2011, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, 2011, ISBN10: 3423248688
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2012
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Rezension / Compte rendu:
Schuld und Schweigen
Seine Mutter erzählte ihm von den Gräueln, die sein Vater im Algerienkrieg mit ansehen musste. Von der schwangeren Frau zum Beispiel, welche französische Soldaten mit Fußtritten malträtiert hatten. Der Vater selbst sprach nie darüber. Von den Franzosen mit durchgeschnittener Kehle und von algerischen Napalm-Opfern erfuhr Laurent Mauvignier, der 1967, fünf Jahre nach Ende des Algerienkriegs, in Tours geboren wurde, durch Fotos in den Medien, die bis heute das Bild dieses Krieges dies- und jenseits des Mittelmeers prägen. Die Fotos, die Mauvigniers Vater, sein Onkel und die Nachbarn in dem kleinen Ort, in dem er aufwuchs, aus Algerien mitgebracht hatten, ähnelten eher Urlaubsfotos. "Alles darauf war friedlich und freundlich", sagt der Schriftsteller und sieht dabei aus, als würde er sich immer noch fragen, warum. "Es beunruhigte mich, dass die spielenden Kinder und die schönen Landschaften nicht zu dem passten, was mir meine Mutter erzählt hatte."
Man wusste genau, wer in Algerien gewesen war und wer nicht. "Aber keiner der Männer sprach darüber, wir fragten auch nicht." Später konnte Laurent Mauvignier seinen Vater nicht mehr fragen, weil der sich das Leben genommen hatte.
Nach dem Krieg
Schweigen, Scham und Schuldgefühle der Kriegsheimkehrer, die Kluft, die sich zwischen sie und die Daheimgebliebenen geschoben hatte und die Nachwirkungen des Kriegs bis heute umkreist Laurent Mauvignier in seinem sechsten Roman, der seit September auch auf Deutsch vorliegt. "Die Wunde" ("Des hommes" im französischen Original) ist die Geschichte von Bernard, seinem Cousin Rabut, ihrem Ex-Kameraden Février und ihren Familien und Nachbarn in einem nordfranzösischen Dorf. Der Algerienkrieg liegt lange zurück; diejenigen, die ihn nicht hautnah erlebten, denken kaum mehr daran. Und überhaupt, für die Alten war der Algerienkrieg nicht vergleichbar mit dem Alptraum ihrer Generation: Verdun.
Doch Bernard kann und will nicht vergessen, auch nicht, was in seiner Familie geschah, bevor er als 20-jähriger Bauernsohn in ein Land geschickt wurde, von dem er praktisch nichts wusste, wo er Franzosen und Algerier auf allen Seiten Grausamkeiten und Verrat verüben und sterben sah, wo sogar unklar war, wer Franzose und Algerier, wer Freund und Feind war, wo er eine zarte Freundschaft zu der achtjährigen Fatiha und die Liebe zu der viel umschwärmten Mireille fand, mit der er nach dem Krieg in Paris lebte und Kinder bekam, und wo er treue Kameraden hatte, auch Harkis – Algerier, die auf Seiten der Franzosen kämpften –, die französische Soldaten nach Kriegsende auf Befehl von den Lastern, die nach Frankreich fuhren, zogen und sie so der oft tödlichen Rache ihrer Landsleute aussetzten.
Über all das spricht Bernard genauso wenig, wie es Laurent Mauvigniers Vater getan hatte. Der Leser erfährt nach und nach davon, vor allem durch innere Monologe, die miteinander verschmelzen, so dass manchmal unklar ist, ob sie von Rabut, Bernard oder jemand anderem stammen. Über Bernard liest man zu Beginn: "Zwar werden sie ihn, wie seit Jahren schon, Feu-de-Bois nennen, aber einige werden sich daran erinnern, dass er, auch wenn er verdreckt herumlief, nach Fusel stank und verwahrlost war, mit seinen 63 Jahren noch immer keinen richtigen Vornamen hatte." Und: "Es war nur eine abrupte, kaum merkliche Bewegung, mit der er den Mund schloss und sich unter dem dichten, gelbstichig grauen Schnauzbart womöglich auch auf die Lippe biss. Aber sicher war das nicht. Sein Gesicht war wie eine rote und aufgedunsene Maske, aus der verschwommen wie von Regenwasser grau umflort zwei blaue Augen stierten; und dieser Flor, das waren keine Tränen, das war nichts, denn Feu-de-Bois selbst war nichts anderes mehr als kompaktes Schweigen. In dem Moment, als seine Hand erneut das nachtblaue Ding umschloss, hatte er sich ganz in sich zurückgezogen."
