2005, Monaco , ISBN10: 2268055094
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 1/2006
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Rezension / Compte rendu:
Eine Stadt mit dem Fluch des Unvollendeten
"Die Berliner Republik", so schließt Vernet seinen Roman, "hat von der Bonner den Imperativ der Bescheidenheit geerbt, die Verweigerung jeder Abenteuer, Geschichtsbewusstsein, Geschichtsverantwortung. Die Schwere des Vergangenen, wie sie einem in Berlin an jeder Straßenecke begegnet, könnte die Stadt dabei ernsthaft, düster, traurig erscheinen lassen. Die Unbekümmertheit andererseits sie den Sinn für die Geschichte verlieren lassen. [...] Berlin liebt die Bewegung, den Wechsel - um eine Vergangenheit zu vergessen, die zu schwer zu tragen ist. Und dennoch versteht sich die Stadt nicht ohne die Geschichte. Ohne ein Buch in der Hand kann man sie kaum durchqueren - um hinter ihrer nur scheinbaren Oberflächlichkeit das Geheimnis ihrer Faszination zu entschlüsseln". So schließt der renommierte französische Publizist und Essayist Daniel Vernet seinen Roman zur Hauptstadt des vereinigten Deutschland.
Herausgegeben von Vladimir Fjodorovski in der Reihe "Der Roman der magischen Orte" nähert sich der Autor der Stadt über ausgewählte Persönlichkeiten an: Waldemar, Sophie-Charlotte, Friedrich der Große, Wilhelm der II., Rosa Luxemburg, Walter Rathenau, Marlene Dietrich, Albert Speer, Ernst Reuter und Willy Brandt. Diese Personen, deren Porträts er originell nachzeichnet und sich dabei immer wieder auf die "Deutsche Geschichte" des Freundes JosephRovan stützt, sind dabei Anlass zugleich. Friedrich-Wilhelm ist Anlass, das Potsdamer Edikt und die Geschichte der Hugenotten in Berlin, ihren Beitrag nachzuzeichnen (S. 20): Über 40 neue Handwerke brachten sie mit, und nur kurz betrachteten die Berliner die Neuankömmlinge misstrauisch, die die Sprache des Hofes sprachen, und dennoch von einfachem Stande waren. Schnell waren sie integriert. Rosa Luxemburg ist Anlass, die radikalen Verhältnisse und Aufstände nach dem Ersten Weltkrieg zu thematisieren, die verfassungsgebende Versammlung wählte sich Weimar, ruhig und fern (S. 70). Marlene Dietrich schließlich symbolisiert das Verrückte der "Goldenen 20er Jahre" (S. 97), die für das heutige Berlin, so Vernet, der Bezugspunkt geblieben sind - und eben nicht Rom oder Paris (S. 163).
"Berlin bringt beispiellose Persönlichkeiten hervor" stellt der Autor fest, und nennt nicht nur die Nobelpreisträger Einstein, Bosch und Heisenberg, sondern auch die Künstler Brecht, Reinhard, Piscator, Hauptmann, Weil, Kandinsky, Kokoschka, Gropius und viele andere (S. 97). Auch Schönberg, Webern und Wittgenstein seien erst in Berlin zu dem geworden, was sie später waren. Berlin, Stadt der Superlative: Die erste Fernsehsendung der Welt (S. 98), das größte Unternehmen der Welt zu seiner Zeit - die Berliner Verkehrsgesellschaft 1922. Ernst Reuters Kampf um Berlin, das "Völker der Welt, schaut auf diese Stadt", wird eindringlich hervorgehoben.
Berlin, so Vernet, Symbol des Kalten Krieges ebenso wie seines Endes, hat seinen Platz in der Geschichte wiedergefunden. Wenn Paris - der Autor zitiert Walter Benjamin -, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts war, so ist Berlin das Epizentrum der Geschichte im 20. Jahrhundert. Metamorphosen und Brüche, Diskontinuitäten wie sie extremer keiner Stadt widerfahren können, sind Synonym für Berlin. Berlin, Thermometer der Entspannungspolitik, Berlin, unheimliche Hauptstadt (ein Spiegel-Titel von 1966), Berlin, stets verspätete Metropole - unzählig sind die Versuche, das Besondere in Worte zu fassen. Daniel Vernet hat einen neuen Versuch unternommen, der ihm gelungen ist. Bei Stendhal - "welche Idee, auf Sand eine Stadt zu bauen" - macht er ebenso Anleihen, wie bei Heine und Canetti. Er umkreist die Stadt über historische Zeugnisse, die sich immer wieder widersprechen: Genau diese Widersprüchlichkeit ist es ja, die Berlin so anziehend, so geheimnisvoll macht, und das so lange schon. Vernet und seine Stadt sind Komplizen, denn nicht zuletzt teilen sie die Erfahrung von Diskontinuität, von Metamorphose und Bruch.
Daniel Vernet, 1945 in Chamalières geboren und 1965 Studienabsolvent des berühmten Institut d'Études Politiques, leitet seit 1991 die Auslandsabteilung von "Le Monde". Ein Buch zu Berlin zu schreiben war dem Autor ein besonderes Anliegen, denn alle Fragen Europas im 20. Jahrhundert kristallisieren sich, wie er einleitend schreibt, gerade hier. Sein Roman malt Bilder von Berlin, über jene, die es bewohnt, zu dem gemacht haben, was es ist. Im Guten, wie im Schlechten. "Le roman de Berlin" ist eine Erzählung, die die Geschichte des Ortes mit der Vereinigung der zwei Städte Berlin und Cölln im Jahre 1237 beginnen lässt und bis zum heutigen Tag, der erneuten Vereinigung einer "am Anfang doppelten Stadt" (S. 7), weiterverfolgt. Ende offen, im Fluss. Der Leser denkt weiter, betrachtet die Entrüstung der West- und Ostberliner anlässlich der Einweihung des Lehrter Bahnhofes, des Endes für den Ostbahnhof, für den Bahnhof Zoo: Vergehen denn nicht eigentlich die beiden Teile der Stadt, West- und Ostberlin, und tritt nicht etwas völlig Neues an ihre Stelle? Was geschieht als Nächstes? Denn sicher ist ja, dass die Geschichte in Berlin im Fluss ist, und dass sie tagtäglich fortgeschrieben wird. Das ist es sicherlich, was den Unterschied zu so gefügten, klassischen, und im eigentlichen Sinne schönen Städten ausmacht wie Rom und Paris: Berlin bleibt eine werdende Stadt - und damit mit dem Fluch des Unvollendeten belastet.
Vernets für ein deutsches und französisches Publikum sehr empfehlenswerter Roman bereichert durch Nuancen, Erklärungen und Eindrücke, die sich auf die deutsche Hauptstadt beziehen, doch letztlich immer wieder gekonnt - mit dem Blick eines großen Europäers quer durch die deutsche Geschichte - auf Deutschland als Ganzes.
Susanne Nies



