Originaltitel: La bataille d'Occident
2014, Matthes & Seitz, Berlin, ISBN10: 3882211938
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2014
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Rezension / Compte rendu:
Eine Abfolge von Fehlern
Auch Eric Vuillard nimmt sich den Ersten Weltkrieg zum Thema, und auch er in einem von vorneherein abgekühlt wirkenden Sprachduktus, allerdings zunächst ohne erkennbaren Zuschnitt auf ein isoliertes, individuelles Schicksal. Man hat den Eindruck, einer Dokumentation zu folgen, die es sich vor allem zur Aufgabe gemacht hat, die im Vorfeld harmlos erscheinende Ausgangslage zu beleuchten, in der so gut wie nichts auf eine Katastrophe hindeutet. Da wird eine Generation sichtbar, die so wie jede andere vor sich hinträumt, eine Jugend, die auf den Austausch von Küssen mit dem jeweils anderen Geschlecht spekuliert: man will einfach glücklich sein, nichts anderes. Viel zu spät wird diese Generation begreifen müssen, dass sie als Kanonenfutter verplant, ihr Leben als nichtswürdig erachtet ist. Einige Porträts sind wenig bekannt und wirken umso menschlicher, als sie den Porträtierten in seiner eher bescheidenen Kreatürlichkeit zeigen, etwa das von Alfred Graf von Schlieffen, der als ein Besessener des Krieges fast sein ganzes Leben im Generalstab verbrachte und den Krieg gegen Frankreich früh antizipierte. Oder auch das kurz gefasste Porträt des Attentäters von Sarajewo, Gavilo Princip, "der nach mehreren Monaten Haft dieses kleine geschändete Gesicht hatte mit tiefen Augenringen, unendlich traurigen Augen, eine zu große Jacke über dem nackten Oberkörper". Zumeist folgt Vuillard aber in betont sachlicher Tonlage dem Hin und Her der einzelnen Schlachten, wo vermeintliche Vorteile in Nullkommanichts zu Nachteilen werden. Der Krieg erscheint ihm als "eine Abfolge von Fehlern, von Ungeschicklichkeiten". Die Deutschen "schweben" durch Frankreich, derweil im Zeitlupentempo ein Exodus einsetzt Richtung Süden, Richtung Meer. Doch die deutsche Armee macht taktische Fehler, und bald muss sie zurückweichen. Die Ernüchterung am Ende ist mit Händen zu greifen, verklärend nostalgische Momente verbieten sich da quasi von selbst.
Thomas Laux



