Das Pferd

Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Simon, Claude
2017, Berenberg, Berlin, ISBN10: 3946334172

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2017 

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Rezension / Compte rendu:
Im Auge des Pferdes
Szenen, in denen Pferde eine Rolle spielen, tauchen im Werk Claude Simons des Öfteren auf, man darf von einem wiederkehrenden Motiv sprechen. Die diesbezüglich womöglich bekannteste Szene ist eine oft zitierte Episode aus seinem Roman Die Straße in Flandern (Originaltitel:La route des Flandres, 1960), wo der als Soldatentod dissimulierte Selbstmord des Rittmeisters de Reixach im Mai 1940 in Flandern beschrieben ist: Mit gezücktem Degen reitet dieser mitten in eine Salve deutscher Maschinengewehre hinein. Bemerkenswert auch ein Pferdebegräbnis später im Roman, eine Szene, die sich nun zum Teil wortgetreu in der hier vorliegenden, knapp 50-seitigen Erzählung wiederfindet; diese war erstmals zwei Jahre vor besagtem Flandern-Roman, 1958, in der Zeitschrift Les Lettres Nouvelles in zwei getrennten Teilen erschienen.
Der Inhalt ist im Grunde schnell erzählt: Irgendwo im Nordosten Frankreichs ist eine durch Nacht und Regen trottende Truppe von Soldaten zu Pferde unterwegs. Es passiert im Grunde nichts, Beschreibungen der Umgebung wechseln mit einigen kurzen Dialogen, der Ich-Erzähler erscheint gelangweilt, hin und wieder spricht er seinen stark erkälteten Kumpel Maurice an, der seinerseits unwirsch reagiert. Grundsätzlich ist die allgemeine Gefühlslage aller Männer von Ekel und Überdruss bestimmt, der Krieg an einer Stelle als "Schmach des Lebens" beschrieben.
Der Tross gelangt an einen Weiler, wo in einer Scheune drei Soldaten um ein sterbendes Pferd gruppiert sind. Der Ich-Erzähler empfindet den Blick des eingehenden Pferdes als Zumutung, als kreatürliche Anschuldigung, vielleicht auch als Vorahnung des eigenen Todes: „Das Pferd schien sein rundes sanftes Auge mit den langen schwarzen Wimpern auf mich zu richten. Wie einen schmerzlichen Vorwurf, einen schmerzlichen, passiven Protest.“ Maurice, ein Jude, wertet diese Szene hingegen unsentimental, fragt eher verschmitzt nach: "Was ist deiner Meinung nach mehr wert: die Haut eines Pferdes oder die Haut eines Juden?"
Das Pferd wird im Morgengrauen von den Männern begraben; die Gruppe diskutiert lediglich noch, was sie als nächstes, bei Aufbruch, singen soll: einen Choral oder doch lieber ein paar Schweinereien? Und reitet dann weiter.
Die ausgewiesene Simon-Kennerin Mireille Calle-Gruber weist in Ihrem Nachwort auf den Stellenwert dieses Textes im Gesamtwerk hin und widerspricht den Ausführungen des Pléiade-Herausgebers der Simonschen Werkes, Alastair Duncan, der die Erzählung eher als marginalen, ja belanglosen Text erachtet. Die Ökonomie sei hier entscheidend, unterstreicht Calle-Gruber, Das Pferd (Originaltitel: Le cheval, 2015) entspräche einer "Komposition für Kammerorchester", wohingegen Die Straße in Flandern der eines Symphonieorchesters gleiche. Der vorliegende Text zeigt Claude Simon als einen Meister der kleinen Konstruktion und ihrer konzentrierten semantischen Verdichtung, das alles kommt in einer sehr kristallinen Sprache daher. Somit liegt hier ein durchaus gewichtiges Kleinod vor.
Thomas Laux

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