erwin Kisch; sie lernt Diego Rivera, Lenka Reinerová und Pablo Neruda kennen. Die politischen Querelen unter den Emigranten sind wenig erfreulich, zudem erleidet Anna Seghers 1943 einen schweren Unfall - in dem Jahr, als ihre Mutter in Auschwitz ermordet wird. Der Tod zieht als Motiv in ihr Werk ein.
1947 geht Seghers in die "sprachliche Heimat" zurück, doch das ist das zerstörte Deutschland. Ihr "Heimatgefühl" wird bald durch ein Klima der Lügen und Kälte verletzt. Der "Hitlerfaschismus hat nicht nur die alten Städte zertrümmert", er hat auch die "moralischen und intellektuellen Werte" vernichtet, schreibt sie an Nico Rost. Sie will dem humanen Kern ihre Stimme verleihen, wird Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes. Bald kommen ihr die Verbrechen Stalins zu Ohren, und als 1956 schließlich Walter Janka als "Oberhaupt der Konterrevolution" zu Zuchthaus verurteilt wird, ist auch Seghers' Ansehen beschädigt; man wirft ihr "Verrat" am alten Genossen vor. Marcel Reich-Ranicki beschuldigt die "Staatsdichterin" 1969 gar der "Liebe zu Stalin".
Pierre Radvanyi beobachtet zwar, wie die sozialistische Utopie, deren Missbrauch in den Jahren zwischen Mauerbau und Prager Frühling besonders ausgeprägt war, für seine Mutter bedrückend wird, doch beurteilt er die Problematik nur sehr distanziert und nicht als Zeuge der Anklage. Er will seine Erfahrungen festhalten, von der Lebensweise seiner Mutter und ihrer Erzählfreude berichten. Nach der Lektüre kann man sich kaum vorstellen, dass ihre Liebe Stalin galt.
Cornelia Frenkel

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Jenseits des Stroms. Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers.