Zerbrochenes Glas

Originaltitel: Verre cassé

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Mabanckou, Alain
2013, Liebeskind, München, ISBN10: 3954380064

Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2013 

Voir ce livre sur Amazon.fr
Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 3/2013 

Rezension / Compte rendu:
Ohne Punkt, mit vielen Kommas
Alain Mabanckous Roman steckt voller Grenzüberschreitungen

Dieser Roman hat den Preis der Fünf Kontinente der Frankophonie bekommen. Zerbrochenes Glas, einst literarisch interessierter Lehrer, seit langem leidenschaftlicher Vollzeit-Trinker, ein 64-jähriges Wrack, wie er sich selbst sieht, von einer unzerstörbaren Liebe zum Palmwein gezeichnet, von seinem "Teufelsweib" verlassen, hat die Bar wie viele andere Typen mit ähnlichem Schicksal zu seinem Zuhause gemacht.

Für den Wirt des Cafés Angeschrieben wird nicht (im Original: Crédit a voyagé) im kongolesischen Brazzaville sind Sprüche wie "Wenn in Afrika ein Greis stirbt, verbrennt eine Bibliothek" ausgelatschte Klischees. In diesem Land sei "alles Mündliche nur Schall und Rauch, Wildkatzenpipi", heute zähle allein das geschriebene Wort. Da ihm selbst das Talent fehlt, um die Geschichte seiner Bar für die Nachwelt festzuhalten, drückt der Wirt demjenigen seiner Stammgäste ein Heft in die Hand, der unter all den "Suffköpfen" noch am meisten vom Schreiben zu verstehen scheint.
Alain Mabanckous Roman Zerbrochenes Glas, (im Original Verre cassé) bereits 2005 und nun auf Deutsch erschienen, spielt fast durchgehend in dem heruntergekommenen Etablissement im Trois-Cents-Viertel, wo die Menschen zwischen Tierkadavern und Müll, Schlamm und ausgebrannten Autos leben, wo riesige Löcher in den Straßen klaffen, die Häuser kurz vorm Einsturz stehen und man sonntags herausgeputzt zur Messe und, wenn alles Beten nicht hilft, zum Fetischeur, einer Art Zauberer, geht. Als das Awn eröffnet wurde, fürchtete die Kirche sonntägliche Konkurrenz, "Fundamentalisten" der Vereinigung ehemaliger Alkoholiker belagerten die Bar vierzig Tage und Nächte lang, die Stammeshäuptlinge starteten einen mystischen Angriff mit ihren Amuletten –aber der Wirt blieb standhaft und wurde im Viertel bald nur noch Sture Schnecke genannt.
Die Lebensgeschichten, die Zerbrochenes Glas von nun ungefragt von anderen Gästen zu hören bekommt und die er meist in angetrunkenem Zustand im Plauderton ohne Punkt, mit vielen Kommas und wenigen Absätzen schonungslos wiedergibt, sind Geschichten aus einer Männerwelt, in der sich sehr viel um Lust, Eifersucht und Verrat dreht. Am glücklichsten scheint Sture Schnecke zu sein, der Ehe und Kinder für eine Bürde hält und den gelegentlichen Sex mit der schamlosesten Prostituierten des Viertels genießt. Die gescheiterten Existenzen um ihn herum erwarten nichts mehr vom Leben. Dank der Lust des Autors an der Grenzüberschreitung wird aus diesem deprimierenden Stoff ein burleskes Stück. Die Freude Mabanckous an absurden, schonungslos drastischen und schockierend offenherzigen Szenen und an politisch unkorrekter Wortwahl steckt einfach an: Manch derbe Szene und so mancher Macho-Spruch bleibt einem zunächst im Halse stecken bis sich die Anspannung in Lachen entlädt.
Der erste Gast, der Zerbrochenes Glas seine Geschichte aufdrängt, ist die bedauernswerte Kreatur, die immer drei Lagen Pampers unter der Hose tragen muss. Schuld an seinem real gewordenen Albtraum ist natürlich seine Frau: "Das ist keine richtige Frau, sondern ein Topf verwelkter Blumen, ein Baum, der keine Früchte mehr trägt, das ist keine Frau, sage ich dir, sondern ein Sack voller Probleme, und ich sage dir, sie war da, hielt still wie eine Kartoffel aus Bobo Dioulasso, wie eine Kapitalistin, sie war da und wartete nur darauf, dass ich frisch verdientes Geld nach Hause brachte, sie war da und drehte Däumchen, diskutierte morgens, mittags und abends mit den geschiedenen Schachteln, mit den Witwen aus dem Trois-Cents-Viertel, diesen nur mit einem Wickeltuch bekleideten, stinkenden Hexen, allesamt verdorbene Geschöpfe, die sich die Haut bleichen, Lästerzungen, die sich das Haar glätten, um auszusehen, wie die Weißen, dabei lassen sich jetzt die Weißen Zöpfchen ins Haar flechten, damit sie aussehen wie Negerinnen."
Ja, ja, die Frauen ... Glaubt man den Männern im Angeschrieben wird nicht, setzen ihre (Ex-) Frauen Sex als Machtmittel ein und wenn sie genug von den Männern haben, sorgen sie dafür, dass sie wie der Pampers-Mann im Gefängnis landen, wie der Drucker in der Irrenanstalt oder erzählen jedem, der es nicht hören will – das ist Zerbrochenes Glas widerfahren –, ihr Mann sei vom Teufel besessen, "der Gefangene einer beharrlichen Kreatur mit langem, spitzem Schwanz", und schleppen ihn zum Fetischeur, einem Scharlatan, wie es so viele in diesem Buch gibt, in der Hoffnung, dass er den Gatten zur Vernunft und vom Alkohol wegbringt. Natürlich nützt der ganze Hokuspokus nichts, das "Teufelsweib" hat endgültig genug, verlässt Zerbrochenes Glas und der kann sich nun endlich ungestört gehen lassen "wie ein Stück Unrat, das in der Strömung eines umgeleiteten Flusses treibt".

