2012, Luchterhand, München, ISBN10: 3630874029
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 2/2013
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 2/2013
Rezension / Compte rendu:
Eine besondere Sicht des Krieges
Alexis Jennis preisgekrönter Monumentalroman
Der Titel des fast 800 Seiten starken Romans von Alexis Jenni, 2011 immerhin mit dem Prix Goncourt geehrt, suggeriert zumindest eine besondere französische Perspektive des Krieges: Danach wären Frankreichs Kriege anders als die anderer Staaten.
Ist die französische Sicht auf Krieg, auf das politisch-militärische Verstricktsein in die Konfliktzonen dieser Erde eine besondere? Ist sie anders als, beispielsweise, eine deutsche Sicht darauf? Ergibt eine solche Frage, die nationale Belange mit zahlreichen Aggressionen und skandalösen Gräueltaten verquickt und sie gleichzeitig wie im Titel des Buches – vermutlich ironiefrei – zur "Kunst" nobilitiert, überhaupt einen Sinn?
Das ist zunächst einmal eine interessante These. Zweifellos lassen sich allein für das 20. Jahrhundert, dem wohl mit Abstand mörderischsten aller Zeiten, eine Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen feststellen, bei denen Frankreich eine besondere Rolle spielte. Unabhängig von den beiden Weltkriegen hatte sich die Grande Nation vor allem in ihren Kolonialgebieten in Indochina und in Algerien "engagiert" und am Ende, milde ausgedrückt, einen enormen Imageverlust hinnehmen müssen.
Der Roman folgt diesen französischen Interventionen auf eigene Weise. Zu Anfang des Romans erleben wir einen Erzähler, der angesichts der Fernsehbilder vom zweiten Golfkrieg 1991 und des Aufbruchs eines französischen Regiments in diese Region sich die Frage nach der Rolle seines Landes stellt. Er trifft in einem Lyoner Bistrot auf eine schillernde, im weiteren Verlauf des Romans zentral werdende Figur, Victorien Salagnon, einem Veteranen französischer Kolonialkriege, der vor allem in Vietnam und Algerien zum Einsatz kam – eine hochambivalente Figur, ein moralisch subversiver Krieger, der sich, man darf vermuten:aus Kompensationsgründen, auch als Künstler gerierte,a ls Maler, der unentwegt mit Tusche sogenannte "heroische Porträts" des Krieges festhielt.Seiner Geschichte geht der Erzähler akribischnach , sie beginnt 1943, als Salagnon als Pfadfinder unterwegs ist und über die Maquisardserste Kontakte zur Résistance bekommt ("Sie erhielten eine Ausbildung, die exakt auf den Krieg abgestimmt war"), und sie reicht bis zum Ende des Kolonialkrieges in Algerien 1962. "Wie die Schlachter" habe man sich in all diesen Gebieten aufgeführt, so fasst Salagnon es selbst zusammen. Am Ende ist das Scheitern und der damit verbundene Rückzug aus den Kolonialgebieten für ihn in erster Linie keine Niederlage des Militärs, sondern vornehmlich ein Sieg der Hartnäckigkeit der anderen, der renitenten Ausdauer der Menschen, die die Besetzung erleiden mussten: "Die Araber hoben nicht den Blick, wandten ihn nicht ab, sahen sie nicht an; sie lehnen uns ab, dachte Salagnon. Wir werden früher oder später weggehen, geschlagen von ihrer Geduld, alles zu ertragen."
Subtile Fragen
Eine der stärksten Passagen des Buches spielt in Vietnam, Salagnon weilt im Range eines Oberleutnants dort, er leidet unter den klimatischen Bedingungen, das Terrain ist unzulänglich, alles erscheint kompliziert, aber eine Sinnfrage verliert sich alsbald im nackten Überlebenskampf. Mit verstörender Lakonik wird der Kampf gegen die Vietminh geschildert: "Das Dorf war klein, sie setzten es in Brand." In den Flüssen schwimmen die Leichen zu hunderten, die Gräuel werden von beiden Seiten in Überfülle begangen. Der "koloniale Schandfleck" ist als solcher benannt, die Protagonisten diskutieren nunmehr aus zeitlichem Abstand (neben Salagnon sein Widerpart Mariani sowie der Erzähler selbst). In ihrem Streitgespräch sind sie sich einig in der Einschätzung hinsichtlich der Rolle de Gaulles (sie verteufeln ihn), sie lamentieren über das "kopflos gewordene Land", das seine Geschichte allzugerne verdrängt und stattdessen einer nichtsnutzigen, beschönigenden Erinnerungskultur nachhängt: "Damit niemand es vergisst, heißt der Platz vor dem Rathaus Place du 20-août-1944. Mit anderen Worten Platz des Tages, an dem das Blutbad stattfand oder Platz unseres Todestages. Warum hat man ihn nicht Platz der Freiheit genannt, Platz der wiedergefundenen Würde, Platz der rechtzeitig eingetroffenen motorisierten Zuaven, Platz der 120 deutschen Soldaten, die wir getötet haben oder Platz des letztlich zerstörten Panzerzugs?"
