Mit Heine durch Paris
2010, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010, ISBN10: 3455402550
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2011
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 1/2011
Rezension / Compte rendu:
Mit Heine durch Paris
Paris war ihm ein Panoptikum der modernen Welt, in dem man alle Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz suchen und finden konnte. Vor allem aber fand Heinrich Heine sich hier selbst, denn die Nachrichten über die Julirevolution wirkten auf ihn wie ein Erweckungserlebnis: "Ich bin der Sohn der Revolution", schreibt er unter dem Eindruck der Pariser Nachrichten, und sein Entschluss zum Aufbruch ("Ich will selbst nach Paris gehen, um mich mit leiblichen Augen davon zu überzeugen") mangelt weder an Pathos ("Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise ... Ich bin wie berauscht") noch an ungewollter und bitterer Ironie, denn was sich 1830 nach heroischem Barrikadenkampf anhört ("Ich will mein Haupt bekränzen zum Todeskampf") lässt eher an Heines späte Jahre in der Pariser Matratzengruft denken. Von dieser Vorgeschichte erfährt der Leser jedoch nichts; "Mit Heine in Paris" beginnt in den frühen Morgenstunden des 19. Mai 1831, in denen Heines Blick aus der schwankenden Kutsche zum ersten Mal auf die Stadt fällt, in der er sich schon ein Jahr nach seiner Ankunft nach eigenem Bezeugen "wie ein Fisch im Wasser" bewegte. Kundig zeichnen die Autoren Heines Pariser Leben nach, seinen Tagesablauf, seine Wohnungen und die Orte - Restaurants, Bibliotheken, Theater oder Salons -, in denen er regelmäßig verkehrte.
Das ganze Vierteljahrhundert zwischen dem enthusiastischen Aufbruch im Frühjahr 1831 und dem traurigen Ende an einem dunklen Februarmorgen des Jahres 1856 wird in zahlreichen Facetten anschaulich. Allein der Titel - ein Zitat aus einem der ersten Briefe Heines aus Paris - suggeriert eine Begeisterung, die noch heute manchen Heine-Verehrer überkommt, der sich dessen Aufenthalt vor allem als ein "Fest fürs Leben" vorstellt. Dabei nahm Heine schon sehr früh die Dialektik von irrlichterndem Glanz und verlorenen Illusionen wahr, welche den Paris-Mythos entzauberte; sein Verhältnis zu diesem Laboratorium der Moderne schwankt jedoch nicht nur zwischen Begeisterung und Enttäuschung: Es ist vor allem ironisch, und den Auftakt zu diesem Ton gibt Heine schon wenige Monate nach seiner Ankunft, wenn er über das öffentliche Leben in Paris schreibt: "Die Söhne wollen wetteifern mit den Vätern, die so ruhmvoll und heilig ins Grab gestiegen. Es dämmern gewaltige Taten, und unbekannte Götter wollen sich offenbaren."
Auf manche Adresse eines Restaurants oder Theaters, das Heine besucht hat, könnte der Leser gut verzichten; um so dankbarer ist er für Passagen, in denen Heine als Flaneur avant la lettre charakterisiert wird, der "im Modernen die Spuren des Mythischen" zu lesen versteht und der Paris als Erinnerungsraum entdeckt, dessen markante Punkte er "als ein Sinnbild der siegenden Volkgewalt" deutet.
Viel Wissenswertes über Heines Paris-Aufenthalt wird hier zusammengetragen, aber nur in wenigen Aspekten unterscheidet sich "Auf der Spitze der Welt" von Jörg Aufenangers vor vier Jahren erschienenem "Heinrich Heine in Paris", das trotz einer ausführlichen Bibliographie nicht erwähnt wird. Wenngleich es den Autoren zweifellos gelingt, den Leser "Heines Paris entdecken" zu lassen, bleiben manche Fragen zu dessen ironischer Sicht auf sein selbstgewähltes Exil offen.
Clemens Klünemann
Le Paris de Heine
L'ouvrage décrit le Paris de 1831, tel que l'a perçu l'écrivain Heinrich Heine (« Je suis un fils de la Révolution »). Un mélange d'admiration et de déception, ponctué de remarques ironiques, ne serait-ce que dès le titre qui évoque « le sommet du monde ».
Réd.



