Eine Fallstudie in der französischen Vorstadt Vaulx-en-Velin
2005, Verlag für Sozialwissenschaften, ISBN10: 3810022713
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Rezension / Compte rendu:
Integration und Segregation - die Grenzen der Stadtpolitik
Es kommt nicht oft vor, dass die vielfach mühsame und langwierige Recherchearbeit für soziologische Feldforschungen in die Hauptschlagzeile einer führenden europäischen Tageszeitung gerät und somit Gegenstand eines breiten medialen Interesses und einer politischen Debatte wird. Dem deutschen Sozialwissenschaftler Dietmar Loch ist dies - wenn auch sicherlich unbeabsichtigt - mit seiner Fallstudie zu Jugendlichen maghrebinischer Herkunft in der französischen Vorstadt Vaulx-en-Velin gelungen. Im Rahmen der Materialsammlung zu seiner Doktorarbeit hatte er im Jahre 1992 Jugendliche in dieser Vorstadt Lyons interviewt, um sie zu ihren sozialen Problemen und Wertvorstellungen zu befragen. Zu Beginn der 1990er Jahre hatte es in einigen Vorstädten von Paris und Lyon schwere soziale Unruhen gegeben. Die seit Beginn der 1980er Jahre schwelende Krise in einer Reihe von Vorstadtvierteln der großen französischen Metropolen ist spätestens seit diesen Ereignissen in Lyon unter dem stark vereinfachenden Begriff der "crise des banlieues" zu einem Symbol für die bis heute fortdauernden Verwerfungen und Segregationserscheinungen in der französischen Gesellschaft geworden.
Unter den von Loch befragten Jugendlichen befand sich seinerzeit auch ein junger Algerier namens Khaled Kelkal. Dieser gelangte drei Jahre später zu trauriger Berühmtheit, als er, mittlerweile als einer der verdächtigten Verantwortlichen für die islamistischen Terroranschläge, die Frankreich im Sommer 1995 erschütterten, steckbrieflich im ganzen Land gesucht, Anfang Oktober 1995 von einem Sonderkommando der französischen Polizei in der Nähe von Lyon erschossen wurde. Wenige Tage später veröffentlichte "Le Monde" (7.10. 1995) den Wortlaut des Interviews, das exemplarisch die Lebensumstände eines Teils der Jugendlichen maghrebinischer Herkunft zu Beginn der 1990er Jahre illustriert.
Neben diesem historisch-dokumentarischen Wert dürfte die jetzt in überarbeiteter und aktualisierter Fassung veröffentlichte Dissertation von Dietmar Loch aber auch in der Folge der jüngsten Unruhen in den französischen Vorstädten im November 2005 eine über den engen Kreis der spezialisierten Sozialwissenschaftler hinausgehende Leserschaft finden. Die brennenden Autos, Schulen, Sporthallen, Kindergärten, ja sogar Kirchen und muslimischen Gebetsräume in den Vorstädten von Paris, Toulouse und anderen, auch kleineren Provinzstädten haben deutlich gezeigt, dass trotz umfassender öffentlicher und privater Anstrengungen die Probleme dieser Vorstädte keineswegs bewältigt sind. In der Tat haben sich in den letzten 15 Jahren in fast allen betroffenen Städten zahlreiche Stadtteilvereine und Selbsthilfegruppen für von sozialer Marginalisierung bedrohte Jugendliche gegründet. Staat und Gebietskörperschaften haben ihrerseits erhebliche finanzielle Mittel für Wohnungsbau, Stadtteilsanierung, öffentlich subventionierte Beschäftigungsformen und (Nach)qualifizierungsangebote für benachteiligte Jugendliche ausgegeben. Die Möglichkeiten und Grenzen der "politique de la ville" (Stadtpolitik), wie sie sich seit den 1980er Jahren in Frankreich als Reaktion auf die Krise der Vorstädte zu einem neuartigen, ressortübergreifenden, aber auch von teils sich widersprechenden Interessen und konfligierenden Akteursgruppen geprägten Feld der öffentlichen Politik (policy) entwickelt hat, und grundsätzlicher noch die in der Krise der "banlieue" deutlich werdenden Schwächen des französischen Integrationsmodells sind implizite Leitfragen, die sich durch die gesamte Untersuchung von Dietmar Loch hindurchziehen. Es sind sehr aktuelle Fragen, mit denen sich die französische Öffentlichkeit mehr denn je auseinandersetzen muss, die aber auch zum Vergleich mit ähnlichen Problemlagen in anderen Ländern einladen. Dies zeigt die seit ein paar Jahren in Frankreich sehr kontrovers geführte Debatte über eventuell notwendige Korrekturen des französischen Integrationsmodells, im Sinne einer stärkeren Berücksichtigung von Maßnahmen zur positiven Diskriminierung von (ethnischen) Minoritäten, wie sie in den USA und in Großbritannien praktiziert werden.
Unter diesen Fragestellungen sozialwissenschaftlicher Forschung bietet die Arbeit von Dietmar Loch Einblicke und Erkenntnisse, die in mehrerer Hinsicht bemerkenswert sind. Zum einen handelt es sich um auf sehr authentische Weise erhobenes Datenmaterial, da der Autor für seine Forschung ein Jahr lang sozusagen im Sinne einer "permanenten teilnehmenden Beobachtung" in einem sozialen Brennpunktgebiet einer Lyoner Vorstadt gelebt hat. Die Studie hebt sich somit von zahlreichen journalistischen oder von Politikern und bekannten Fernsehphilosophen aus der geographischen und vor allem kulturellen Distanz geäußerten Schnellanalysen ab, wie sie auch wieder im Zuge der Ereignisse von November 2005 in den Medien zu sehen und zu lesen waren, die aber oft nur bestehende Vorurteile bestärken beziehungsweise Ausdruck von Ratlosigkeit sind.