Wort- und Gedankenspiele

Was davon wessen blühender Fantasie entspringt – wen kümmert es? Im Angeschrieben wird nicht nehmen alle gern den Mund voll, schmücken die Wahrheit aus, kehren sie um, verrennen sich in schwindelerregend wirren Thesen und verlieren sich in Wort- oder Gedankenspielen. Der Roman steckt voller Anspielungen an afrikanische Redewendungen und Legenden, an Weltliteratur, politische Manifeste und historische Ereignisse. Teilweise sind die Hintergründe auf den letzten Seiten erklärt.
Alain Mabanckou wurde in der Republik Kongo geboren und pendelt heute zwischen Paris und Los Angeles. Bisher sind elf Romane und Erzählbände, einige Gedichtbände und zahlreiche Essays und Übersetzungen von ihm erschienen. 2010 kam sein Roman Black Bazar als erster in deutscher Sprache heraus. Black Bazar spielt auch zum großen Teil unter Afrikanern in einer Bar, allerdings unter jüngeren Schwarzen in Paris. Die Atmosphäre ist daher von Heimweh und Nostal gie, aber auch von rasanten Eifersuchtsszenen und männlichen Eitelkeiten, von Kulturkonflikten vor allem der Afrikaner untereinander und von Auf bruch und Hoffnungen der Neuankömmlinge geprägt. In Zerbrochenes Glas weicht die anfängliche, beißende Gesellschaftssatire zunehmend den wehmütigen Erinnerungen der alten, gebrochenen Männer. Der titelgebende Ich-Erzähler sehnt sich letztlich nur noch danach, "in der anderen Welt" wieder mit seiner Mutter zusammen zu sein, ihr in die "grauen Fluten der Tchinouka" nachzufolgen. Wahrscheinlich hat er dies alles nur für sie aufgeschrieben.
Jeannette Villachica

Une troupe d’éclopés
L’auteur franco-congolais dresse dans son roman paru en 2005 le portrait des clients d’un bar de Brazzaville (« Crédit a voyagé » ). Le plus assidu d’entre eux, le dénommé Verre cassé, a reçu pour mission, voulue par le propriétaire du bar, de noter dans un cahier tout ce qui a trait à la troupe « d’éclopés » qui fréquente l’établissement. Un roman original sans aucun signe de ponctuation, juste des virgules, qui a valu à son auteur le Prix des Cinq Continents de la Francophonie.
Réd.

Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Voir ce livre sur Amazon.fr
Zerbrochenes Glas