Bordeaux, mon amour

Eine Liebe zwischen Wehrmacht und Résistance

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Schaake, Erich
2010, List, Berlin 2010, ISBN10: 3471350489

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2011 

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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 3/2011 

Rezension / Compte rendu:
Ein Deutscher rettete Bordeaux

L'histoire d'une romance entre « Wehrmacht  et Résistance » qui a permis de sauver Bordeaux de la destruction.

Ein junger Soldat der Wehrmacht soll die Stadt Bordeaux vor der Zerstörung bewahrt haben. Unwillkürlich denkt man an den letzten Stadtkommandanten von Paris, Dietrich von Choltitz, der die Legende verbreitete, er habe sich 1944 dem Befehl Hitlers, Paris in letzter Minute zu zerstören, widersetzt und damit die französische Hauptstadt gerettet. Entgegen dem von dem General 1950 selbst veröffentlichen "Tatsachenbericht" mit dem Titel "Brennt Paris?" lautete die Anordnung aus Berlin, (nur) die Brücken in Paris zu sprengen, und selbst dazu fehlten Choltitz in dem längst verlorenen Krieg unmittelbar vor der Befreiung die Mittel. Was der General an der Seine nicht konnte, setzte ein Feldwebel an der Gironde unerschrocken ins Werk. Heinz Stahlschmidt sprengte eigenhändig jenen Munitionsbunker in die Luft, in dem das Dynamit lagerte, mit dem die deutschen Truppen unmittelbar vor ihrem Rückzug den strategisch so wichtigen Hafen von Bordeaux zerstören wollten. Er rettete damit nicht nur "die schönste Stadt Frankreichs" ("la plus belle ville de France", von der Stendhal hundert Jahre zuvor geschwärmt hatte), sondern auch Tausende von Menschenleben. Da der ebenso gefährliche wie segensreiche Sabotageakt von einem einzelnen Soldaten durchgeführt wurde, blieb ihm die Anerkennung von französischer Seite versagt. "Die Résistance wollte nicht akzeptieren, dass der Deutsche etwas getan hatte, was ihre Sache gewesen wäre. Einen Oberfeldwebel Heinz Stahlschmidt sollte es in der glorreichen Geschichte der Résistance nicht geben. Die Widerstandsbewegung wollte sich die Ehre der Rettung Bordeaux’ selbst an die Brust heften." So resümiert Erich Schaake die unglaubliche Geschichte eines unbekannten Helden im verminten Gelände der Befreiungsmythen. Der Journalist, der als Deutscher selbst im Bordelais lebt, hat die Geschichte, gestützt auf die örtliche Presse, ausgegraben und zu einem Roman veredelt, oder soll man sagen verschnitten? So vielversprechend der Titel "Bordeaux, mon amour" klingt, die Unterzeile "Eine Liebe zwischen Wehrmacht und Résistance" lässt eine Schmonzette befürchten. Immerhin hält der Autor, der seinen Protagonisten selbst kennengelernt hat, sich an Fakten. Demnach begegnete der 24-jährige Unteroffizier Heinz Stahlschmidt im Frühling 1943 der vier Jahre jüngeren Henriette. An einem "wunderschönen Maisonntag" war es wohl Liebe auf den ersten Blick, die die Französin trotz anfänglicher Bedenken eine Beziehung zu dem aus Dortmund stammenden Soldaten eingehen ließ. Unter ihrem Einfluss nimmt der "Prototyp des anständigen deutschen Unteroffiziers" nach und nach eine kritische Haltung zur deutschen Politik ein. Vom "amour fou" zum Kontakt mit der Résistance ist es nicht weit. Zunächst soll der Deutsche den Franzosen nur Zugang zu dem Munitionsbunker verschaffen. Am Ende führt er, ein "exzellenter Feuerwerker", das "Himmelfahrtskommando" selbst durch. "Henriette war am Fenster stehen geblieben. Es herrschte eine geradezu friedliche Stille. Innerlich aber war sie alles andere als ruhig. Ihr Herz hämmerte so stark, dass sie es fast hören konnte. Sie musste daran denken, dass Heinz in diesem Augenblick sein Leben riskierte, und die Angst um ihn schnürte ihr die Kehle zu. Dann sah sie den Lichtblitz und hörte die Explosion – und wusste, dass er den Bunker gesprengt hatte. Sie hörte auch die Schüsse und die Alarmsirenen. Jeder in Bordeaux hörte es und wusste, dass sich etwas Einschneidendes ereignet hatte." Großes Aufheben wurde um den Sabotageakt, der die Sprengung des Hafens vereitelt und Tausenden Franzosen das Leben gerettet hatte, nicht gemacht. Dass ein deutscher Soldat "die Kastanien für die Résistance aus dem Feuer" geholt hatte, war für deren Heldenmythos zu subversiv. Mit diesem "roman vrai" setzt ein deutscher Autor dem Sprengmeister Stahlschmidt ein spätes Denkmal. Schade, dass kein Franzose auf diese Idee gekommen ist. Schade auch deshalb, weil Erich Schaake ein unbekanntes Kapitel in der deutsch-französischen Geschichte aufschlägt, zu dessen Literarisierung ihm jedoch das stilistische Potential fehlt. Obwohl der Autor von den Chansons aus der Kehle Edith Piafs bis zu den Kleidern von Elsa Schiaparelli kräftig Zeitkolorit aufträgt, wirkt vieles aufgesetzt. Der Hinweis auf Hölderlin, der als Hauslehrer in Bordeaux tätig war, oder die Beschreibung des Theaters als "ein typisches Beispiel klassizistischer Baukunst" kommen allzu bildungsbeflissen daher und passen nicht zu dem bescheidenen Naturell des Protagonisten. Der hielt übrigens nicht nur seiner Henriette, sondern auch Bordeaux die Treue. Aus Heinz Stahlschmidt wurde 1947 Henri Salmide, der in seinem zweiten Leben als französischer Staatsbürger seine erste Liebe heiratete. Als Waffenmeister entschärfte er nach dem Krieg deutsche Minen in der Gironde. Auf einem Foto aus dem Jahr 2000 im Anhang des Buches sieht man den langjährigen Bürgermeister Jacques Chaban-Delmas, wie er "notre ami Henri" die Hand schüttelt. Auf eine offizielle Anerkennung als Widerstandskämpfer wartete dieser lange vergeblich. Erst als Heinz Stahlschmidt am 23. Februar 2010 im Alter von 91 Jahren starb, titelte die Zeitung Sud-Ouest: "Bordeaux a perdu son sauveur."
Medard Ritzenhofen

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