Das nachtblaue Ding war eine kostbare Brosche, die Bernard seiner Schwester auf der Feier zu ihrem 60. Geburtstag überreichte. Der Erzähler, an dieser Stelle wohl Rabut, spürt nicht nur die Verachtung der Dörfler für Bernard, der seit Jahren einen ekelerregenden Gestank verströmt, von ihren Almosen lebt und dieses Geschenk ihrer Meinung nach nur gestohlen haben kann, sondern auch die Verachtung Bernards für "diese Bauerntrampel, die Paris nur von Ansichtskarten oder aus dem Fernsehen kannten, die überhaupt nichts anderes kannten als das Wasser vom hiesigen Fluss und die ölig schmierigen Sümpfe, aus denen die Kühe saufen mussten, als sie alle hier noch Kinder waren". Sogar Solange, die ihren Bruder immer verteidigt und beschützt hat, verdächtigt ihn des Diebstahls, und so schlägt seine Freude über das schöne Geschenk in Frust und (Verbal-)Attacken um: Er beschimpft einen algerischen Kollegen Solanges, der schon lange im Dorf lebt, als "Drecksaraber". Daraufhin brechen auf allen Seiten alte Wunden auf.
Der innere Monolog
Durch kleine Gesten seiner Figuren, ihren gnadenlosen Blick aufeinander, verdeckte Konflikte und heimliche, nur selten laut geäußerte Gedanken schafft Mauvignier eine spannungsgeladene Atmosphäre. Der Leser nimmt gegenüber den Figuren immer mehrere Positionen ein, weshalb niemand als nur gut oder nur böse erscheint. Trotz der beeindruckend vielschichtigen Charakterisierungen ist Psychologie für den Autor aber bloß ein Mittel unter vielen. Ihm gehe es vor allem um die Energie, den Rhythmus der Sprache, um das richtige Tempo. Er schreibt mit Ohrstöpseln, um sich ganz auf den Klang im Kopf konzentrieren zu können. "Ein Punkt, der mir wichtig erscheint, ist, dass der innere Monolog zur selben Zeit erfunden wurde wie das Kino, die Luftfahrt und das Auto. Für mich entspricht er der Vorliebe der Moderne für Geschwindigkeit, Genauigkeit und Effizienz." Davon abgesehen könne er gar keine Dialoge schreiben, er sei aber dabei, sich zu diesbezüglich zu bessern: "Im Roman, an dem ich gerade arbeite, gibt es richtige Dialoge." In seinen ersten Büchern habe es nur Blöcke inneren Monologs gegeben; in "Die Wunde" seien die Blöcke schon etwas gelockert, "es gibt einzelne Sätze, die isoliert stehen, und Passagen mit dialoghaften Zügen".
Das Ungesagte beflügelt Mauvigniers Fantasie. Zugleich stößt er in all seinen Romanen ans eigentlich Unsagbare und lässt den Leser die Grenzen der Sprache spüren. Extreme Erfahrungen von Gewalt, Angst, Trauer und Liebe könne kein Schriftsteller in ihrer Komplexität und Vielfalt ganz erfassen. Und wie nach einer individuellen oder kollektiven Katastrophe weitermachen? In "Apprendre à finir" (in deutscher Übersetzung: "Ein Ende finden") gibt sich eine Frau nach einem schweren Unfall schier endlosen Illusionen über die Beziehung zu ihrem Mann hin. Und in Mauvigniers vorletzten Roman "Dans la foule", der noch nicht auf Deutsch erschienen ist, bildet die Massenpanik im Brüsseler Heysel-Stadion, wo am 29.Mai 1985 während eines Fußballspiels 39 Menschen umkamen, den Rahmen für den Umgang mit Verlust und Trauer.