Das sind durchaus subtilere Fragen, die auf den Kern nationalen Selbstverständnisses zielen; insgesamt aber gerät Jennis Buch, das seinen kritischen, aufklärerischen Ansatz ja nie leugnet, trotz großartigen Beobachtungen schlichtweg zu lang bzw. zu weitschweifig. Ganz abgesehen von der Frage, ob diese innerfranzösische Sicht auf die Verstrickungen eigener Kolonialzeit einen (notwendig geschichtlich motivierten) Leser jenseits des Hexagons in dieser Detailliebe zu interessieren vermag, stoßen gewisse Einlassungen sowohl in ihrer naturalistischen Drastik als auch in der zum Teil damit einhergehenden Klischeehaftigkeit und nicht zuletzt auch durch einige verschwurbelte Erläuterungen zu Ethnien und Rassen eher negativ auf; letzteres klingt zumindest für deutsche Ohren mitunter befremdlich. Interessant ist freilich Jennis Volte am Ende des Buches, wo er die Verlängerung der kolonialen Verstrickung in den gewaltbereiten Ghettos der Großstädte, "in denen ab Einbruch der Dunkelheit der Rechtsstaat nicht mehr existiert", ausmacht und wo die Staatsmacht dann mittels ihrer Polizei hilflos zum Knüppel greift. Das scheint mithin die krude Pointe dieses Buches zu sein: einzig Gewalt löst die Probleme, Kompromissbereitschaft wird hingegen als Zeichen von Schwäche ausgelegt. Auf dieser Basis finden die Kolonialkriege der Vergangenheit nunmehr ihre gesellschaftliche Verlängerung in den sozialen, überwiegend migrationsreichen Brennpunkten der Großstädte. Frankreich hätte dieser These nach noch viel zu lernen.
Thomas Laux
Une condamnation de l’héroïsme
L’art français de la guerre, le premier roman d’Alexis Jenni, a été récompensé par le Prix Goncourt en 2011. C’est un dialogue entre un capitaine et un jeune homme désoeuvré sur les conflits qu’il a connus. Ce sont les années de colonisation en Indochine, au Vietnam et en Algérie passées en revue – autant de guerres qui ont fait couler beaucoup de sang, avant de faire couler beaucoup d’encre au travers du travail de mémoire effectué par les intellectuels. Jenni se lance dans une vaste condamnation de l’héroïsme. Ce roman exigeant est aussi une méditation sur l’identité nationale et sur les guerres coloniales, encore bien présentes dans les débats sur la politique africaine de la France aujourd’hui.
Réd.
Une vision de la guerre
« Quand j’ai rencontré Victorien Salagnon, il ne pouvait être pire, il l’avait faite tout entière la guerre de vingt ans qui nous obsède, qui n’arrive pas à finir, il avait parcouru le monde entier avec sa bande armée, il devait avoir du sang jusqu’aux coudes. Mais il m’a appris à peindre. Il devait être le seul peintre de toute l’armée coloniale, mais là-bas on ne faisait pas attention à ces détails. Il m’apprit à peindre, et en échange je lui écrivis son histoire. Il dit, et je pus montrer, et je vis le fleuve de sang qui traverse ma ville si paisible, je vis l’art français de la guerre qui ne change pas, et je vis l’émeute qui vient toujours pour les mêmes raisons, des raisons françaises qui ne changent pas. Victorien Salagnon me rendit le temps tout entier, à travers la guerre qui hante notre langue. »
Extrait du roman d’Alexis Jenni



