Aus dem Französischen von Peter Geiger
2010, Metropol Verlag La Nuée Bleue, Berlin 2010, ISBN10: 3940938580
Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2010
Voir ce livre sur Amazon.fr
Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 4/2010
Rezension / Compte rendu:
Mit System und barbarischem Gebrüll
Am 23. November 1944 entdeckte die amerikanische Armee Überreste des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass, zwei Monate vorher hatten es die Nazis geräumt. Die Tatsachen seines Terrors kamen in den letzten Jahrzehnten nur zögerlich ans Licht.
Eröffnet wurde Natzweiler-Struthof am 1. Mai 1941. Häftlinge aus 31 verschiedenen Nationen, die oft schon andere Internierungs- und Konzentrationslager hatten passieren müssen, wurden hierher verschleppt. Ihre Freiheitsberaubung wurde unterschiedlich motiviert, meist politisch. In dieses spezielle Lager gerieten bevorzugt sogenannte Nacht- und Nebel-Gefangene, also Personen, die verdächtigt wurden, dem Widerstand gegen die NS-Diktatur anzugehören. Jüdische Insassen waren selten.
Und das war die Einweisungsprozedur: Aussteigen am Bahnhof von Rothau, zu Fuß oder auf dem Lastwagen ins Lager, mit Nummer registriert, persönlicher Gegenstände entledigt, in Einheitskleidung gesteckt. Stacheldraht und Wachposten vereitelten Fluchtversuche: Gewalt, Zwangsarbeit, Sprechen verboten.
Der Historiker Robert Steegmann aus Straßburg hat Jahre geforscht, um die Geschichte des KZ Natzweiler-Struthof und die Schicksale dort internierter Personen zu rekonstruieren. Er führt 52 000 Namen von Gefangenen auf, die ab 1941 in die totalitären Fänge eines Ortes gerieten, der Zug um Zug vom Arbeits- zum Todeslager wurde. Nahezu 22 000 Häftlinge starben an Hunger und Entkräftung, zu Tode geschunden, vernichtet durch Arbeit, für medizinische Experimente missbraucht - oder direkt ermordet.
Natzweiler-Struthof war Bestandteil eines europaweiten KZ-Systems, das Häftlinge hin- und herschob, etwa von und nach Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen oder Ravensbrück. Zur repressiven Funktion kamen 1942 zunehmend ökonomische Zwecke. Nun agierte nicht nur die SS, sondern auch die deutsche Wirtschaft, die Arbeitskräfte für den totalen Krieg benötigte. Natzweiler mutierte zum Zentrum eines Komplexes, der 70 Außenlager und Kommandos umfasste - überwiegend rechtsrheinisch an Rhein und Neckar, z. B. in Geislingen, Vaihingen, Haslach im Kinzigtal, Schömberg, Wasseralfingen, Neckargerach, Neckarelz und Mannheim-Sandhofen, um nur einige Schauplätze zu nennen. Im September 1944 wurden alle Insassen von Natzweiler ins Deutsche Reich geschafft, als Arbeitssklaven für Rüstungsindustrie und Bergwerk; und schließlich bei Kriegsende auf Todesmärsche geschickt.
Die Forschung brauchte Jahrzehnte, um die Tragweite des Geschehens zu erfassen, vor allem in Frankreich. Saß dort der Schock noch tiefer als in Deutschland? Möglicherweise, doch auch die Nutzung einschlägiger Archive war für die französische Geschichtswissenschaft schwieriger. Robert Steegmann hat hier nachgeholt, seine bahnbrechende Aufarbeitung wurde in Frankreich 20 000 Mal verkauft.
Auch die deutsche Übersetzung wird ihre Interessenten finden. Denn entstanden ist ein Nachschlagewerk, dessen grauenhaften Stoff man nicht auf einmal verarbeiten kann - vielmehr wird man immer wieder darauf zurückkommen.
Cornelia Frenkel