Fenster in die Vergangenheit
"Die Wunde" ist in vier Kapitel unterteilt: Nachmittag, Abend, Nacht und Morgen. Von diesem einen Tag der Rahmenhandlung aus öffnet der Autor vorsichtig, aber weit, Fenster in die Vergangenheit. Nacht, das längste und einzige Kapitel, das im Präsens geschrieben ist, versetzt den Leser mitten ins Kriegsgeschehen. In Algerien hat die Angst Bernard fest im Griff, sogar wenn er an Mireille denkt: "Er sagt sich auch, jetzt schreiben wir uns schon häufiger und schmieden Pläne, und, morgen, wenn alles vorbei ist. Sagt sich, wenn erst alles vorbei ist, bald wird’s vorbei sein. All das, in der Nacht. Und diese Bewegung, die er vernimmt, rechts von ihm, als komme, als marschiere etwas auf ihn zu. Aber was er jetzt hört, das sind keine Schritte auf toten Ästen oder Buschwerk, nein, was da klappert, das sind seine Zähne in seinem Mund, seine Angst im Mund, die zusammengepressten Kiefer, das Zahnfleisch könnte bluten, er könnte sich die Zähne ausbeissen, sobald die Salve durch die Nacht peitscht." In hartem Kontrast zum aufgewühlten Inneren der Soldaten stehen berückend schöne Landschaftsbeschreibungen und die Ruhe in ihrem französischen Dorf, in das sie zurückkehren, ihre Erinnerungen tief in sich verschlossen.
Antworten auf Fragen
Als dieser Roman in Frankreich erschien, kamen bei Veranstaltungen viele Menschen seines Alters auf Laurent Mauvignier zu und sagten, dieses Buch gebe in gewisser Weise Antworten auf Fragen, die sie sich seit ihrer Kindheit stellten. "In Frankreich gibt es Millionen Menschen, die sich fragen, was in Algerien mit unseren Vätern passiert ist, was sie getan haben und wie sie mit all dem leben konnten." Vereinzelt wurde sein Recht angezweifelt, darüber zu schreiben, obwohl er den Krieg nicht miterlebt hat. Er glaubt jedoch, gerade seine Position als Unbeteiligter sei der Grund dafür, dass sein Roman so viele Menschen erreicht: "Die meisten Bücher über den Algerienkrieg stammen bisher von Militärs oder pieds-noirs, nicht von dem kleinen Mann, der irgendwie in diesen Krieg hineingeriet, oder von Leuten, die nach dem Krieg geboren wurden." Lange sei sogar in der Öffentlichkeit kaum über den Algerienkrieg gesprochen worden, ganz im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, "wo die Franzosen sich als Opfer fühlen konnten". Das ändere sich langsam, jetzt, wo die Enkel von Algeriern mit den Enkeln von französischen Soldaten im Klassenzimmer sässen. "Wenn sie über den Algerienkrieg sprechen, sind sie emotional nicht so involviert."
"Die Wunde" ist jedoch, außer einem Roman über den Algerienkrieg und über die Unmenschlichkeit des Krieges im allgemeinen, auch ein Familien- und Freundschaftsroman, ein Roman über den Mikrokosmos Dorf, in dem der Fremde auch nach Jahrzehnten schnell wieder zum Feind wird, und vieles mehr: Dieser Roman ist so vielschichtig und schillernd wie das Leben und kann durch die unterschiedlichen, sich überlappenden Blickwinkel und Stimmen immer wieder neu gelesen werden.
Laurent Mauvignier hat nach dem Abitur zunächst Malerei studiert, weil er Angst vorm Schreiben hatte. Aber bei der Malerei habe er nicht so viel Nähe und Intimität zu seinem Werk gespürt wie beim Schreiben. "Das Schreiben ist die einzige Tätigkeit, bei der ich mich nicht fehl am Platz fühle", sagt er und lacht auf eine zurückhaltende, aber freundliche Art. "Und ich sitze gern am Schreibtisch. Die Gründe dafür, dass ich Schriftsteller bin, sind viel profaner, als die meisten Leute denken."
Jeannette Villachica
Une fenêtre sur le passé
Le sixième roman de Laurent Mauvignier, « Des hommes », vient d’être traduit en allemand sous le titre « Die Wunde » (la blessure). Alors que trois anciens de la guerre d’Algérie sont réunis avec parents et voisins pour une journée d’anniversaire, leur passé qu’ils avaient nié pendant quarante ans fait irruption. En quatre chapitres (après-midi, soir, nuit et matin), l’auteur ouvre la fenêtre qui donne accès à un terrible passé.
Réd.