Das Wohnen "vor Ort" erlaubt dem Autor aber auch, sich selbstkritischer als andere Beobachter mit seiner Rolle als für die interviewten Jugendlichen in mehrfacher Hinsicht Außenstehendem (als "Fremder unter Fremden", als Repräsentant eines "mittelschichtsgeprägten Lebensstils und dessen entsprechenden Wertvorstellungen") auseinanderzusetzen. Hierüber gibt der Teil des Buches, der der Fallstudie in Vaulx-en-Velin gewidmet ist, Aufschluss. Loch analysiert die Segregationserscheinungen, die Lyon bei seiner Transformation von einer alten Industriestadt zur "postfordistischen", europäisch ausgerichteten Dienstleistungsmetropole erlebt hat, und widmet schließlich zwei ausführliche Kapitel der Analyse der Lebenswelt der befragten Jugendlichen und der in Lyon beziehungsweise den Vorstädten zu Beginn der 1990er Jahre betriebenen Stadtpolitik. Diese Analysen sind umso interessanter, als sie nicht nur die Situation zu Beginn der 1990er Jahre schildern, sondern auch zwischenzeitlich stattgefundene Entwicklungen, die der Autor bei weiteren Interviewreihen in den Jahren 1996 und 2002 feststellen konnte, mitberücksichtigen. Somit ist die Fallstudie gerade in forschungsmethodischer Hinsicht aufschlussreich, da dem für derartige Fragestellungen offenen Leser Einblicke in den nicht immer einfachen und teils auch von manchen Enttäuschungen begleiteten Zugang des Autors zum Forschungsgegenstand vermittelt werden. Wohl nicht zu Unrecht spricht Loch von seiner in Lyon erlebten "zweiten Sozialisation", ein Eindruck, der durch die für eine wissenschaftliche Abhandlung eher ungewöhnliche Erzählform in der 1. Person, in der die Fallstudie im zweiten Teil des Buchs geschrieben ist, verstärkt wird.
Demgegenüber bietet der voraufgehende erste Teil einen allgemeinen, aber sehr kompakten Überblick über den (französischen und internationalen) Forschungsstand zu den angesprochenen sozialen Phänomenen. "Integration" und "Konflikt" sind zentrale Leitthemen, unter denen Befunde aus der Jugendsoziologie, vor allem aber der Migrationssoziologie und der Stadtsoziologie zur "Kohäsion der modernen Stadtgesellschaft" in Frankreich allgemein referiert werden. Loch zeigt sehr deutlich, wie das französische Modell für die Integration der Einwanderer jegliche Manifestation kultureller und religiöser Differenz der Einwanderer in der Öffentlichkeit strikt ablehnt, weil dies der angestrebten Assimilation an die universellen Werte der Aufklärung zuwiderlaufe. Dies hat konkrete praktische Auswirkungen bis hin auf die Ebene der Stadtpolitik in Vaulx-en-Velin und anderswo, die vom Anspruch der Verantwortlichen her keine Minderheitenpolitik ist beziehungsweise sein darf, sondern Sozialpolitik für benachteiligte Jugendliche mit dem Ziel einer individuellen Gleichstellung, auch wenn sie sich de facto fast ausschließlich an die Jugendlichen der maghrebinischen Einwanderung richtet. Der republikanische Diskurs hat aber in den letzten 20 Jahren unter den Globalisierungs- und damit verbundenen Segregationstendenzen der französischen Wirtschaft und Gesellschaft an Kohäsionskraft und Glaubwürdigkeit verloren, so dass die bisherige Tabuisierung ethnischer und kultureller Differenz dazu geführt hat, dass bestehende Konflikte mehr und mehr nur noch "negativ", das heißt im Sinne von Gewalt, religiöser Radikalisierung und kultureller Abschottung thematisiert werden. Die positive sozialisatorische und kohäsionsstiftende Funktion von Konflikten und vor allem deren institutionalisierte Formen zur Regulierung und Beilegung, wie sie für die Integration der Arbeiterklasse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konstitutiv waren, kann damit nicht zum Tragen kommen.
Damit dieser Aspekt wirksam werden kann, müssen allerdings die Konfliktparteien sich gegenseitig anerkennen und Möglichkeiten der Interessenartikulation haben, ferner müssen politische und kulturelle Identität getrennt sein. Für letzteres sieht Loch gerade auch in Lyon trotz Islamisierungstendenzen eines (kleinen) Teils der maghrebinischen Jugendlichen durchaus Chancen und mahnt die Weiterführung eines pragmatischen und flexiblen Umgangs mit der kulturellen Differenz an, wie er entgegen offizieller Bekundungen für die bisherige Geschichte des Umgangs mit kultureller Differenz auch in Frankreich letztlich Praxis war. Von dieser Anpassungsfähigkeit des französischen Integrationsmodells jenseits ideologischer Grundsatzdebatten über die Unantastbarkeit des Prinzips der Laizität einerseits oder "den" Islam andererseits hängt, so Loch, die Stärkung der demokratiefreundlichen Kräfte "gegenüber autoritären Stimmen religiöser und rechtspopulistischer Provenienz" ab und damit auch die Zukunftsfähigkeit der Städte in ihrer Funktion als Raum für ökonomisch-soziale Integration und Solidarität auch der Jugendlichen der maghrebinischen Einwanderung.
Werner Zettelmeier



