La France, l’Allemagne et la Seconde Guerre mondiale.

Quelles mémoires?

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Martens, Stephan (Hg.)
2007, Presses Universitaires de Bordeaux, ISBN10: 2867814324

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 4/2008 

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Rezension / Compte rendu:
Gedächtnis im Singular

Das Gedächtnis und die Erinnerung seien der Geschichtsschreibung stets verdächtig, deren wahre Mission darin bestehe, dieses individuelle und subjektive Erinnern durch objektive Darstellung zu ersetzen und damit zu zerstören – diese Feststellung war es, welche seinerzeit Pierre Nora zur Rettung der Erinnerungsorte in seinem Monumentalwerk über die französischen "Lieux de mémoire" veranlasste. Um so erstaunlicher ist es, wenn Stephan Martens trotz der Frage im Titel seines jüngst herausgegebenen Sammelbandes über die Zeit des Zweiten Weltkrieges dem Erinnern offenbar misstraut und es nur als wissenschaftlich reflektiertes, mit anderen Worten: als durch das Säurebad historiographischer Reflexion gereinigtes akzeptiert. Die Gedächtniskultur der "mémoire" berge die Gefahr sowohl der partikularen Erinnerung mit der Konsequenz des Kommunitarismus als auch die eines kollektiven Verdrängens, ja Vergessens vergangener Konflikte; ihr gelte es im Sinne einer neuen, auf wissenschaftlicher Geschichtsschreibung basierenden Verständigung zwischen den Europäern entgegen zu steuern. Mit Blick auf die jüngsten Debatten um Sarkozys Erinnerungspolitik möchte man diesem Anspruch gerne zustimmen.
Leider setzt sich der von Martens skizzierte Ansatz inhaltlich nicht mit Noras Konzeption der Gedächtnisorte auseinander. Bezeichnenderweise jedoch widerlegen die einzelnen Beiträge zur deutschen und französischen und vor allem zur gemeinsamen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg den Anspruch, jenseits partikularer Gedächtnisformen ein einheitliches, nämlich supranationales und damit europäisches Erinnern und eine entsprechende Geschichtsschreibung zu ermöglichen. Für den deutschen Leser am interessantesten ist dabei zweifellos der Text von Edouard Husson zum Thema "Syndrome de Vichy ou crise de la démocratie?". In seiner kritischen Auseinandersetzung mit Jacques Chiracs Rede vom 16. Juli 1995 zur Mitschuld Frankreichs an der Deportation der französischen Juden zeigt sich ein Staatsverständnis, das in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern zumindest auf Unverständnis stößt. Vichy habe eben mit dem Frankreich der Aufklärung und der Menschenrechte genauso wenig zu tun wie mit dem Frankreich, welches sich bei de Gaulles Appell vom 18. Juni 1940 zu Wort gemeldet habe, hält Husson Chirac entgegen; wer anderes behaupte, rechtfertige "ex negativo" die illegitime Regierung Pétains. Hussons Vertrauen in den Staat und seine Mission sowie in deren durch nichts zu erschütternde Kontinuität ist in anderen Ländern weniger ausgeprägt, und dies zum Beispiel gehört zu den europäischen Unterschieden und den entsprechenden Erinnerungskulturen.
Interessant ist, dass in der von Martens präsentierten Diskussion über Erinnerung und Vergessen der klassische Topos aus Ernest Renans Rede über die Nation keine Erwähnung findet; und ebenso erstaunlich ist der weitgehende Verzicht auf die Berücksichtigung der in der Literatur aufgehobenen Erinnerung: Zwar wird in einem Beitrag auf Günter Grass’ "Beim Häuten der Zwiebel" verwiesen, aber weder Irène Némirovskys "Suite française" noch Cécile Wajsbrots "La trahison" oder Philippe Grimberts "Un secret" kommen zu Wort – um nur einige der jüngsten in der französischen und deutschen Öffentlichkeit mit großem Interesse aufgenommenen Neuerscheinungen zur Erinnerung an die Kriegsjahre zu nennen. Ein überzeugendes Beispiel der unvermeidlicherweise partikularen – und damit vielfältigen – Sicht auf die Geschichte bietet der kluge Beitrag Hélène Camarades zum Wandel des Bildes, welches sich die deutsche Gesellschaft von den deutschen Widerstandskämpfern machte und macht – eines Bildes, das notwendigerweise vom französischen Blick auf den deutschen Widerstand (und auf die französische Résistance sowieso) abweicht. Die Auseinandersetzungen über die Erinnerung an den Widerstand gegen das Hitler-Regime und die unterschiedlichen Beweggründe, die zum Widerstand geführt haben, sei in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zum festen Bestandteil einer zivilen und pluralistischen Bürgergesellschaft geworden, ja habe diese geprägt durch Einübung in die Tolerierung unterschiedlicher Standpunkte, schreibt Camarade.
"Diversité oblige!", möchte man dem Vorwort des Herausgebers entgegenhalten, weil die Antwort auf die im Titel formulierte Frage, welche Erinnerungen an die Zeit des Zweiten Weltkrieges denn angemessen seien, keinesfalls auf einen historiographisch korrekten, aber sterilen Singular reduziert werden kann – und darf.
Clemens Klünemann

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