Einführung in die französische Literaturwissenschaft

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Klinkert, Thomas
2004, Erich Schmidt Verlag, ISBN10: 3503098259

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Rezension / Compte rendu:
Literatur-"wissenschaft"?

Das zu Recht zum dritten Mal wieder aufgelegte Buch gibt eine Einführung in einige Aspekte jener "Wissenschaft", die, anders als ihr Titel nahezulegen scheint, keine französische ist, wohl aber ihren Gegenstandsbereich in der französischen Literatur findet. Gut gelungen ist die vergleichende Betrachtung des Literaturbegriffs im geschichtlichen Wandel und im deutsch-französischen Vergleich. Recht zuverlässig ist sodann die Erläuterung einiger Grundbegriffe der Zeichentheorie und der sprachlichen Kommunikation. Leider bleibt die Rhetorik, die seit der Antike ein gewaltiges Arsenal an Analyseinstrumenten für sprachliche Kommunikation bereithält, aus dieser Darstellung ausgeschlossen. Sie kommt nur als Figurenlehre im Lyrikkapitel vor. Ebenso ausgespart werden die Ansätze und Ergebnisse der textwissenschaftlichen Bemühungen vergangener Jahrzehnte. Ein Kapitel zur Literatur im Kontext der Mediengeschichte berücksichtigt unter anderem mündliche Formen oder auch Handschriften; eine Verbindung zum Film und zu den neuen Medien wird nicht hergestellt.
Dann wird der Leser in die Gattungstheorie einführt und mit Analysemodellen zu narrativen, dramatischen und lyrischen Texten bekannt gemacht. Erfreulich, weil die Interpretationspraxis anregend und fördernd, ist die Demonstration aller Analyseschritte anhand von Textbeispielen. Hier liegt das Hauptgewicht und zweifellos das Hauptverdienst dieser Einführung.
Der wissenschaftliche Status der Literaturanalysen bleibt allerdings etwas nebulös. So heißt es in der Einleitung, eine Sinnkonstruktion, die sich auf den Text einlasse, sei "nicht beliebig oder willkürlich, doch ist sie individuell verschieden" (S. 12-13). Die Frage danach, wie individuelle Meinungen von intersubjektiv gültigen Aussagen zu unterscheiden wären, wird dabei nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Es ist zwar die Rede davon, dass die "Interpretation" "von objektiven und subjektiven Faktoren beeinflusst(e)" sei und mit Hilfe der Metasprache intersubjektiv nachvollziehbar mitgeteilt" werden müsse (S. 13), wie aber die "objektiven" von den "subjektiven" Faktoren zu unterscheiden und in dieser Unterscheidung nachvollziehbar mitzuteilen wären, wird nicht erfragt. Wie aber soll ein Literaturwissenschaftler dann jenem anderen Postulat gerecht werden können, das da fordert: "Ihr Umgang mit Sprache muss reflexiv und kritisch sein, ihre Aussagen müssen überprüfbar und gegebenenfalls widerlegbar (falsifizierbar) sein." (S. 14) Was bloß individuelle Meinung ist, lässt sich gar nicht überprüfen. Die Wahrheit einer Aussage kann nur überprüft werden, wenn es intersubjektiv gültige Beobachtungssätze, also Evidenz gibt, auf die man sein Urteil über die Wahrheit gründen kann. Unklar ist hier auch der Terminus "falsifizierbar". Sollte er im Sinne von Sir Karl Poppers Wissenschaftstheorie verstanden werden, müsste noch geklärt werden, ob es All-Sätze im Sinne Poppers in der Literaturwissenschaft überhaupt geben kann. Es gibt zu diesen Fragen reichlich wissenschaftstheoretische Literatur, die aber auch in anderen Einführungen in die Literaturwissenschaft (auch jenseits der Romanistik) nicht berücksichtigt wird. Deshalb sei dieser Mangel der hier besprochenen Einführung nicht als Manko angekreidet. Er sollte nur deshalb bei einer Besprechung in dieser Zeitschrift Erwähnung finden, weil nicht wenige romanistische Literatur- und Sprachwissenschaftler den wissenschaftlichen Rang ihrer eigenen Arbeit gerne gegenüber dem angeblich nicht-wissenschaftlichen Status einer Landeskunde und Landeswissenschaft ausspielen zu können meinten und meinen, wie sie unter anderem in DOKUMENTE betrieben wird. Das soll uns jedoch nicht hindern, den Nutzen dieser Einführung für die Arbeit in literaturwissenschaftlichen Einführungsveranstaltungen zu betonen und sie dafür auch ausdrücklich zu empfehlen.
Johannes Thomas

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